Holocaust-Gedenktag Schriftsteller Wilhelm Bartsch veröffentlicht Video gegen Antisemitismus

Normalerweise geht der Hallesche Schriftsteller Wilhelm Bartsch mit seinem Programm "Das antisemitische Virus – Sind wir befallen? Eine Selbstbefragung" an Schulen. Jetzt hat er sein Video-Essay zu Antisemitismus auf Youtube veröffentlicht, mit eindringlichen Szenen, die in Auschwitz gefilmt wurden. Anlässlich des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar spricht er im Interview mit MDR KULTUR über sein Projekt und fordert damit zu selbstreflektiertem Handeln auf.

Der Schriftsteller Wilhelm Bartsch schaut ruhig und bestimmt dn Betrachter an.
Wilhelm Bartsch hat gemeinsam mit Peer-Uwe Teska, Axel Kores und Christoph Liedtke das Video-Essay produziert. Bildrechte: Mario Schneider

MDR KULTUR: Sie betonen ausdrücklich, dass Sie dieses Programm als Bürger machen und nicht in erster Linie als Künstler und Schriftsteller. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Wilhelm Bartsch: Das ist ganz wichtig, weil wir uns alle als Bürger in dieser Zeit verhalten, unsere Meinung äußern und sie, wenn es darauf ankommt, auch ändern müssen. Das machen wir mit unserem Programm genauso: Es ist in ständiger Änderung zu begreifen. Wir beziehen uns in diesem Programm selbstkritisch mit ein. Wir befragen uns selber, unsere Geschichte und unsere Stellung zu dem Problem und bemerken, dass diese Viruserkrankung jeden betrifft.

Das Bewusstsein dafür, dass es so etwas wie ein antisemitisches Virus gibt, ist auch gestiegen?

Das Virus selbst verbreitet sich, das ist ja ganz logisch. Aber worauf es uns ankam, und weswegen wir auch an Schulen gehen, ist eigentlich etwas grundsätzlich Politisches: Es geht nämlich nicht nur um das antisemitsche Virus, sondern um das totalitäre Virus. Das kann überall passieren. Aber das antisemitische Virus ist nun mal das älteste und das gefährlichste. Und anhand des antisemitischen Virus' machen wir eigentlich ein Programm darüber, was Totalitarismus ist. Wir beziehen uns auf Hannah Arendt, Adorno und heutzutage eigentlich Timothy Snyder. Das arbeiten wir mit ein paar künstlerischen Beiträgen und auch mit unserer eigenen Biografie auf.

Welche Rolle spielen dabei die Filmaufnahmen, die Sie in Auschwitz gemacht haben?

Wir haben zwei Schienen: Zum einen gehen wir mit unserem Programm an Schulen. Aber der Film, der auf Youtube und Facebook zu sehen ist, ist nochmal eine Kategorie für sich und eine Qualität, die dazukommt. Christoph Liedtke und Axel Kores, die ich durch meine Literaturwerkstatt kenne, sind auch Filmemacher. Die haben sich da nochmal 'reingekniet' und sind dann nochmal extra nach Auschwitz gefahren. Sie haben dann in Berlin, Auschwitz, Leipzig und auch hier in Halle – am Ort des Anschlags [Anm.: vom 9. Oktober 2019] – ihre Sequenzen genommen. Sie haben damit nochmal das ganze Programm mit ihren Mitteln gestaltet, womit wir dann sehr sehr glücklich waren.

Im Untertitel heißt es "Eine Selbstbefragung": Befragen Sie sich auch selbst? Sind Sie selbst gefährdet?

Wir befragen uns auch selbst, und wir sind immer gefährdet. Das sind gesellschaftliche Erkrankungen. Jeder muss sich diesem Thema auf seine Weise nähern und wir versuchen, eine Antwort darauf und Handlungsanweisungen zu finden: Wie kann man sich am besten schützen? Am Schluss haben wir dann einen Katalog von sieben einfachen Regeln, was man dagegen machen kann. Natürlich so etwas wie nicht lügen oder nicht töten. Aber eine sehr wichtige Regel lautet, dass man nur Einzelne begründet beschuldigt und nicht Gruppen und dass man selber nicht außen vor ist. Man ist nicht im Alleinbesitz der Wahrheit: Auch der Gegner, selbst der Feind, hat einem noch etwas zu sagen.

Das Interview führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2021 | 07:10 Uhr

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