Premiere "Aschenbrödel" am Meininger Staatstheater – leidenschaftlich bieder und einfach gut

Das Staatstheater Meiningen macht dem Fernsehen Konkurrenz und bringt den Filmklassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auf die Bühne. Am Wochenende feierte das moderne Weihnachtsmärchen Premiere – unter 2G-Regeln, dafür in einem voll besetzten Haus. Das Publikum bekam ein Ensemble zu sehen, das Spaß an dem hat, was es tut – mitten drin Schauspielerin Carla Witte, die mit einer Frische und Unbekümmertheit als Aschenbrödel überzeugt, begleitet von der originalen Filmmusik.

Carla Witte. 8 min
Bildrechte: Theater Meiningen/Marie Liebig

Das gute alte Theater hat Konkurrenz bekommen. Das merkt man sogar, wenn man im guten alten Theater selbst sitzt – wie bei der Premiere von "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" im Staatstheater Meiningen. Bis hoch unters Dach waren das Parkett und alle Ränge rappelvoll. Ein so von mir lange nicht mehr erlebter Zustand im Theater. Das tat einfach gut.

Aber da war auch die Konkurrenz. Mitten im Saal. Obwohl die nette Stimme aus dem Off schon darum gebeten hatte, alle Handys auszuschalten, wollten der eine oder die andere unbedingt noch ein Foto vom Bühnenbild. Die soziale Medialität treibt ihr Unwesen. Aber irgendwie hat das Theater dann doch gesiegt, denn als es langsam dunkel wurde, wanderte die Konzentration nach vorn zur Bühne.

Aschenbrödel als flotter Schneefeger

In Sachen Bühnenbild und Ausstattung musste Bühnenbildner Helge Ullmann nicht kleckern, er durfte klotzen. Da steht man hier in Meiningen, Stichwort Theaterherzog und sein Bühnenrealismus, ja auch in einer guten alten Tradition. Und so ließen es die Meininger der Gegenwart aus dem Schnürboden schneien, als ob es draußen keinen Klimawandel gäbe. Das Aschenbrödel als flotter Schneefeger unterwegs zwischen hohen tiefverschneiten Bäumen.

Dazu hören wir die originale Filmmusik aus der deutsch-tschechischen Koproduktion. Aus der Konserve zwar, die aber eigens eingespielt von der hauseigenen Meininger Hofkapelle. Auch hier hat man weder Geld noch Mühe gespart. Und als ersten Dank gibt es so manches Ah und Oh aus dem Publikum.

Die Meiniger Schauspielerin steht vor vor einer Stalltür über die ein künstlicher Pferdekopf schaut.
In Aschenbrödels Pferd Nikolaus stecken gleich zwei Ensemble-Mitglieder. Bildrechte: Theater Meiningen/Marie Liebig

Mehr als nur der Filmklassiker

Das sollte sich später noch steigern, wenn allerlei künstliches Getier durch diese Pracht flitzt. An unsichtbaren Fäden gezogen, von halbwegs gut versteckten Kollegen des Puppentheaters geführt. Oder in Gestalt von Nikolaus, dem besten Theaterpferd im Stall – das nicht nur mit den Ohren wackeln und seine Zunge heraustrecken kann, sondern auch Mohrrüben frisst und das Aschenbrödel am Zügel folgt. Viel Arbeit für die beiden Kollegen, die darin versteckt ihren schweißtreibenden Abenddienst verrichten.

Das Theater dank Bühnenbild und Requisite auf der analogen Siegerstraße. Doch den Erfolg gibt's nicht ohne schauspielerischen Einsatz. Den leistet als erste Carla Witte. Mit Frische, Unbekümmertheit und Natürlichkeit überzeugt sie als Aschenbrödel. Die junge Schauspielerin hat dabei keine Probleme mit ihrem großen Filmvorbild. Und von der Regie auch die Freiheit bekommen, etwas Eigenes zu spielen. Immer nah dran am jungen Publikum.

Aschenbrödel steht in einem weißen Kleid mit Leuchteffekten auf der Meininger Bühne und der Prinz kniet vor ihr.
Carla Witte als Aschenbrödel mit ihrem Prinzen Yannick Fischer Bildrechte: Theater Meiningen/Marie Liebig

Eine comicartig-böse Stiefmutter und ein gutmütig-trotteliger König

Und die Kollegen? Die dürfen, abgesehen vom Prinzen, den Yannick Fischer als netten Typen von heute im Outfit von gestern spielt, eher ihrem komödiantischen oder bösartigen Affen Zucker geben. Das sind die Rollen und Charaktere klar verteilt.

Als Stiefschwester und Mutter agieren Marie-Sophie Weidinger und Christine Zart comicartig-böse bis zum grausig-ironisierten Tod in einem magischen Eisloch, das sich im Meininger Bühnenboden auftut. Der König von Matthias Herold ist gutmütig-trottelig, aber von einer, für seine künstliche Leibesfülle überraschenden Gelenkigkeit. Für seinen "Aus-dem-Stand-Hopser" auf den für ihn eigentlich viel zu hohen und schmalen Thron gibt´s Szenenapplaus. Der Kammerschauspieler Hans-Joachim Rodewald – so schöne Ehrenbezeichnungen gibt es noch im guten alten Meiningen – scheut sich nicht davor, dass Publikum erfolgreich zum Mitmachen zu bewegen.

Aschenbrödel steht im blauen Kleid an einer Tür, davor steht ihre Stiefschwester in einem edlen roten Kleid.
Marie-Sophie Weidinger als böse Stiefschwester Bildrechte: Theater Meiningen/Marie Liebig

Meiningen überzeugt mit Theaterzauber

Hier ist ein Ensemble am Werk, dass Spaß an dem hat, was es tut. Wenngleich der Spaß auch von einer etwas biederen Art ist. Modernes Weihnachtsmärchen kann anders aussehen. Muss es aber nicht. Beim Publikum kam diese Verbeugung vor dem guten alten Theater und seinen Mitteln jedenfalls gut an. Und den Vergleich mit dem Original, kann man dann ja spätesten im weihnachtlichen Fernsehprogramm wieder ziehen.

Mehr zur Inszenierung "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" nach dem Film von Václav Vorlícek und František Pavlícek
Eine Inszenierung von Gabriela Gillert
ab 6 Jahren

Weitere Termine:
23. November, 9 und 11.30 Uhr
24. November, 9 und 11.30 Uhr
5. Dezember, 14 und 17 Uhr
6. Dezember, 9 und 11.30 Uhr
13. Dezember, 9 und 11.30 Uhr
14. Dezember, 9 und 11.30 Uhr
15. Dezember, 10 Uhr
16. Dezember, 9 und 11.30 Uhr
17. Dezember, 10 Uhr
18. Dezember, 11 Uhr
20. Dezember, 9 und 11.30 Uhr
21. Dezember, 9 und 11.30 Uhr
22. Dezember, 9 und 11.30 Uhr
26. Dezember, 10 Uhr
27. Dezember, 14 und 17 Uhr
28. Dezember, 10 Uhr
2. Januar, 14 und 17 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. November 2021 | 16:10 Uhr