Letzte Spielzeit nach 16 Jahren Intendanz Wie Intendant Ansgar Haag die Hierarchie am Theater Meiningen aufgeweicht hat

Es ist für Ansgar Haag die letzte Spielzeit als Intendant des Meininger Staatstheaters. Und noch immer hat er zahlreiche Ideen, nicht nur für diese wichtige Aufgabe am Theater. So setzt er sich für flache Hierarchien ein, sieht große Chancen für die Teams darin. Er wollte nie den alles bestimmenden Boss spielen, auch wenn es manchmal von ihm erwartet wurde. Trotz seiner schmerzhaften Corona-Erkrankung war Haag mit MDR KULTUR im Gespräch.

Ansgar Haag sieht in Intendanten, die am Theater in flacheren Ebenen zusammenarbeiten, die Zukunft beim Theater. Der scheidende Intendant des Meininger Staatstheaters sagte im Gespräch mit MDR KULTUR, dies sei für ihn auch etwas, das man durchaus aus der Corona-Krise lernen sollte. Diese hierarchischen Strukturen sollten von den Intendanten langsam abgebaut werden. Er sieht diese Tendenz jetzt schon bei der Formung von Theatergruppen. Es sei die Zukunft, so Haag, der nach 16 Jahren Intendanz in Meiningen und insgesamt 140 Inszenierungen nach der laufenden (beziehungsweise durch die Corona-Pandemie gerade nicht laufenden) Spielzeit nun in den Ruhestand geht.

Zusammenarbeit im Team

Die herkömmliche Form "Da ist ein Boss – der Intendant – der haftet fürs Geld oder ist geschäftsführender Intendant und hat damit die Macht. Und ansonsten interessiert ihn eigentlich nur die Pressewirkung und die ausverkauften Häuser" ist nicht seine Sichtweise. Damit hatte Haag anfangs an seinem Haus auch Probleme, da von ihm eine Vorreiterrolle erwartet wurde und ihm angetragen wurde: "Sie müssen jetzt eine Entscheidungen treffen, sie sind hier der Boss und wir wollen einfach wissen, was zu tun ist."

Ansgar Haag
Ansgar Haag Bildrechte: Sebastian Stolz/filmwild.de

Ich denke, Theater sollte so sein, dass der Intendant in einem Team ist und mit allen zusammenarbeitet.

Ansgar Haag, Intendant am Meininger Staatstheater

Chancen für Frauen schaffen

Haag ist froh, dieses hierarchische Denken über die letzten 16 Jahre aufgeweicht zu haben. Sein Ziel war die Zusammenarbeit mit allen Gewerken – Schauspieler, Sänger, Maskenbildner, Handwerker, Bühnentechniker – "dass das zu einer Familie wird". Die Enthierarchisierung führe seiner Meinung nach auch dazu, "dass dann vielleicht viel leichter Frauen eine Chance haben, diese Posten zu kriegen". Denn er beobachte, dass die Entscheider nach wie vor bevorzugen " wenn sie die Wahl haben, dann nimmt man halt doch einen Mann."

Theater Meiningen
Das Theater Meiningen Bildrechte: imago/Karina Hessland

Selbst an Corona erkrankt

Das Finale seiner Wirkungszeit in Meiningen und international wurde ihm durch Corona "versaut", bekennt er. Bereits im letzten Jahr platzte die Inszenierung von Puccinis "Gianni Schicchi" im brasilianischen São Paulo. "Kein Wunder, wenn man in Brasilien die Zahlen sieht, das ist ja die Hölle, wie dort Corona wütet. Das wurde natürlich abgesagt", erklärt er die Umstände anerkennend – und dennoch auch traurig wegen des ausgefallenen "kleinen Höhepunktes" in seiner Laufbahn.

Ich hab derart Schmerzen, dass ich heute früh schon dachte, das wird heute nichts, ich komme ja gar nicht aus dem Bett.

Ansgar Haag über seine Corona-Erkrankung

Doch Corona hat ihn nicht nur beruflich erwischt. Haag ist derzeit an Corona erkrankt und das Gespräch mit Thomas Bille von MDR KULTUR fand unter schwierigen Umständen via Internet statt, "von der Haarwurzel bis zu jedem Glied tut es einfach weh" erklärt Haag. Doch das Adrenalin der Interviewsituation hat ihm glücklicherweise neue Kräfte verliehen und er kann sagen: "Je länger ich hier sitze, gehen die Schmerzen schon weg."

Ansgar Haag im Porträt

In Stuttgart wurde Ansgar Haag 1955 geboren. Er absolvierte sein Studium der Theaterwissenschaft, Psychologie und Amerikanistik an der Münchner Universität und in Berkeley, Kalifornien. Die Theaterkarriere begann er 1975 als Regieassistent an den Münchner Kammerspielen. Es folgten Stationen u.a. als Dramaturg in Bonn, Darmstadt oder Krefeld. Von 1989 bis 1994 agierte Haag als Oberspielleiter am Salzburger Landestheater und von 1994 bis 2006 leitete er als Intendant das Ulmer Theater. Bereits ab 2005 war Haag Intendant des Meininger Theaters und trat damit die Nachfolge von Res Bosshart an. 2016 wurde Haags Intendantenvertrag für das Meininger Staatstheater bis 2022 verlängert. Nach seinem Eintritt in den Ruhestand übernimmt dann Jens Neundorff von Enzberg ab der Spielzeit 2021/22 den Posten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2021 | 11:05 Uhr

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