Kritik Opern-Premiere und Klischee-Bruch: "Carmen" am DNT Weimar

"Carmen", nach dem Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée, wurde bereits vielfach adaptiert. Den nachhaltigsten Erfolg hatte die gleichnamige Oper von Georges Bizet. Jetzt widmet sich Hausregisseur Jan Neumann, der in Weimar unter anderem "Sommernachtstraum", "Wilhelm Tell" und "Romeo und Julia" zur Aufführung brachte, erstmals einer Oper. Coronabedingt um ein halbes Jahr verschoben, feierte seine Inszenierung der "Carmen" am 20. November Premiere am Deutschen Nationaltheater Weimar.

Attilio Glaser als Don José und Sayaka Shigeshima als Carmen mit Damen und Herren des Opernchores des DNT
Attilio Glaser als Don José und Sayaka Shigeshima als Carmen mit dem Opernchor des DNT Weimar. Bildrechte: Candy Welz

Samstagabend auf dem Theaterplatz. Zuschauer stehen in kleinen Schlangen vor dem Eingang des Nationaltheaters und zeigen Impf-App und Personalausweis vor, um Zutritt zu haben. Währenddessen spritzt ein Mitarbeiter von "Weimar on Ice" Wasser auf eine Schlittschuhbahn rund um das Goethe-Schiller-Denkmal, die dadurch erst zur Eisbahn wird. Das wirkt irgendwie trotzig.

In Sachsen sind die Weihnachtsmärkte geschlossen bevor sie öffnen konnten. In Thüringen will Ministerpräsident Ramelow Mitte der Woche eine Entscheidung fällen. Er will sich dabei an Sachsen orientieren. Es ist an diesem Premierentag also noch nicht raus, ob es einen Lockdown für die Kultur – oder besser: gegen die Kultur geben wird.

Corona-Politik in Sachsen und Thüringen

Noch ein Wort zu dieser neuen Corona "Notfallverordnung" in Sachsen, was ja den Kultur-Lockdown bedeutet – ich frage mich: Warum dürfen Kneipen von 6 bis 20 Uhr offen haben, während Museen von 10 bis 18 Uhr schließen müssen? Wird im Museum jetzt wüster getafelt? Warum muss das Weihnachtsmärchen, das für Schulklassen wie Schulunterricht gebucht werden kann, im zweiten Jahr schon wieder ausfallen, wenn andererseits in der Verordnung betont wird, dass "Angebote und Einrichtungen für Kinder so weit wie möglich geöffnet (bleiben)"?

Das Goethe-Schiller-Denkmal vor dem Deutschen Nationaltheater DNT auf dem Theaterplatz in Weimar.
Seit dem 21. November gilt im DNT Weimar die 2G-Regel. Bildrechte: imago images/Jacob Schröter

Gerade die Theater haben auf Publikumsseite mit Hygienekonzepten gezeigt, dass ein Infektionsrisiko gegen Null geht und gezeigt, dass auf der Theaterbetriebsseite, praktisch beim Arbeitgeber hinter den Kulissen, alles nach den 3G-Regeln funktionieren kann wie überall an Werkbänken hierzulande. Wo ist also der Unterscheid, der die Sonderbehandlung und Schließung rechtfertigt? Das, was hier passiert, ist Coronapolitik mit dem Rasenmäher. Ich würde sogar sagen: Gegen besseres Wissen! Mit Blick auf die "Carmen"-Premiere in Weimar wurde am Ende so herzlich geklatscht, dass ich den Applaus auch als eine Demonstration für das Theater gehört habe, als ein großes Dankeschön des Publikums.

Der Regisseur war in diesem Fall Jan Neumann, der schön lange als Hausregisseur in Weimar arbeitet, aber bisher im Schauspiel. Vor einer Woche hatte er erst "Die Jahre" nach dem Buch von Annie Ernaux zur Premiere gebracht. Davor auch eine Stückentwicklung, in der es um den Tod in unserer Kultur ging. Auch "Romeo und Julia". Und 2019, im Jubiläumsjahr Hundert-Jahre-DNT, Schillers "Wilhelm Tell", mit dem 1919 das Theater eröffnet wurde. Jetzt also seine erste Oper in Weimar.

