"Eingriff in die Grundrechte" Deutscher Bühnenverein appelliert an Kanzlerin: Theater öffnen!

Wie können Lockerungen im Corona-Lockdown aussehen? Darüber wird aktuell heftig debattiert. Vor dem Bund-Länder-Treffen am 3. März hat sich der Deutsche Bühnenverein in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten gewandt und bittet um die vorrangige Öffnung von Theatern. So heißt es darin: "Einschränkungen der Kunstfreiheit dürfen nur erfolgen, wenn diese mit einem anderen Grundrecht, wie dem auf körperliche Unversehrtheit, in Konflikt geraten." Bei einem Rückgang des Infektionsgeschehens solle geprüft werden, ob Kultureinrichtungen geöffnet werden können. Ein Interview mit Intendant Hasko Weber vom DNT Weimar, der den Brief mitunterzeichnet hat.

Hasko Weber, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters (DNT) Weimar, spricht bei der Vorstellung des Programms vom Kunstfest Weimar. 8 min
Hasko Weber, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters (DNT) Weimar. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.03.2021 11:26Uhr 08:27 min

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MDR KULTUR: Sie finden deutliche Worte in dem Schreiben und argumentieren mit den Grundrechten und deren Beschränkungen. Das wirkt neu – und auch ein bisschen wie eine Kampfansage?

Hasko Weber: Ich halte es für unverzichtbar, dass auf diese Punkte Bezug genommen wird. Wir sind jetzt seit fast einem Jahr in einer besonderen Situation, ich verstehe das nicht unbedingt als Kampfansage oder Radikalisierung. Aber wir dürfen diese Bezugnahme auch nicht unterlassen. In der gesamten Gesellschaft ist die Perspektive inzwischen eine weitere. Es gibt auch immer noch sehr viele Emotionen in den Debatten darum, wie wir mit Corona umgehen können. Und deshalb will ich das auch in diesem Zusammenhang verstanden wissen.

Die Kultur ist Bestandteil der Gesellschaft. Wir sind nicht alleine unterwegs. Es gibt große Bereiche, die schwer betroffen sind. Aber wir haben mit der Kunstfreiheit, was aus meiner Sicht auch Teilhabe-Freiheit bedeutet, für alle Bürgerinnen und Bürger, eine sehr schwerwiegende Einschränkung zu verkraften. Und da müssen wir raus. Wir müssen Wege finden, uns von Inzidenzzahlen unabhängig zu machen. Es wird keine Lösung geben, die für alle gleich gut gilt. Und es wird auch Häuser in Orten geben, die jetzt keine Gründe haben, zu sagen, 'wir müssen unbedingt schnell aufmachen', weil die Situation vor Ort das aus verschiedenen Gründen gar nicht zulässt.

An der Fassade des DNT in Weimar hängt ein Transparent mit der Aufschrift: Wir sind da.
Das DNT Weimar am "Aktionstag der Theater und Orchester" am 30. November 2020 Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

MDR KULTUR: Wenn Sie jetzt mit den Grundrechten argumentieren, wie Sie das in diesem Schreiben tun, dann bekommt der Appell eine andere Dringlichkeit, und so etwas entwickelt ja auch eine gewisse Wucht im Kampf um die "Debattenhoheit". Aus welcher Verfassung heraus haben Sie sich entschlossen, diese Art von Ansage zu machen?

Die Argumentation ist ja keine neue. Und diese Frage der Grundrechtseinschränkungen diskutieren wir auch nicht nur im Kulturbereich seit März 2020. Ich glaube, es gehört auch zu einer demokratischen Gesellschaft, immer wieder neue Einstellungen zur Situation zu finden. Wir haben aber einen Dauerzustand, der nicht nur bestimmte Zugänge, zum Beispiel zu Kunst und Kultur, verwehrt, sondern auch Auswirkungen auf soziale Verhaltensstrukturen und Verhaltensmuster hat, mit denen wir lange zu tun haben werden. Sodass ein Stellenwert von Kunst und Kultur, auch über Einschränkungen hinaus, ein anderer sein wird als vor der Corona-Zeit.

Und das ist nicht einfach nur ein Effekt von Maßnahmen zum Gesundheitsschutz, sondern es ist auch ein Eingriff in die Grundrechte. Damit will ich keine juristische Debatte aufmachen. Aber der Verweis darauf, den braucht es im Moment. Ich denke auch, dass er empfangbar ist. Die Stimmen aus anderen Bereichen sind ja auch laut, und ich empfinde es auch gar nicht als emotional, sondern als ganz sachbezogen, was wir da versucht haben, zu formulieren.

