Buchempfehlung Festschrift "150 Jahre Theater Altenburg" offenbart auch bittere Wahrheiten

In Altenburg kamen Werke von Wagner, Verdi, Schiller, Goethe und vielen anderen Größen auf die Bühnen. Hier inszenierten namhafte Opern-Regisseure wie Peter Konwitschny und sorgten für Furore. In 150 Jahren hat das Theater viele spannende Geschichten erlebt, die nun im Buch "150 Jahre Theater Altenburg. Eine Festschrift" zu lesen sind. Auch Schriftsteller Ingo Schulze hat u.a. an dem Buch mitgeschrieben. Doch nicht nur illustre Geschichten versammelt das Buch, sondern auch bittere Wahrheiten.

Theater der Zeit: "150 Jahre Theater Altenburg" 7 min
Bildrechte: Theater der Zeit

Im Untertitel heißt das Buch: "Eine Festschrift" – das ist angemessen, aber wohl auch ein bisschen ironisch gemeint, denn es geht hier nicht nur um das Feiern oder eine Erfolgsbilanz dieser 150 Jahre, sondern in erster Linie um viele persönliche und gar nicht so festliche Erinnerungen: Der Schriftsteller Ingo Schulze erinnert sich in einem kleinen Text an die Wendezeit 89/90, die er als Dramaturg in Altenburg erlebt hat. Ulrich Khuon, bis November 2020 Präsident des Bühnenvereins, wollte in Altenburg einen Streit moderieren, weil besorgte Bürger zum Theaterboykott aufgerufen hatten. Und Michael Schindhelm erinnert sich an die Fusion der Theater Altenburg und Gera Mitte der 90er-Jahre, seitdem schrumpfte die Mitarbeiterzahl beträchtlich.

Wagner und Goethe in den Top Ten

Dazu kommt dann eine wirklich umfassende Bilanz dieser 150 Jahre. Felix Eckerle, Chefdramaturg am Theater Altenburg Gera, hat sie zusammengestellt, alle Premieren aufgelistet und die Top Ten der letzten 150 Jahre zusammengestellt. "Tannhäuser" und "Die Fledermaus" wurden je 15 mal inszeniert, Richard Wagners Opern insgesamt 90 mal, erst dahinter sortieren sich in dieser Reihenfolge Verdi, Mozart, Strauß und Lehàr ein. Beim Schauspiel liegen Schiller und Shakespeare mit je 70 Inszenierungen vorn: Goethe kommt auf Platz zwei mit 49 Inszenierungen, dafür war sein "Faust I" mit 16 Premieren das meistinszenierte Stück.

Bittere Wahrheiten

Felix Eckerle zeigt Bilder und Dokumente zum Theater Altenburg.
Felix Eckerle zeigt Bilder und Dokumente zum Theater Altenburg Bildrechte: Toni Rack/Theater Altenburg

Zur Statistik kommt dann die Kritik. Eckerle schreibt, dass das Theater zum Zeitpunkt der Fusion am 1. August 1995 über 840 Planstellen verfügte. 2020 seien noch 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verblieben. "Mit anderen Worten: Friedrich von Schillers Wallenstein-Trilogie lässt sich heutzutage mit 13 Schauspielerinnen und Schauspielern genauso wenig realisieren wie Richard Wagners 'Die Meistersinger von Nürnberg' mit acht Gesangssolistinnen und -solisten im Fest-Engagement sowie einem Opernchor mit 21 Sängerinnen und Sängern."

Das sind bittere Wahrheiten, die eine Frage aufwerfen: Wieviel Theater will und kann sich eine Stadt mit gut 30.000 Einwohnern leisten? Und stehen hier große Opern oder Klassikerinszenierungen im Vordergrund? Vor allem aber: Welches Theater braucht eine Stadt wie Altenburg?

Massive Kürzungen im Etat gestern – und morgen?

