Projekt "LANDschafftTHEATER" Bad Düben: Wenn eine ganze Stadt Theater spielt

Seit zehn Jahren, im Drei-Jahres-Rhythmus, spielt eine ganze Stadt Theater. Und weil Bad Düben an der Mulde liegt, ist als Hauptfigur immer ein Biber dabei. Der ist dieses Mal sogar wie Gott. Denn Goethes Klassiker "Faust" wird zur Stückvorlage für "Die große Wette". Im Original gibt es zu Beginn den "Prolog im Himmel", die Szene zwischen Gott und Mephisto. Hier wird sie zwischen Biber und Teufel ausgetragen. Unser Kritiker hat erst eine Probe besucht und dann die Premiere – und ist angetan.

Regisseur Stefan Kaminsky bei einer Probe mit dem Ensemble in der ehemaligen Kaserne in Bad Düben.
Regisseur Stefan Kaminsky bei einer Probe mit dem Ensemble in der ehemaligen Kaserne in Bad Düben. Bildrechte: Stefan Petraschewsky

Das "LANDschafftTHEATER" ist die treibende Kraft für zehn Jahre Theater in Bad Düben. Kein Landschaftstheater also, obwohl es so klingt und die Stücke immer in der Landschaft in und um Bad Düben spielen, sondern ein Land-schafft-Theater. Man kann es wörtlich nehmen. Hier schafft sich der oft zitierte ländliche Raum ein Theater. Und damit einen Ort, um gemeinsame Sache zu machen. Um ins Gespräch zu kommen, Meinungen auszutauschen statt in irgendwelchen Blasen zu leben. Das macht die Sache so wertvoll. Und gibt die Möglichkeit, Lebensmodelle spielerisch auszuprobieren.

Regisseur Stefan Kaminsky bei einer Probe mit dem Ensemble in der ehemaligen Kaserne in Bad Düben. 4 min
Bildrechte: Stefan Petraschewsky

160 Mitwirkende, fast alles Einwohner der Stadt

Ich fahre zur Probe in die ehemalige Heide-Kaserne. Geprobt wird eine Szene im dritten Bild, "Die Schlacht" betitelt. Die Szene spielt im Mittelalter. Menschen werden aufgehetzt: Dinge zu glauben hat mehr Überzeugungskraft als Dinge zu wissen. Die Parallelen in die heutige Zeit sind gewollt: Ukraine, Russland, Propaganda, warum, wieso, weshalb! Die böse Fürstin hält eine Rede, schreit fast: "Wollt ihr einen kolossalen Krieg?", was bewusst auf Goebbels' Rede im Sportpalast anspielt.

Insgesamt 160 Mitwirkende sind hier dabei. Ein kleiner Teil sind professionelle Theaterleute. Dazu kommen Chöre, Vereine. Die allermeisten sind Amateure – Einwohner der Stadt.

Die "Katastrophe der Langeweile" in Bad Düben

Nach der Probe treffe ich Stefan Kaminsky, den Regisseur, und frage – zugespitzt – welche Katastrophe denn in Bad Düben vorgefallen sei, dass man hier, wie bei den Passionsspielen in Oberammergau, bis in alle Ewigkeit Theater spielen wird? "Ich vermute, die Katastrophe der Langeweile", antwortet Kaminsky und spricht von zwei Jahren Corona, von Isolation, von Netflix-Abos, die man ausgelutscht habe. Das Theater biete einen Ausweg.

Eine Frau kontrolliert die Kostüme von DarstellerInnen 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
3 min

MDR SACHSENSPIEGEL Fr 19.08.2022 19:00Uhr 02:35 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Kaminsky nennt es kurz und knapp: "WIR!" – Ein neues Miteinander, was mir später zwei Akteurinnen bestätigen: "Was man oft bei der allgemeinen Bevölkerung sieht, dass die Alten mit den Jungen nicht harmonieren. Diese Probleme haben wir hier nicht", erklärt eine Dame, die sich gern verkleidet und in andere Rollen schlüpft. Eine andere Dame kommt nach der Arbeit noch zur Probe, schätzt das "andere Leben" hier und betont: "Wenn man sich im Stadtbild sieht und weiß, man hat miteinander dieses Projekt gemacht, das verbindet schon!"

