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Vorbericht zur UraufführungChemnitz tanzt Schmidt-Rottluff: "Wieso ist die Nase blau?"

von Jacqueline Hene, MDR KULTUR

Stand: 25. März 2022, 17:32 Uhr

Lässt sich Malerei in Tanz übersetzen? Während die Chemnitzer Kunstsammlungen am Wochenende ihre große Expressionismus-Schau starten, nähern sich die Theater Chemnitzer einem der Maler-Avantgardisten im Tanz. Die aus Polen stammende Choreografin Katarzyna Kozielska hat sich von Karl Schmidt-Rottluff zu dem Stück "Warum ist die Nase blau?" inspirieren lassen. Geboren in Rottlufff bei Chemnitz, revolutionierte er als Mitglied der Dresdner Künstlergruppe "Die Brücke" die Malerei. Unter den Nazis erhielt er Malverbot. Nach dem Krieg, 1946, trug ihm Chemnitz die Ehrenbürgerschaft an. Bei den Recherchen zu Leben und Werk entdeckte Katarzyna Kozielska eine "beängstigende Aktualität".

Angefangen hat alles mit einem Besuch in den Kunstsammlungen Chemnitz, erinnert sich Katarzyna Kozielska. Ballettdirektorin Sabrina Sadowska habe ihr Bilder von Karl Schmidt-Rottluff gezeigt und vorgeschlagen, ein Ballett über ihn zu machen. "Sabrina ist also schuld. Und ich war sofort begeistert", lacht Kozielska.

Intensive Recherchen zu Schmidt-Rottluff als Künstler und Mensch

Karl Schmidt-Rottluf (1884-1976) war einer der führenden Expressionisten und Mitbegründer der Künstlervereinigung "Die Brücke". Bildrechte: dpa

Es folgt eine intensive Zeit der Recherche. Kozielska und Sadowska wollen wissen, was Karl Schmidt-Rottluff antrieb, wer ihn inspirierte und wo die entscheidenden Wendepunkte und Brüche in seiner Biografie liegen. So entsteht ein Drehbuch, das es in sich hat, eine Art Mosaik, wie Kozielska erklärt: "Wir springen in der Zeit vor und zurück. Weben Erinnerungen und Träume ein. Es geht um den Menschen und um den Künstler und um die Zeit, in der er gelebt hat. All das spielt eine Rolle."

Dazu hat Katarzyna Kozielska Musik ausgewählt – von Franz Schubert über Henryk Gorecki bis hin zu Emptyset, einem Produzentenduo aus Bristol.

Szene im Tanzstück "Warum ist deine Nase blau?" mit Savanna Haberland und Emilijus Miliauskas Bildrechte: Die Theater Chemnitz / Ida Zenna

Farben, Ereignisse, Erinnerungen übersetzt in Tanz

"Ladies in Weiß" auf der Bühne beim Tanzstück über Schmidt-Rottluff Bildrechte: Die Theater Chemnitz / Ida Zenna

Im nächsten Schritte mussten Farben, Emotionen, Ereignisse und Erinnerungen "in Tanz übersetzt" werden. Kozielska bleibt in weiten Teilen klassisch. Aber nicht nur. "Geht es um das Werk von Schmidt-Rottluff versuche ich, in den Bewegungen der Tänzer seine Linien und Pinselstriche nachzuempfinden. Die Farben seiner Bilder zeigen mir an, wie intensiv und kraftvoll eine Bewegung ablaufen muss." Desweiteren gilt: Je unheilvoller die Zeiten, desto verkrampfter die Bewegung. Das Konzept geht auf.

So schweben - wenn sich Karl Schmidt-Rottluff in seine Jugend zurückträumt- Tänzerinnen in langen, weißen Tüllkleidern und Spitzenschuhen über die Bühne. Die "Ladies in Weiß" stehen für Kozielska für die Künstler der Brücke in ihren Anfangsjahren. "Das ist mein Bild von der Brücke: Sich gut fühlen beim Schöpfen von etwas Neuem", sagt sie. Aber die Stimmung kippt: In dem Moment, als die Nationalsozialisten Schmidt-Rottluffs Kunst als entartet einstufen und seine Bilder abhängen, verschwinden auch alle Farben aus dem Bühnenbild.

Seelisch und körperlich herausfordernd

Als dann der Krieg ausbricht, ist die Szenerie kaum noch auszuhalten: Menschen zucken und verkrampfen, verrenken ihre Oberkörper. Die Mädchen in Weiß werden getötet. Eine nach der anderen. Und wie Müll auf einen Haufen geworfen. Ein Albtraum. Für Katarzyna Kazielska und das ganze Ensemble auch eine psychische Belastung:

Unerwartet aktuell sei ihr Stück nun, sagt die aus Polen stammende Choreographin Katarzyna Kazielska. Bildrechte: Die Theater Chemnitz / Ida Zenna

Als ich diese Kriegs-Szene entwickelt habe, dachte ich nicht, dass die Realität uns in Europa einholen würde. Es ist schwer, damit klarzukommen und nimmt mir die Luft.

Katarzyna Kazielska | Choreografin

Dem Ensemble des Chemnitzer Balletts und dem Publikum wird in dieser Inszenierung viel abverlangt. Nicht nur tänzerisch, eben auch seelisch. Und doch ist diese Verneigung vor dem Künstler und Menschen Karl Schmidt-Rottluff längst überfällig. Von der Aktualität seines Werkes zeugt auch ein Zitat, das in Riesenlettern am Theaterplatz prangt: 1917 schrieb Karl Schmidt-Rottluff:

Jeder Gedanke, der heute nicht Frieden heißt, ist Verbrechen.

Karl Schmidt-Rottluff, 1917

Weitere Informationen zum Tanzstück: "Warum ist die Nase blau?"Tanzabend von Katarzyna Kozielska
zu Leben und Werk des expressionistischen Malers Karl Schmidt-Rottluff
URAUFFÜHRUNG

Oper Chemnitz
Theaterplatz 2
09111 Chemnitz

Premiere am 25. März, 19 Uhr
Weitere Vorstellungen am 3. April, 15 Uhr
9. April, 19 Uhr. 

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2022 | 08:40 Uhr