"Cinematic dance theatre" Dantes "Göttliche Komödie" in Weimar: Tanz-Show für junges Publikum?

Anlässlich des 700. Todestags des italienischen Nationaldichters Dante Alighieri wird sein Hauptwerk, die "Göttliche Komödie", im Deutschen Nationaltheater Weimar aufgeführt. Angekündigt ist die Divina Commedia als "cinematic dance theatre" in der Regie von Ester Ambrosino. Die Chefin des Tanztheaters Erfurt hat dafür ein internationales Ensemble aus Tänzerinnen und Tänzern zusammengestellt, die zu Bach, Jazz und Heavy Metal performen.

Ein Tänzer windet sich inmitten von zerlegten Kinderpuppen. 8 min
Bildrechte: Candy Welz

Dante Alighieri lebte von 1265 bis 1321 und wir sind demzufolge im Dante-Jahr unterwegs. Vor 700 Jahren ist der Großmeister der italienischen Literatur gestorben. Sein Meisterstück ist "Die Göttliche Komödie". Und die kann man nun auf der Bühne des Deutschen Nationaltheaters Weimar (DNT) erleben. Als "cinematic dance theatre" von Ester Ambrosino, wie auf dem Plakat zu lesen ist.

Die Frau ist Tänzerin, Choreografin und Chefin des Tanztheaters Erfurt. Sie kam auf Sizilien zur Welt, Dante stammte aus der Toskana. Da gibt es also schon mal eine gewisse Verbindung im "inner-italienischen" Sinne. Und da Dante für Italien so etwas wie Goethe für die Deutschen ist, passt dieses Stück auch ganz gut nach Weimar.

Kooperationsprojekt mit Größe

Schwarz gekleidete Tänzerinnen und Tänzer halten einander.
Ester Ambrosino bringt ein mehrköpfiges Ensemble mit. Bildrechte: Candy Welz

Dagegen spricht eigentlich nur, dass es am Deutschen Nationaltheater keine Tänzer und Tänzerinnen gibt. Nun gut, die bringt Ester Ambrosino mit: ein neunköpfiges Ensemble aus aller Welt. Mit im Boot ist noch das Theater Erfurt, das auch kein eigenes Ballettensemble, aber Lust auf großes Tanztheater hat. Und dafür, dass dieses Kooperationsprojekt auch wirklich Größe besitzt, sorgen Mittel aus dem Tanzpakt Stadt-Land-Bund. Der ist von der Kulturstaatsministerin Monika Grütters aufgelegt worden, um die Exzellenzförderung im Tanz zu fördern. Mit welchem Ergebnis hier vor Ort im konkreten Fall?

Alter Stoff für junges Publikum

In einer Theaterszene halten sich ein Tänzer und eine Tänzerin an einer glatten Stahlwand fest.
Ambrosino verlegt die Handlung unter anderem auf eine Intensivstation. Bildrechte: Candy Welz

Sagen wir mal so: Ester Ambrosino nimmt sich den alten Stoff und bügelt ihn so auf, dass er gut in unsere Zeit und zu einem nicht nur kulturbürgerlichem, sondern auch jungem Publikum passt. Wie macht sie das? Indem sie sich Verbündete sucht, die ihr dabei helfen, aus Versatzstücken der historischen Vorlage ein Stück zu bauen, das uns den alten Dante und seine "Göttliche Komödie" als eine Art Show präsentiert, die mit einem Autounfall im Hier und Heute beginnt, auf der Intensivstation einer Notfallklinik weitergeht und von dort aus, sozusagen im Kopf des modernen Komapatienten Dante, hinein in die historische Höllenreise und schließlich ins Paradiso führt.

