Rezension "Arche Noa – Das Ende vom Schluss" am Theater Chemnitz: Ein Super Stück, schlecht inszeniert

Die Luft zum Atmen gibt es nur noch im Super-Super-Markt: Mit "Arche Noa - das Ende vom Anfang" greift Sören Hornung tief in die Kiste mit den ganz großen Themen. Für seine Gesellschaftssatire bekam er 2020 den Chemnitzer Theaterpreis für junge Dramatik. Viermal musste die lange geplante Uraufführung coronabedingt verschoben werden. Nun wurde das Stück digital präsentiert.

Martin Esser (Dietmar, der Anwalt) 6 min
Bildrechte: Theater Chemnitz / Nasser_Hashemi

Was lange währt, wird gut – meint der Volksmund. Ob diese Weisheit aber auch auf das Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik zutrifft? Das ist die Frage, nachdem die für den November 2020 geplante Premiere des Siegerstücks "Arche Noa – das Ende vom Schluss" viermal verschoben werden musste und sich das Theater Chemnitz nun für eine digitale Präsentation entschieden hat.

So sollten Sieger nicht aussehen

Leider keine originär für den Bildschirm in Szene gesetzte Variante, sondern schlicht die Aufzeichnung der Generalprobe des Stücks aus dem November vergangenen Jahres. Schlichtweg abgefilmtes Theater und das teilweise noch in miserabler Tonqualität. Nein, so wird man dem Gewinnerstück eines nicht ganz unbedeutenden Theaterwettbewerbs am Ende nicht gerecht. Sören Hornung darf sich allenfalls über seine 5.000 Euro Preisgeld freuen.

Katka Kurze (Simone, die Aushilfe)
Katka Kurze als Simone, die Aushilfe Bildrechte: Theater Chemnitz / Nasser_Hashemi

Sören Hornung: Ein Dramatiker geht seinen Weg

Der Mann ist jung – Jahrgang 1989 – und kommt aus Berlin. Hat den Chemnitzer Preis mit seinem Stück "Sieben Geister" schon mal gewonnen. Beim Festival Theater Natur in Benneckenstein im Harz avancierten seine "Legende von Sorge und Elend" und auch die Satire über die beiden Sandmännchen aus Ost und West "Es ist noch nicht so weit" zu großen Erfolgen.

Wenn Gott auf dem Besetzungszettel steht

Mit seinem aktuellen Stück "Arche Noa - das Ende vom Anfang" greift Sören Hornung in die Kiste mit den ganz großen Themen. Er stellt unser Leben, das ganz individuelle, aber auch das gesellschaftliche, den Kapitalismus mit seinem Wachstumsprinzip auf den Prüfstand. Selbst Gott bleibt da nicht außen vor, er steht mit auf dem Besetzungszettel. Sören Hornung ist nicht nur ein kluger, sondern auch ein gewiefter Dramatiker. Und er bedient sich bei seiner Menschheitsanalyse des dramatischen Mittels der Farce. Will heißen, bei seiner Wahrheitssuche sind die Grenzen zwischen Realität und Absurdität schon mal geschickt verschoben.

Willkommen im Super-Super-Markt

Alexander Ganz-Kuhl (Bundeswehrsoldat Karl Schmidt - vorn), Martin Esser (Dietmar, der Anwalt)
Alexander Ganz-Kuhl (Bundeswehrsoldat Karl Schmidt - vorn), Martin Esser (Dietmar, der Anwalt) Bildrechte: Theater Chemnitz / Nasser_Hashemi

Wir erleben eine Zukunftswelt, in der die Menschheit alles, bis hin zur Luft zum Atmen, verkauft hat. Überall wabert ein tödlicher Nebel des Grauens, der jeden in den Tod reist. Jeden, der nicht Zuflucht findet in dem von der Filialleiterin Simone gehüteten Super-Super-Markt, dessen Klimaanlage vom Typ "Climate-Change 2030" mit eingebauter Partyfunktion das Überleben sichert: dieser Simone, einem Mann namens Dietmar, Ex-Milchbauern und aktuell Anwalt, einer verrückten alten Kinderfrau, die aller ihre Zöglinge aus der Kita Sonnenschein auf dem Gewissen hat und einen am Kopf verletzten Bundeswehrsoldaten. Nicht einem Kriegseinsatz in Afghanistan geschuldet, sondern einem Ziegel vom maroden Dach der Kaserne an der Heimatfront.

Supervorlage für gesellschaftskritisches Theater

Theodore Müller Schulz (Lauretta van de Merwe)
Theodore Müller Schulz (Lauretta van de Merwe) Bildrechte: Theater Chemnitz / Nasser_Hashemi

Diese Personen bieten mit ihren realistisch grundierten, aber abstrus ausgeführten Lebensgeschichten die Folie für die generelle Analyse unseres gegenwärtigen Seins. Doch die wird vom Regisseur Matthias Huber als solche nicht wirklich erkannt. Er nimmt das Ganze zu real, zu klassenkämpferisch und agitatorisch, als dass man seinen Spaß daran haben könnte. Lernen durch Heiterkeit bedeutet ja nicht, etwas blöde wegzulachen. Aber so, wie in Chemnitz geschehen, möchte man manchmal gar nicht mehr hinschauen.

Es gibt da noch eine fünfte, das Stück von außen begleitende Figur: Theodore Müller Schulz genannt, ein junge Frau, die uns das Wesen des Kapitalismus auf den Punkt bringt. Wunderbar pointiert in einer absurden Geschichte, die sie am Ende zur Terroristin werden lässt.

Nicht den richtigen Ton getroffen

Alexander Ganz-Kuhl (Bundeswehrsoldat Karl Schmidt)
Schwere Blessuren vom Einsatz an der Heimatfront Bildrechte: Theater Chemnitz / Nasser_Hashemi

Die Schauspielerin Lauretta van de Merwe haut sie uns im Gestus einer politischen Besserwisserin mit cooler Arroganz so um die Ohren, dass die Intention des Autors kaum noch zu erahnen ist. Als Zuschauer braucht man eine ganze Weile um mitzukriegen, dass es die anderen Darsteller eigentlich viel besser machen. So richtig gut, kurz vor Schluss. Wenn in aller Ausweglosigkeit plötzlich Gott – gespielt von der abgeklärt Zigarillo rauchenden Christine Grabsch – auftaucht und versucht, den mit sich selbst und der untergehenden Welt hadernden Anwalt Dietmar (Martin Esser) vom immer nur Reden zum einfach mal Handeln zu bringen. Aber da war eigentlich schon alles zu spät.

Fazit: Ein Super Stück, schlecht inszeniert.

Weitere Informationen: "Arche Noa – das Ende vom Schluss" Das Gewinnerstück des Chemnitzer Theaterpreises für junge Dramatik ist zu sehen als digitales Angebot des Theaters Chemnitz. 

Kostenfrei oder gegen Spende abrufbar am 15. / 19. / 21. / 23. Mai 2021 ab 19 Uhr für jeweils 24 Stunden auf www.theater-chemnitz.de/digital-play

Theater in Mitteldeutschland in Zeiten von Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Mai 2021 | 12:40 Uhr

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