"Carmen" jenseits der Opern-Klischees

Und er stellt auf den ersten Blick eine sehr unterhaltsame "Carmen" auf die Bühne, jenseits der Klischees, mit neuen Dialogen und viel Abwechslung. Eine "Carmen" auch mit durchaus folkloristischen, operettenhaften Bildern zu Beginn (Bühne Philip Rubner, Kostüme Nina von Selzam), die aber im Lauf des Stückes ironisch gebrochen und mit Realität aufgeladen werden Ein Beispiel: Wenn Micaëla wie Rotkäppchen ihrem Herzallerliebsten Don José Brot und Wein und einen Kuss der Mutter mitbringt, dann zeigt die operettenhafte Straßenszene mit Kneipe, die auf der Drehbühne aufgebaut ist, nach einer Vierteldrehung eine neue Seite. Zu sehen ist jetzt ein Balkon, auf dem die beiden stehen, vor einem riesigen Plakat, das ein Alpenpanorama zeigt, das dort auf der Brandmauer klebt.

Zwei Weimarer Sänger stehen auf der Nachbildung einer Veranda vor einem großen Bild.
Attilio Glaser (Don José) und Emma Moore (Micaela) vor dem Alpenpanorama. Bildrechte: Candy Welz

Plötzlich steht Micaëla also wie Heidi vor der Alm und bedient ein Heimatklischee, dass auf den zweiten Blick ein gebrochenes darstellt, spätestens wenn von ihr der Blumentopf mit den Geranien montiert wird. Das ist witzig, will aber, sehr ernsthaft, an besagten "Wilhelm Tell" von 2019 anknüpfen. In dem ging es damals im Schlussbild um den Freiheitsdrang der Schweizer, sprich: um unsereins, zumindest den Teil, der will, das alles so bleibt, wie es immer schon war. Und das sind ja nicht wenige. Zu sehen war im "Tell", wir wir uns in der Festung Europa verschanzen. Und das sind dann schon mehr als die wenigen. Aber wie frei kann das dann noch sein? Wie glaubwürdig sind dann noch die vielzitierten europäische Werte? Dieses Thema wurde in seinen Widersprüchen damals und wird hier in der "Carmen" zum zentralen Motiv. Im Finale des zweiten Akts gibt es ein buntes, queeres Schlussbild. Alle sind zusammen auf der Bühne und singen im Chor von "Liberte" und "Ciel ouvert" – singen also von einem Himmel, der offen ist und von der Freiheit als dem Sinn des Lebens. Komm ins Offene, Freund!

Bezüge zu "Wilhelm Tell" und Verdis "Räubern"

Es gibt übrigens auch noch andere Bezüge auf eine, sagen wir, Weimarer Dramaturgie. Einen Bezug zu den "Räubern", der Oper von Verdi nach dem Stück von Schiller, die Volker Lösch in Weimar schon 2015 inszeniert und dabei sehr genau die Rechtspopulisten ins Visier genommen hatte – eine kluge, geradezu prophetische Inszenierung über die Mechanismen, wie einer so wird. Aber das nur nebenbei. Es ist jedenfalls großartig zu sehen, wie die Bilder von damals in der "Carmen" weiterleben, sich transformieren und wirken. Das Lager der Schmuggler sieht aus wie die polnische Grenze zu Belarus. Und das ist auch prophetisch, denn Neumanns "Carmen" sollte schon am 8. Mai 2021 zur Premiere kommen, wurde dann aber wegen Corona auf den Herbst verschoben und jetzt also nachgeholt.

Mehrere Menschen gehen vor einer Hausfassade über die Bühne des DNT Weimar.
Das Bühnenbild stammt von Philip Rubner, die Kostüme von Nini von Selzam. Bildrechte: Candy Welz

Wahrhaftigkeit als ein großes Plus

Bei dem Freiheitsthema kommt die Liebesgeschichte zwischen Carmen und Don José nicht zu kurz, die ja auch noch durch Escamillo, den Torero, quasi zugespitzt wird, was Leidenschaft betrifft – so besagt es jedenfalls das Klischee. Und andererseits wäre da Micaëla, die für Don José die Heimat und das einfache Glück darstellt. Wie soll man mit beiden Figuren umgehen, die hier sozusagen die zwei Hauptfiguren in ihren Eigenschaften boostern.

Aber Jan Neumann spielt da nicht mit und denunziert keine seiner Figuren. Alle haben Zeit bekommen, sich auch als Figuren mit ernstem Hintergrund vorzustellen – als Durch-die-Gesellschaft-so-gewordene, wenn man so will. Oft, natürlich, passiert das in den Arien, was durchweg berührt und mir als Zuschauer nahegeht. Ich würde von einer Wahrhaftigkeit im Gestus sprechen, der hier zum Tragen kommt.

