Bühne Theater Magdeburg inszeniert Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe"

2011 erschien Judith Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe" und wurde ein großer Erfolg. Er handelt von einer Lehrerin, die ein sozialdarwinistisches Weltbild hat, in dem sie Schüler verachtet und eine "natürliche Auslese" befürwortet. Doch damit und mit ihrer Realitätsverleugnung isoliert sie sich immer mehr. Das Stück wurde speziell für das Theater Magdeburg adaptiert, am 28. August feiert es Premiere.

Eine Frau auf der Bühne im Theater Magdeburg 4 min
Bildrechte: Nilz Böhme

Am Theater Magdeburg kommt der Roman von Judith Schalansky als Monolog auf die Bühne. Anne Sailer hat zuvor die Proben besucht.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 28.08.2021 12:00Uhr 03:57 min

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Am Theater Magdeburg feierte am 28. August das Stück "Der Hals der Giraffe" Premiere, nach dem gefeierten Roman von Judith Schalansky, von der Autorin ironisch als "Bildungsroman" bezeichnet. Damit hat Regisseur Thilo Voggenreiter genau das richtige Stück mit der richtigen Besetzung gefunden, wie Chefdramaturgin Elisabeth Gabriel betont, denn es passe sowohl für die Schauspielerin, für den Spielplan des Hauses wie auch zur Stadt Magdeburg.

Lebenskrise einer Lehrerin

In diesem Eine-Frau-Stück geht es um die Lebenskrise einer prinzipienstrengen Lehrerin, erzählt mit präziser Nüchternheit und komischer Lakonie – zugleich aber auch von der Krise einer ganzen Region im Umbruch.

Die 55-jährige Lehrerin Inge Lohmark, gespielt von der schmalen, blonden Schauspielerin Susi Wirth, unterrichtet Biologie und Sport in einer Kleinstadt in Vorpommern. Sie schwört auf Frontalunterricht, verachtet ihre Schülerinnen und Schüler ganz subtil und hat Gefallen gefunden an der Lehre Darwins von der natürlichen Auslese.

Eine Frau auf der Bühne im Theater Magdeburg
Polylux und Frontalunterricht bestimmen das Berufsbild der Pädagogin Bildrechte: Nilz Böhme

Das Stück zur Lage

Damit kann das Stück aktueller nicht sein, sagt Wirth, denn in der Covid-Zeit, in der nur die Fittesten überleben, ist es in manchen Gruppierungen auch Konsens zu sagen "Ja, vielleicht ist das eine natürliche Dezimierung." Doch Wirth setzt dem die Menschlichkeit entgegen:

Andererseits sind wir eine Gesellschaft, in der Menschen mit der grauen Hirnrinde – also mit einem Bewusstsein und einer Moral und einer Ethik ausgestattet sind. In der man auch auf Schwächere Rücksicht nimmt.

Susi Wirth, Schauspielerin

Die Protagonistin kommt in Konflikt mit ihrem starren biologistischen Weltbild – und damit auch mit ihrer Umgebung. Sie sieht darüber hinweg, dass eine ihrer Schülerinnen gemobbt wird, versucht zu verdrängen, dass ihre Tochter Claudia wohl nie mehr aus den USA zurückkehren wird und gerät innerhalb der Lehrerschaft immer mehr in die Isolation. Dass die Schulschließung bevorsteht, weil es immer weniger Schüler gibt, ignoriert sie einfach.

Eine Frau auf der Bühne im Theater Magdeburg
Inge Lohmark unterrichtet Biologie und Sport Bildrechte: Nilz Böhme

Für Magdeburg adaptiert

Ihre Werte müssten eigentlich hinterfragt werden, wogegen sie sich sehr stark wehrt, meint Chefdramaturgin Gabriel. Den Fakt der sinkenden Schülerzahlen nennt die Chefdramaturgin auch als Grund, warum das Stück in Magdeburg gespielt wird und verweist auf die spezielle Anpassung für ihr Haus:

"Dieser Stoff ist schon mehrfach für die Bühne adaptiert worden, wobei aber eigentlich nur eine oder zwei bestimmte Adaptionen von der Autorin auch abgesegnet worden sind. Und wir haben eine eigene erstellt, beziehungsweise der Regisseur Thilo Voggenreiter. Im Gegensatz zu den anderen Adaptionen hat er mehr Wert gelegt auf die Verwurzelung auch in dieser Landschaft und in dieser Gegend."

Hier sei eine Region im Umbruch, wo alles abgebaut zu werden scheint – und in der dieses biologistische, darwinistische Weltbild der Protagonistin zu bröckeln beginnt, was Gabriel für Magdeburg interessant findet.

Ich denke, da werden sich viele Leute wiederfinden.

Elisabeth Gabriel, Chefdramaturgin

Wirth spielt eine in sich zerrissene Figur. Sie macht das raumgreifend vor einem Bühnenbild, was immer mal wieder den Raum der Schule aufblitzen lässt. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich zumindest auf ein nicht ganz so bitteres Ende freuen. Doch mehr sei nicht verraten. Im Stück wird für diese Lehrerin der Ort "Schule" zu einem Lernort.

Mehr Informationen zum Theaterstück "Der Hals der Giraffe"
Monolog nach dem gleichnamigen Roman von Judith Schalansky

Für die Bühne bearbeitet von Thilo Voggenreiter.

Mit Susi Wirth als Lehrerin Inge Lohmark

Regie: Thilo Voggenreiter
Bühne, Kostüme: Elisabeth Pedross
Dramaturgie: Elisabeth Gabriel

Termine:
Sa. 28.08.2021 – 19:30 Uhr (Premiere)
Sa. 11.09.2021 – 19:30 Uhr
Fr. 24.09.2021 – 19:30 Uhr
Sa. 09.10.2021 – 19:30 Uhr
Sa. 17.10.2021 – 19:30 Uhr

Leben und Kultur in Magdeburg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2021 | 13:45 Uhr

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