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Corona-FolgenKultur-Lockdown in Sachsen: Frust in der Freien Szene

von Pia Uffelmann, MDR KULTUR

Stand: 17. Dezember 2021, 04:00 Uhr

Seit dem 22. November dürfen in Sachsen wegen der angespannten Corona-Lage keine Kulturveranstaltungen mehr stattfinden. Für die Freie Theaterszene ist das ein weiterer herber Schlag. Doch Kulturministerin Barbara Klepsch rechtfertigt den Schritt. Wir haben mit Vertreterinnen des Figurentheaterzentrums Westflügel in Leipzig, dem Schauspieler Armin Zarbock und der Dresdner Kabarettistin Ellen Schaller über die Situation gesprochen. Ein Stimmungsbericht.

Von Zermürbung ist die Rede, von fehlender Wertschätzung und von dem wichtigen Weihnachtsgeschäft, was jetzt fehlt. Kurz: Die Stimmung in der Freien Szene in Sachsen ist schlecht. Denn seit dem 22. November ist in Sachsen die Kultur wieder zu – zum dritten Mal. Mittlerweile ist klar, dass es bis zum 9. Januar erst einmal so bleiben wird. Eine Situation, die Charlotte Wilde, Teil der künstlerischen Leitung des Figurentheaterzentrums Westflügel, sprachlos macht. Es sei einfach unendlich zermürbend und frustrierend – und kein Ende in Sicht.

Lockdown ist "Schlag in die Magengrube"

Immerhin: Die Corona-Hilfsprogramme liefen weiter und der Westflügel werde zudem institutionell von der Stadt Leipzig gefördert. Für das Figurentheaterzentrum sei es akut noch kein ernsthaftes Problem, finanziell. Auf lange Sicht könne es das noch relativ schnell werden, sagt Charlotte Wilde. Gerade die besucherstarke Vorweihnachtszeit fällt für die Theater und Kabaretts sowie die Künstlerinnen und Künstler jetzt flach.

Der Schauspieler Armin Zarbock Bildrechte: Pia Uffelmann/MDR KULTUR

Auch Schauspieler Armin Zarbock hatte das Jahresende anders geplant: Eigentlich wäre er regelmäßig in einer Dinnershow des Krystallpalast Varieté im Spiegelzelt mit Artistik, Schauspiel, Live-Musik und Showtanz aufgetreten. Doch von sechs geplanten Wochen konnte er nur eine einzige spielen. Eine Ausfallversicherung federt jetzt einen Teil der fehlenden Einnahmen ab – und auch sonst kennt sich der Künstler mittlerweile im Förderdschungel aus. Doch trotz finanziellen Ausgleichs und auch wenn es absehbar war – der Frust bleibt. Dass der Lockdown mit Aussicht darauf, dass es wieder ein paar Wochen dauere, zum wiederholten Mal stattfinde, zermürbe, sagt Armin Zarbock: "Dieses 'Nicht-spielen-Dürfen', das ist wirklich ein Schlag in die Magengrube", so der Schauspieler.

Kultur im Nebensatz geschlossen

Charlotte Wilde (links) und Dana Ersing (rechts) stehen an einer Bar im Leipziger Westflügel. Bildrechte: Pia Uffelmann/MDR KULTUR

Die Anstrengungen der vergangenen eineinhalb Jahre wirken wie vergebene Liebesmüh. Das Krystallpalast Varieté hatte sich mit Eigenmitteln und Neustart-Kultur-Förderung Luftfilter gekauft, für 83.000 Euro. Und im Sommer wurde im Modellprojekt Kultur in Leipzig gemeinsam mit der Politik wissenschaftlich erprobt, wie kulturelle Veranstaltungen sicher ablaufen können.

Ein Einsatz, der nicht belohnt werde, so Dana Ersing, die auch Teil der künstlerischen Leitung des Westflügels ist. Es bringe einfach eine Menge Frust mit, weil die Szene getan habe, was sie könne – teils ehrenamtlich – um einen weiteren Lockdown zu verhindern. "Es wurde eben wieder die Kultur mit so einem Nebensatz zugemacht, vieles andere nicht", so Ersing.

Allerdings sänken die Infektionszahlen durch einen Kultur-Lockdown kaum, glaubt sie: "Weil wir eben kein Ort der Ansteckung sind." Das Signal der sächsischen Politik sei an der Stelle, so Ersing, dass die freie Kultur keine Relevanz habe. Das mache Angst, auch mit Blick auf die Zukunft.

Klepsch: Bewegung vor und nach Kulturveranstaltungen

Dass von Theateraufführungen und Museumsbesuchen wenig Gefahr ausgeht, ist auch im Ministerium in Dresden angekommen. Für Kulturministerin Barbara Klepsch geht es um die Kontakte davor und danach. Im Interview mit MDR KULTUR sagte sie, dass sie wisse, dass die Theater gute Hygienekonzepte hätten. Doch Klepsch erklärt: "Wenn man alles im Ganzen betrachtet – wie komme ich zu dem Theater? Benutze ich den ÖPNV? All das hat die Wissenschaftler dazu gebracht, uns zu raten, die Bewegung zu unterbrechen, um eben eine 60-prozentige Reduzierung hinzubekommen." Bei der niedrigen Impfquote in Sachsen sei eine Unterbrechung der Begegnung und Bewegung der Menschen von über 60 Prozent notwendig, so Klepsch.

Die Dresdner Kabarettistin Ellen Schaller, die meist am Hoftheater Dresden, im Chemnitzer Kabarett oder im Dresdner Comedy- und Theaterclub auftritt, ist nicht nur über die Entscheidung der Politik wütend. Sie wurmt auch die fehlende Impfbereitschaft im Freistaat. Selbst in ihrem Bekanntenkreis gebe es Menschen, die sich nicht impfen lassen wollten: "Denen sage ich dann: Toll, wegen euch sitze ich zu Hause", so die Dresdnerin.

Fehlendes Augenmaß der Politik

Sachsen ist bisher das einzige Bundesland, das die Kultur komplett geschlossen hat. Das werde bundesweit kaum wahrgenommen, so Dana Ersing. Verständnis für die epidemische Lage ist da – aber das Augenmaß der Behörden fehle, so Armin Zarbock: "Wenn das ein kleiner Klub ist, keine richtige Lüftung da ist, dann ist es natürlich schwierig, wenn Menschen zusammen sind, auch in den Bars. Aber wenn ich einen Theaterort habe wie das Gewandhaus, mit einer riesigen Lüftung, das ist hygienisch einwandfrei, da geht es zu wie in einem OP-Saal", erklärt er. 

In Sachsen gibt es derzeit keine Kulturveranstaltungen. Bildrechte: dpa

Die Kultur in Sachsen ist das dritte Mal geschlossen. Erste Künstlerinnen und Künstler orientieren sich um, und das Publikum wird immer weiter von der Kultur vor Ort entwöhnt. Mit vorsichtigem Optimismus plant Armin Zarbock sein Theaterprojekt, was mehrfach verschoben wurde, für Ende Januar. Ellen Schaller studiert dutzende Zeilen Text für zwei ausverkaufte Shows Anfang Februar, ohne zu wissen, ob sie die dann auch spielen kann – und das Figurentheaterzentrum Westflügel hofft, bald wieder öffnen zu können – und wenn es nur für 15 Personen ist. 

Kultur und Corona

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 17. Dezember 2021 | 07:40 Uhr