Mehrere Menschen in einer Halle, die für ein Theaterstück proben.
Wenn die ganze Stadt mitspielt: eine Theaterprobe für "Die große Wette" in Bad Düben Bildrechte: Stefan Petraschewsky

"Die große Wette" schlägt Bogen vom Mittelalter zu Fake-News

Das erste Stück in Bad Düben, Premiere 2012, hieß, "Die große Suche". Dann kam 2015 "Die große Dürre" und 2018 "Die große Reise". Jetzt, mit einem Jahr Corona-Verzögerung, "Die große Wette". Ursprünglich sollte das Stück etwas Märchenhaftes haben und den Ort Bad Düben, die Landschaft an der Mulde, die Dübener Heide, mystisch vorstellen: "Dann kam aber der Ukraine-Krieg", erklärt Henriette Lippold, die das Stück geschrieben und die ganze Sache mitinitiiert hat. Schnell sei klar gewesen, dass umgeschrieben werden müsse, aber wie? Moralisch wollte man nicht sein. Aber trotzdem mit den aktuellen Themen auf der Bühne umgehen.

In der Diskussion habe man festgestellt, "dass heute viele Themen, die im Mittelalter virulent waren, wieder da sind." Der Vergleich von Corona mit der Pest natürlich. Interessanter sei das Thema Wissen versus Glauben: Stichwort Pandemiezeit: "Wir bläken irgendwas in irgendwelche Telegram-Gruppen und alle rennen hinterher und sagen: Ja, so ist es und so ist es nicht. Dieses Emotionalisieren der Fakten oder auch Nicht-Fakten hat uns sehr an mittelalterliche Verhältnisse erinnert, wo der Klerus eine Riesenmacht hatte und sagte: Wir sagen euch, wie die Welt funktioniert und ihr müsst es glauben. Und das hat immer über Angst funktioniert, immer über Machtverhältnisse. Wenn ihr euch nicht so und so verhaltet, dann kommt das Fegefeuer."

Ein alter Wohnblock, davor Bäume und ein Auto.
An den Bühnenbildern zu "Die große Wette" in Bad Düben wird fleißig gearbeitet. Bildrechte: Stefan Petraschewsky

Aktuelle Themen unter dem Mantel der Klassiker

Wenn man so will, kommt zum "Faust" also auch noch Brechts "Galileo Galilei" hinzu, auch noch Schillers "Johanna von Orleans", wenn unter dem Mantel der ganz großen Klassiker aktuelle Themen verhandelt werden – Johanna ist hier quasi das Subjekt der Wette: Sie muss den rechten Weg finden. Ob sie es schafft? Ob sie die Fake-News entlarven kann? Ein überraschendes Ende soll es jedenfalls sein.

Gegen den Niedergang anspielen

Das Land, das sich selbst ein Theater schafft, ist etwas Besonderes. Nach der Wende gingen viele Menschen in den Westen, wo Arbeit war. Bitter, dass vor allem die junge Generation wegzog. Seitdem ist hierzulande Überalterung ein Thema. Kulturabbau auch. Kinos sind geschlossen. Dorfgasthöfe sowieso.

Am Ende bleibt als öffentlicher Ort die Tankstelle mit Bierverkauf am Ortsausgang. Es herrscht multimediale Langeweile, eine Art postmoderne Pest. Die originale Pest, die tödliche Seuche, die auch besiegt werden kann, war in Oberammergau Grund Theater zu spielen. Es funktioniert noch heute.

Informationen zum Stück "Die große Wette" von Henriette Lippold
Premiere: 20.8. 2022
Einlass ab 17:00 Uhr
Beginn: 17:30 Uhr
Ort: ehemalige Heide-Kaserne im Alaunwerksweg in Bad Düben

Weitere Termine:
21.08., 26.08., 28.08., 02.09. und 03.09.2022

Es können gerne Hocker und Sitzgelegenheiten für das Open-Air-Theater mitgebracht werden. Während des Stationendramas in 6 Bildern werden verschiedene Orte angesteuert.

(Redaktionelle Bearbeitung: Judith Burger)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2022 | 07:40 Uhr