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Premiere im Anhaltischen Theater DessauDessauer Inszenierung "Vom Winde verweht" holt Scarlett O'Hara nach "Solaris" und in die DDR

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Stand: 31. März 2022, 08:58 Uhr

Margaret Mitchells Roman "Vom Winde verweht" auf einer Theaterbühne, dazu noch kombiniert mit Motiven aus Stanisław Lems Science-Fiction-Roman "Solaris" – wie soll das gehen? Es geht, und wie!

Vor allem handwerklich ist die Uraufführung des Textes von Klaus Gehre, der zugleich Regie führt und die Bühne entworfen hat, überaus gelungen. Die Studiobühne im Alten Theater ist nicht sehr groß, auf jeden Fall zu klein für den Planeten "Solaris" UND die Südstaatenplantage Tara aus "Vom Winde verweht". Deshalb hat sich Gehre zusammen mit seinem Team eine wirklich ausgefeilte Video-Lösung einfallen lassen. Die sehr verschiedenen Kulissen sind sehr liebevoll als kleine Miniatur-Modelle nachgebaut worden und werden mit Kameras in Nahaufnahmen abgefilmt und auf die Hinterbühne projiziert. Die Schauspieler spielen dadurch immer vor dem richtigen Hintergrund – mal Weltall, mal Plantage. Da funktioniert sehr gut.

Sebastian Graf bei der Inszenierung "Vom Winde verweht" am Anhaltischen Theater Dessau - gut zu sehen: das Miniatur-Bühnenbild Bildrechte: Claudia Heysel

Wenn Scarlett O'Hara auf Solaris eintrifft

Sogar inhaltlich passen die beiden so verschiedenen Textvorlagen auf den ersten Blick zusammen. Der Abend beginnt damit, dass ein Kosmonaut namens Kris Kelvin zum Planeten "Solaris" fliegt. Kurz vor der Ankunft verliert er das Bewusstsein. Als er ankommt, ist also nicht ganz klar, ob er jetzt wirklich angekommen ist oder nur träumt beziehungsweise halluziniert. Stanisław Lems Roman gibt dem Abend den Rahmen. Auf Solaris tritt dann plötzlich Scarlett O'Hara auf und spricht ihn an. Aus Kris wird Ashley Wilke, der Mann, den Scarlett heiraten möchte, auch Rhett Butler ist da, der wiederum Scarlett heiraten möchte - Teile der Handlung aus Margaret Mitchells großem Südstaatenepos "Vom Winde verweht". Da das alles aber nur in Kris Kelvins Kopf zu spielen scheint – als Wahnvorstellung, Traum oder Erinnerung, so richtig klar wird das auf der Bühne nicht – versucht er immer wieder, Scarlett und diese Geschichte zu vertreiben. Was ihm nicht gelingt: Sie kommt einfach immer wieder.

Kreisen um die Frage: Wie erinnern wir uns?

Was erstmal konstruiert wirkt, ist gar nicht so weit von Lems Roman entfernt: auch darin erscheinen Kris Kelvin auf dem Planeten Solaris Personen und Geschichten aus seiner Vergangenheit. Klaus Gehre setzt statt dieser Geschichten Szenen aus "Vom Winde verweht" ein. Visuell sind das tolle Momente, etwa, wenn Scarlett und Rhett Butler auf einem Kutschbock sitzen und durch die amerikanischen Südstaaten fahren, hinter ihnen ein Sonnenuntergang vor der auf die Leinwand projizierte Miniaturkulisse.

Bei der Antwort auf Frage nach dem "Warum" - warum ausgerechnet "Vom Winde verweht"? - bleibt die Inszenierung allerdings vage. Der Roman, 1936 erschienen und vielen in der Verfilmung von 1939 bekannt, handelt vom amerikanischen Bürgerkrieg, er erinnert also an etwas, das einige Jahrzehnte zuvor passiert ist. Das scheint die Frage zu sein, um die es Klaus Gehre geht: Wie man sich an etwas Vergangenes erinnert beziehungsweise es im Erinnern verklärt – hier den "alten Süden", die amerikanischen Südstaaten vor dem Bürgerkrieg.

Niklas Herzberg und Isabell Giebeler bei der Inszenierung "Vom Winde verweht" am Anhaltischen Theater Dessau Bildrechte: Claudia Heysel

Scarlett O'Hara in der DDR

Gehre wiederum will offenbar auf heutigere Erinnerungen und Verklärungen hinaus. Durch Details, die völlig unkommentiert einfließen, lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Wende in der DDR und die Wiedervereinigung. Einmal ist Günter Schabowskis Rede "das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort" zu hören. Das ist die Maueröffnung. Oder: in einem Schwenk durch die Miniaturkulisse kommen plötzlich die Grenzanlagen der DDR ins Bild. Ein andermal sind es Plakate, die den "Aufschwung Ost" versprechen oder die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen zeigen.

Worauf diese Andeutungen in der Inszenierung hinauslaufen, bleibt offen. Gehre, Autor und Regisseur aus Sachsen, setzt einen Impuls und sendet keine Botschaft bis auf eine, die allerdings recht banal ist: Erinnerungen kommen immer wieder, und man neigt dabei zu Verklärungen. Irgendwann sagt Scarlett O‘Hara, die bislang in allen Szenen immer gefragt hatte: "Wer bin ich?" – "Ich weiß jetzt, wer ich bin. Ich bin die Geschichte." So endet der Abend, mehr wird nicht erklärt. Es ist, vorsichtig gesagt, überraschend, dass die Inszenierung, die nur eine Stunde dauert, an dieser Stelle abbricht.

Niklas Herzberg, Nicole Widera und Isabell Giebeler bei der Inszenierung "Vom Winde verweht" am Anhaltischen Theater Dessau Bildrechte: Claudia Heysel

Heikle Analogie zwischen "Amerikanischem Bürgerkrieg" und "Ende der Deutschen Teilung"

Klaus Gehre setzt da sehr viel voraus und liefert zu wenig mit, um dieses Thema verstehbar zu machen. Vor allem, um die ziemlich heikle Analogie zwischen den zwei sehr verschiedenen Zeitenwenden "Amerikanischer Bürgerkrieg" und "Ende der Deutschen Teilung" überhaupt zu legitimieren.

Dennoch ist die visuell starke Inszenierung auch inhaltlich ein Gewinn. Die Idee zu diesem Text ist, wie auch die Umsetzung auf der Bühne, großartig. Am Ende geht man mit Fragen aus dem Theater, das ist nicht das schlechteste Ergebnis. Theater darf und soll anregen, Neues ausprobieren, überraschen und eben nicht nur unterhalten. Daher möchte man dem Team um Schauspieldirektor Alexander Kohlmann, das jetzt im zweiten Jahr in Dessau endlich richtig loslegen kann, dennoch sagen: weiter so!

Informationen zur Inszenierung"Vom Winde verweht"
Nach dem Roman von Margaret Mitchell und anderen Texten

Regie, Bühne, Text: Klaus Gehre
Kostüme: Thomas Unthan
Musik und Sound: Michael Lohmann
Dramaturgie: Alexander Kohlmann
Mit Isabell Giebeler, Nicole Widera, Stephan Korves, Sebastian Graf, Niklas Herzberg

Nächste Vorstellungen: 21. April, 20 Uhr im Alten Theater Dessau

Isabell Gieseler, Sebastian Graf und Stephan Korves bei der Inszenierung "Vom Winde verweht" am Anhaltischen Theater Dessau Bildrechte: Claudia Heysel

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 02. Oktober 2021 | 12:10 Uhr