Landestheater Altenburg
Das heutige Landestheater Bildrechte: dpa

Benjamin-Immanuel Hoff, Kulturminister im Freistaat Thüringen, wünscht sich im Grußwort des Buches, dass das Theater ein "Ort des Miteinanders" bleibt und formuliert den Anspruch "nicht nur Chronist unserer Zeit zu sein, sondern mit aktuellen Inszenierungen und zeitkritischen Stoffen aktiv Position zu beziehen". Eine neue Theaterkultur braucht das Land! Erst recht, wenn, bedingt durch die Corona-Pandemie, ein neues Streichkonzert bei den sogenannten Freiwilligen Leistungen in der Kultur beginnen dürfte. Generalintendant Kay Kuntze und Geschäftsführer Volker Arnhold warnen in ihrem Grußwort: "Die Pandemie hat unsere Gesellschaft verändert und wird die Lage der öffentlichen Kassen fordern." Doch sie fügen hinzu: "Kaum eine öffentliche Einrichtung erreicht im städtischen Gefüge einen so hohen Identifikationsgrad wie unser Theater."

Spannende Hintergründe zum Eröffnungsjahr 1871

Neues Herzogliches Hoftheater Altenburg
Neues Herzogliches Hoftheater Altenburg Bildrechte: Toni Rack/Theater Altenburg

Das Buch ist eine gute Gelegenheit, sich durch die Beschäftigung mit der Vergangenheit und der Gegenwart des Theaters (in Altenburg) eine eigene Meinung zu bilden. Klug sind die Texte auf 260 Seiten zusammengefügt. Von der Vorgeschichte vor dem Bau bis zur Gegenwart spannt sich ein facettenreicher Bogen. Herausragend ein Text von Roland Krischke: Der Direktor der Altenburger Museen schreibt über die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe des Eröffnungsjahres 1871, über das neugegründete Deutsche Kaiserreich samt neuer Verfassung, schreibt über aufblühende Industrielandschaften, Bevölkerungswachstum und moderne Gaslaternen, die auf den Straßen der Stadt installiert werden und schließt mit dem Hinweis:

"Wem es in den verschlungenen Straßen Altenburgs zu eng geworden ist, der mag noch einen Blick auf Ereignisse werfen, die damals oder deutlich später die Welt bewegen: 1871 ist das Geburtsjahr von Christian Morgenstern, Friedrich Ebert, Rosa Luxemburg, Paul Valéry, Lyonel Feininger oder Wladimir Iljitsch Lenin. In diesem Jahr erscheinen 'Die Dämonen' von Fjodor Dostojewski, 'Die Geburt der Tragödie' von Friedrich Nietzsche und Darwins 'Die Abstammung des Menschen'. Heinrich Schliemann gräbt das antike Troja aus und die Krinoline gerät aus der Mode. An Weihnachten wird in Kairo anlässlich der Eröffnung des Suez-Kanals Giuseppe Verdis Aida uraufgeführt."

Epochal: Konwitschnys "Freischütz" 1983

Kurzum: Das Buch zum Altenburger Theaterjubiläum ist kurzweilig, bietet einen guten Einstieg in Kultur- und Alltagsgeschichte und hat obendrein den Vorteil, Spezialwissen anzubieten für diejenigen, die sich in die Tiefen der Altenburger Theatergeschichte begeben wollen. Es gibt beispielsweise Texte zum Notenarchiv oder zu besonderen Inszenierungen. Peter Konwitschnys "Freischütz" von 1983 wird als "epochales Ereignis" gewürdigt. Daneben wird die Geschichte einer DDR-Widerstandsgruppe erzählt, die als Stückentwicklung 2013 auf die Bühne kommt. Dazu gibt es auch eine Menge Fotos, Inszenierungsfotos und Künstlerporträts vor allem.