MDR KULTUR: Mit Blick auf diese Hygienekonzepte und die konkreten Vorschläge: Sie führen gute Lüftungsanlagen an, neuerdings auch Schnelltests. Wie ist das denn gedacht mit den Schnelltests – für das Publikum oder für die Künstlerinnen und Künstler?

Da laufen bundesweit an verschiedenen Häusern schon seit längerem, in unterschiedlicher Ausprägung, zum Teil sehr komplexe Versuche, vor allem die Belegschaft im Haus mit Schnelltests zu versorgen, um Nachvollziehbarkeit herzustellen. Die Schnelltests bieten keinen Schutz, aber es ist ein psychologischer Punkt. Für die größeren Gruppen, wenn es dann ein paar 100 Personen sind, die regelmäßig, vielleicht zweimal in der Woche oder sogar öfter getestet werden, schafft das natürlich eine Nachvollziehbarkeit, die sehr hoch ist.

Mit dem Publikum wird Vieles davon abhängen, wie sich diese Tests entwickeln und wie händelbar und bezahlbar sie sind. Ja, klar, da sind jetzt auch Dinge in Aussicht gestellt, auf Tests, die man dann vielleicht selbst anwenden kann. Und ich glaube, wir stehen da vor einer durchaus ins Positive umschlagenden Situation: Es gibt die Test, sie sind jetzt auch besser verfügbar. Und wir in Weimar können das jetzt anfangen. Das war noch vor drei, vier Wochen viel schwieriger und in anderen Bundesländern und Regionen einfacher. Auch das muss man sagen. Es ist also auch keine generelle Aussage in dem Brief, sondern eine Tendenz. Und da werden uns Mittel an die Hand gegeben, wo wir dann sehen müssen, wie wir das am besten organisieren.

Carsten Brosda trägt einen Mundschutz mit der Aufschrift 'Kultur'
Dr. Carsten Brosda, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Bildrechte: dpa

Es gilt nicht länger, in Stillstand zu investieren, sondern in Maßnahmen, die gesellschaftliches Leben schnellstens wieder ermöglichen und selbstständigen wie fest engagierten Künstler*innen die Grundlage ihres Schaffens zurückgeben.

Offener Brief des Deutschen Bühnenvereins

MDR KULTUR: Sie haben noch mehr Mittel an der Hand. Sie führen in ihrem Appell auch Untersuchungen und Vorschläge an, wie zum Beispiel das Manifest "Re-Start", das die Veranstaltungswirtschaft vorgelegt hat oder den Leitfaden, den Wissenschaftler veröffentlicht haben mit dem Titel "Rückkehr von Zuschauern und Gästen für Kultur und Sport". Diese Konzepte sind eine Sache, auf die Sie sich stützen. Und wenn Sie trotzdem den Eindruck haben, dass diese Konzepte ungehört bleiben: Wie weit würden Sie gehen? Wie naheliegend wäre zum Beispiel dann die Klage vor einem Verfassungsgericht?

Hasko Weber, 2017, auf dem Balkon des Deutschen Nationaltheater in Weimar
"Wir sollten sehen, dass wir uns unabhängig von immer wieder schwankenden Inzidenzzahlen machen", sagt Theaterintendant Hasko Weber. Bildrechte: dpa

Diesen Fuß in der Tür zum Verfassungsgericht, den haben wir nicht. Den versuchen wir auch nicht, mit dem Brief da reinzustellen. Ich glaube, die Zeit Richtung Sommer wird sich extrem verdichten, und ich setze da jetzt morgen nicht Riesenhoffnung in die Ergebnisse der Konferenz. Vieles scheint sich ja jetzt auch schon abzuzeichnen. Aber in die Unterstützung vor Ort, da sind ja auch die kommunalen Politiker, die Städte und die Landkreise einbezogen, vor allem auch die Landesregierung. Es ist ja immer noch eine föderalistische Betrachtung des Ganzen, dass man sagt: 'Wir müssen sehen, dass wir uns unabhängig von diesen vier Wochen der Voraussage machen.'

Wir sollten aber auch sehen, dass wir uns unabhängig von immer wieder schwankenden Inzidenzzahlen machen. Wenn die durch die Decke gehen, dann wird es auch eine Diskussion geben, dass man wieder ein paar Löcher zurückstecken muss. Ganz klar. Aber dass Werte von 25, 35 oder 50 bestimmte Zuschauerzahlen generieren, das ist ein Haltegriff, den wir gar nicht benutzen sollten. Jedes Haus, jedes Museum, jede öffentliche Einrichtung, auch die Theater, haben viel investiert, um die Zuschauer in einer möglichst sicheren Situation zu empfangen. Darauf würde ich mich auch verlassen für das, was ansteht.

Das Gespräch führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. März 2021 | 08:40 Uhr

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