Ein Mann in Uniform und eine Frau im schwarzen Kleid stehen vor einer saloonartigen Schwingtür.
Attilio Glaser (Don José) und Sayaka Shigeshima (Carmen) Bildrechte: Candy Welz

Es ist dabei nicht immer der überragende musikalische Genuss wie an den ganz großen Häusern mit den ganz teuren Gagen, aber eine Wahrhaftigkeit in der Interpretation, die sich auf die Zuschauer und Zuhörer überträgt und die hier alles wettmacht. Ein großes Plus dieser Inszenierung! Und ein Plus für die Regie, die diesen Figuren damit auch Leben einhaucht beziehungsweise es den Sängerinnen und Sängern ermöglicht.

Am Ende gab es Bravos für die Solisten und für das Dirigat von Katharina Müllner, die für den erkrankten Chefdirigenten Dominik Beykirch eingesprungen war. Müllners Dirigat war rundum gelungen. Es wurde eine reduzierte Orchesterfassung wegen der Abstandsregeln gespielt. Müllner war klug und hat nicht gegen dieses scheinbare Manko gearbeitet, sondern es genutzt. Weniger Musiker im Orchestergraben, vor allem weniger Streichinstrumente, gaben ihr die Möglichkeit für einen transparenten Klang und gute Lautstärken, besser: leise Stärken. Müllner wählte auch gute Tempi für meine Ohren und sie vertraute auf die Protagonisten, gab ihnen Raum. Hut ab für soviel Coolness, die eine eher junge Künstlerin hier an den Tag legte.

Erstbesetzung in Corona-Quarantäne

Corona scheint ein Problem oder hier ein Wurm in der Inszenierung gewesen zu sein. Ein Fall: Marlene Gaßner, die die Carmen singen sollte, schreibt auf Instagram, sie sei wegen Corona in Quarantäne. Dafür sang Sayaka Shigeshima die Premiere. Sie stellt uns eine emanzipierte Carmen vor, hatte keine rote Rose im Haar, keinen Rock an, stattdessen eine einfache, weiße Bluse und eine dunkelblaue Anzughose.

Hier trat also keine Männerfantasie auf die Bühne, sondern eine wirkliche Frau, die dazu passend Figur und Stimme mitbrachte. Also spätestens hier kein Wurm mehr drin. Shigeshima sang mit schönen Farben in der Stimme, die über das ganze Spektrum gut und souverän klang, nicht forciert, sehr angenehm – wahrhaftig, wie gesagt. Und Shigeshima brachte auch Spielfreude mit, bis hin zu den Kastagnetten, mit denen sie sich selbst begleitete – Toll! Don José, Attilio Glaser, war für meinen Geschmack auch sehr gut. Ebenso Emma Moore als Micaëla. Für die drei gab es besonders herzlichen Applaus, deswegen will ich sie hier herausheben.

Sayaka Shigeshima tanzt als Carmen vor dem Western-ähnlichen Bühnenbild
Sayaka Shigeshima sang an Stelle der coronabedingt ausgefallenen Marlene Gaßner die Premiere. Bildrechte: Candy Welz

Fazit zur Weimarer "Carmen"-Inszenierung

"Carmen" in Weimar ist eine musikalisch und regiemäßig überzeugende Inszenierung, die einen zeitgemäßen Blick auf diesen Opernklassiker bietet, der wirklich passt und nicht konstruiert ist. Man kann vieles neu hören und entdecken. Die schauspielerische Qualität hat mich überzeugt. Und das Publikum hat am Ende wirklich sehr von Herzen kommend applaudiert. Sicherlich auch, um hier für das Theater zu demonstrieren, Partei zu ergreifen, für das Theater, das gerade wieder so sehr ins Hintertreffen gerät.

Angaben zur Inszenierung "Carmen" am
Deutschen Nationaltheater Weimar
Theaterplatz 2, 99423 Weimar

Termine:
02.12.2021 // 19.30 Uhr
18.12.2021 // 19.30 Uhr
07.01.2022 // 19.30 Uhr
23.01.2022 // 18 Uhr
24.02.2022 // 19.30 Uhr
18.03.2022 // 19.30 Uhr
17.04.2022 // 18 Uhr

Weitere Inszenierungen am DNT Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. November 2021 | 08:40 Uhr