Wagners Enkel Wieland und der "Ring" 1943/44

Herzogliches Hoftheater Altenburg
Herzogliches Hoftheater Altenburg Bildrechte: Theater Altenburg

Mein persönliches Highlight ist ein Text des Theaterwissenschaftlers Anno Mungen, der über Wieland Wagner geschrieben hat. Für Wieland Wagner, den Enkel Richard Wagners, wurde Altenburg zum Ausbildungsort in Sachen Regie und Bühnenbild. Von allerhöchster Stelle kam Unterstützung finanzieller Art, bei Probezeiten und auch für die Besetzung der Gesangspartien.

Tatsächlich sind erst vor kurzem bei den Recherchen zu diesem Buch Fotos aufgetaucht, die den "Ring" zeigen, den Wieland Wagner in Altenburg mitten im Krieg zur Premiere brachte: die "Walküre" am 12. September 1943, die "Götterdämmerung" am 19. Dezember 1943, "Siegfried" am 30. Januar 1944 und "Rheingold" am 14. Mai 1944. Die Fotos, die hier erstmals veröffentlicht sind, zeigen einen sehr reduzierten Ausstattungsstil, wie man ihn ästhetisch dem Nachkriegs-Bayreuth zuordnen würde, obwohl 1943/44 ausnahmsweise noch genügend finanzielle Mittel für eine opulente Ausstattung zur Verfügung standen.

Theater der Zeit: "150 Jahre Theater Altenburg"
Buch-Cover "150 Jahre Theater Altenburg" Bildrechte: Theater der Zeit

Anno Mungen kommt zu dem Schluss: "Der Umstand der extremen materiellen Ausnahmestellung der Ring-Produktion in Altenburg sowie die enorme finanzielle Förderung durch den Nationalsozialismus dort aber sprechen gegen die Deutung, dass die Altenburger Ring-Ästhetik als eine Art Kriegszufall zu deuten wäre, die Wagner dann kreativ mit 'Neu-Bayreuth' wie eine Mahnung konzipiert habe. Es verhält sich gerade umgekehrt: Die Ästhetik der Nachkriegsjahre entwickelte er im Anschluss an die Ring-Arbeiten der Kriegszeit, die sich in ihrer ästhetischen Reduktionshaltung an der moderaten Moderne, wie sie der Staat auch verfolgte, orientierte."

Mit anderen Worten: Vor dem Krieg, in der NS-Zeit, sieht die Wieland-Wagner-Inszenierung genauso aus wie nach dem Krieg in der jungen Bundesrepublik. Hat es den ästhetischen Bruch mit dem Nationalsozialismus und damit den künstlerischen Neuanfang in Bayreuth nach dem Krieg also nicht gegeben? Die neuentdeckten Fotos legen es nahe.

Informationen zum Buch "150 Jahre Theater Altenburg"
Herausgegeben von Felix Eckerle und Harald Müller
Erschienen bei Theater der Zeit
260 Seiten
Subskriptionspreis bis zum 18. April 2021: 19 Euro
Ladenpreis ab dem 19. April 2021: 24 Euro
ISBN: 978-3-95749-346-0

Nahaufnahme des Stegs einer Geige 8 min
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Warum das Musiktheater in Altenburg ganz besonders war. Ein Gespräch mit MDR Klassik-Musiktheaterredakteurin Bettina Volksdorf.

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Herzogliches Hoftheater Altenburg 1909 6 min
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Aufnahme des Gebäudes des Theaters Altenburg aus erhöhter Position. 66 min
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Landestheater Altenburg 4 min
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Programmtipp: Konzert 150 Jahre Theater Altenburg

Das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera unter Leitung seines Generalmusikdirektors Laurent Wagner im Konzertsaal der Bühnen der Stadt Gera mit Audio
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MDR KULTUR - Das Radio Fr, 16.04.2021 20:00 22:30

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150 Jahre Theater Altenburg

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Kultur in Altenburg und Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. April 2021 | 18:05 Uhr

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