Premiere Kaum Spielfreude – "Die 39 Stufen" am Chemnitzer Theater

"Die 39 Stufen" ist ursprünglich ein Filmklassiker von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1935. Richard Hannay wird in dem Thriller in einen Mordfall und eine große Verschwörung hineingezogen. Bei einem Theaterbesuch trifft er Annabella Schmidt, die sich als Geheimagenten zu erkennen gibt. Sie erzählt ihm von dem Geheimnis der 39 Stufen, das die Regierung zu Fall bringen könnte. Kurze Zeit später steckt ihr ein Messer im Rücken. Richard wird für den Mörder gehalten und muss fliehen.

Vor ungefähr 15 Jahren hat der Engländer Patrick Barlow sich den Agententhriller von Alfred Hitchcock zur Brust genommen und eine wunderbare Persiflage draufgeschrieben. Sein Rezept war ganz einfach: Drei Schauspieler und eine Schauspielerin übernehmen die ungefähr 50 Rollen des Films und die im Film realistisch dargestellte Handlung wird auf das Theater und seine bescheidenen Mitteln heruntergebrochen. Die schnellen Schnitte und Actionszenen müssen auch auf der Bühne geschehen: Da fahren Züge und Autos, da eröffnen Doppeldecker im Tiefflug das Feuer auf einen Flüchtenden, das Ungeheuer von Loch Ness wirkt als Helfer mit.

Natürlich werden dafür ständig die Rollen, Geschlechter und Kostüme gewechselt. Das ist eine Steilvorlage für spielfreudige Komödianten und war in England ab dem Jahr 2006, später auch am Broadway ziemlich erfolgreich, feierte kurz darauf auch an deutschsprachigen Bühnen erste Triumphe, vor allem an kleineren und privatwirtschaftlichen Theatern. Denn mit nur vier Schauspielerinnen und Schauspielern sowie fast schon zwingend erforderlicher Improvisation kann man mit wenig Aufwand im besten Fall einen ziemlich großen Erfolg schaffen.

Große Bühne, wenig Feuerkraft

Am Chemnitzer Theater hat man dieses Erfolgsprinzip umgedreht, also mit großem Aufwand in Sachen Bühnenbild und mit viel Liebe zum Detail bei den Kostümen gearbeitet. Der Ausstatter Stefan Morgenstern musste wahrlich nicht sparen und bietet alles auf. Leider wird es alles andere als ein Volltreffer, was man aber nicht Morgenstern ankreiden kann, der die besten Voraussetzungen für das fehlende Personal geschaffen hat.

"Die 39 Stufen" am Theater Chemnitz
Andrea Zwicky und Marko Bullack in "39 Stufen" Bildrechte: Nasser Hashemi

In Chemnitz mangelte es einfach an komödiantischer Feuerkraft und am handwerklichen Fingerspitzengefühl. Dafür ist im Theater die Regie zuständig und Silke Johanna Fischer hat einfach nicht gut mit den Darstellerinnen und Darstellern gearbeitet. Schon zu Beginn bekommt man das Gefühl, dass die Szenen nur abgearbeitet wurden, wie sie im Text stehen. Das Ensemble jagt durch das Stück mit viel Tempo, aber wenig Gefühl für Rhythmus und gut gesetzte Gags. Als Publikum erlebt man auf diese Weise eine Art Comedy mit V-Effekt: Lachen ist eine körperliche und unwillkürliche Reaktion, die auch einsetzt, wenn nicht alles politisch korrekt ist. Aber in Chemnitz ist der Witz fast schon steril. Vielleicht bemerkt das Publikum, dass etwas lustig gemeint war, aber so funktioniert Komödie nicht. Auf diese Weise wurden nur wenig Aerosole verteilt, was aus hygienischer Sicht bestimmt gut ist, aber deswegen geht niemand ins Theater.

Nahrungsverweigerung fürs Ensemble

Für die Schauspielerinnen und Schauspieler war das ein typischer Fall von Nahrungsverweigerung: Da muss man mutig sein, in die Extreme gehen, übertreiben, persiflieren, changieren, in Momenten umschalten, sich beim rasanten Rollenwechsel nicht nur aufs Kostüm verlassen, sondern auch mit Mimik, mit der Sprache und mit dem ganzen Körper arbeiten, Lust am Spiel aufbauen. Der einzige Darsteller, der das in Ansätzen geleistet hat, war Christian Ruth. Bei dem lacht das durch Corona nur spärlich besetzte Parkett gemeinsam los, weil er gerade noch als falscher Polizist um die Ecke schaut und Sekunden später im vollständigen Kostüm als verblödetes Hotel-Faktotum weiterspielt. In so einem Moment fragt sich jeder spontan lachend, wie er das geschafft hat. Solche Momente braucht es für den Erfolg – die sind aber viel zu selten.

"Die 39 Stufen" am Theater Chemnitz
Marko Bullack als Richard Hannay untersucht Annabella Schmidt gespielt von Andreas Zwicky Bildrechte: Nasser Hashemi

Andrea Zwicky beispielsweise geht nur einmal mit einer skurrilen Bauersfrau ins darstellerische Risiko. Die Femme fatale vom Beginn schreit eigentlich nach einer Art von Besonderheit in der Darstellung, stattdessen endet sie trotz Messer im Rücken als langweilige Leiche. "Die 39 Stufen" am Theater Chemnitz überzeugt kaum mit kollektiv-komödiantischer Spielfreude, sondern ist eher klassisch-akademisch grundiert. So macht sich Theater überflüssig.

Angaben zum Stück "Die 39 Stufen"
Kriminalkomödie von John Buchan und Alfred Hitchcock
Bühnenbearbeitung von Patrick Barlow
Aus dem Englischen von Bernd Weitmar

Regie: Silke Johanna Fischer
Bühne und Kostüm: Stefan Morgenstern
Dramaturgie: Stefanie Esser
Mit: Marko Bullack, Andrea Zwicky, Christian Ruth, Konstantin Weber

Weitere Termine:
19. Dezember, 19.30 Uhr
30. Dezember, 19.30 Uhr

Theater in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. November 2020 | 08:40 Uhr

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