Von Bach über Jazz bis Heavy Metal

Reisebegleiter der Tanztheater-Meisterin sind dabei der Filmkomponist Michael Krause, der Ausstatter Alexander Grüner und der Videokünstler Robert Przybyl. Allesamt Profis, die großes leisten. Die Musik ist eine Mixtur aus Minimal-Music-Elementen, die mit viel Gefühl für große Sounds, aber auch vertrackter Rhythmik à la Strawinsky daherkommt und sich auch nicht scheut, Anleihen bei Bach, im Jazz oder dem Heavy Metal zu nehmen.

Schauspieler Max Landgrebe ist als Dante von einer Tänzerin umschlungen.
Schauspieler Max Landgrebe als Dante. Bildrechte: Candy Welz

Alexander Grüner hat eine optisch und funktional überzeugende Bühne gebaut, die zwischen Krankenhaus, Höllenkreisen und dem finalen Paradies alles heraufbeschwört, was es braucht. Robert Przybyls Videoprojektionen sorgen für Realität oder leichten Horror. Der Schauspieler Max Landgrebe führt als Dante und Erzähler durch den Abend, gibt Erläuterung, wo nötig, sorgt für das rechte Maß an textlicher Information. "Dante to go", akustisch noch aufgepeppt durch den Gesang der beiden Solisten Heike Porstein und Julian Freibott, die aus einer anderen Welt, der der großen Oper, herüberglänzen.

Wenig überzeugende Choreografien

Eine balletartige Szene von Dantes "Göttliche Komödie" mit wehenden weißen Tüchern..
Die Premiere kam beim Publikum gut an. Bildrechte: Candy Welz

So weit, so gut. Da fehlt doch aber noch etwas? Richtig, der Tanz. Und das ist der Part, der mich am Gesamtkunstwerk am wenigsten überzeugt. So groß Ester Ambrosino zum Wurf als Regisseurin des Abends ansetzt, so uninspiriert und zu gefällig kommen mir ihre Choreografien vor. Da fehlen mir einfach die großen, mich hinreißenden Bewegungen, die Wow-Momente.

Dazu kommt, dass Ester Ambrosino zu viel will und das Neben- und Miteinander all der eingesetzten Künste nicht ins rechte Maß zu setzen weiß. Da fehlt dem Unternehmen am Ende Sensibilität. Die vordergründige Show schlägt den tieferen Gedanken. Trotzdem ist es ein Abend, der ob seiner Emotionalität und Überwältigungsstrategie ankam, beim Premierenpublikum.

Tänzerinnen und Tänzer posieren zusammen wie auf Leonardo da Vincis Gemälde "Das Abendmahl".
Bühnenbild von Alexander Grüner. Bildrechte: Candy Welz

Mehr Informationen "Die Göttliche Komödie" als "cinematic dance theatre" nach Motiven aus Dante Alighieris "La (divina) commedia" mit
Musik von Michael Krause

Inszenierung und Choreografie: Ester Ambrosino
Dirigent: Andreas Wolf
Ausstattung: Alexander Grüner
Licht: Christian Schirmer
Video: Robert Przybyl, Marc Loehrer
Dramaturgie: Lisa Evers, Beate Seidel, Arne Langer

Schauspieler "Dante": Max Landgrebe
Tänzer "Dante": Martin Angiuli
Tänzerin "Beatrice": Ezra Rudakova, Lissi Baez
Sängerin "Beatrice": Heike Porstein
Sänger: Julian Freibott

Tänzerinnen und Tänzer: Guido Badalamenti, Veronica Bracaccini, Javier Ferrer Machin, Maya Gomez, Clémentine Herveux, Daniel Medeiros, Manuel Schuler, Vanessa Raquel Vieira da Cunha, Karolien Wauters

Es spielt die Staatskapelle Weimar.

Weitere Termine:
Sonntag, 19. September 2021, 18 Uhr
Samstag, 25. September 2021, 19.30 Uhr
Sonntag, 10. Oktober 2021, 18 Uhr
Sonntag, 24. Oktober 2021, 16 Uhr (Zum letzten Mal)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. September 2021 | 12:10 Uhr

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