Premiere "Die Räuber" am Theater Dessau: Tiefsinnig, albern und modern

Am Anhaltischen Theater Dessau wurde mit der Premiere von "Die Räuber" die neue Spielzeit eröffnet. Milan Peschel hat das Schauspiel von Friedrich Schiller um Karl Moor und seine Bande inszeniert und mithilfe von Pfandflaschenbergen fulminant in die Gegenwart katapultiert. In riesigen Puppenkostümen treten die Schauspieler und Schauspielerinnen immer wieder aus ihren Rollen, während die Souffleuse im Nonnenkostüm mitspielt. Selten war eine "Räuber"-Inszenierung so frei und entfesselt, sagt unser Kritiker.

Boris Malré als Spiegelberg, Andreas Hammer als Schweizer, Sebastian Graf als Roller, Cara-Maria Nagler als Schufterle. 8 min
Bildrechte: Claudia Heysel

Am Anhaltischen Theater hat Schillers "Räuber" unter der Regie von Milan Peschel Premiere gefeiert. Riesige Puppenkostüme, Pfandflaschen und Mittelfinger: in Dessau wurde Klamauk mit Tiefsinn geboten.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 11.09.2021 09:35Uhr 08:20 min

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"Seit über 200 Jahren wird das Ding gespielt", sagt der alte Moor in der Inszenierung von "Die Räuber" am Anhaltischen Theater irgendwann schelmisch. Aber nur selten so entfesselt, so frei, so fulminant. Eine solch hemmungslose Spielfreude war lange nicht zu erleben. Zuletzt vielleicht in den frühen Castorf-Jahren an der Berliner Volksbühne. Die sollen hier nicht romantisiert werden – die Inszenierung in Dessau ist weit weniger provokant als manche, die dort zu sehen waren. Doch Regisseur Milan Peschel stellt diesen Bezug im Programmheft selbst her.

Peschel will mit Inszenierung an Castorf anknüpfen

Peschel gehörte damals zum Ensemble der Volksbühne und er sagt heute, es gehe ihm auch darum, den Geist dieser gloriosen Ära weiterzuverbreiten. Im Oktober 1990 hat er selbst in einer Legende gewordenen Inszenierung der "Räuber" mitgespielt. Das war ein Abgesang auf die gerade Geschichte gewordene DDR. Am Ende stand das gesamte Ensemble an der Rampe und sang Wolfgang Langhoffs Lied von den Moorsoldaten, das zu den Gründungsmythen des Landes gehörte.

Milan Peschel 3 min
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artour Do 09.09.2021 22:10Uhr 03:02 min

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Was Schillers Stück mit der DDR verbindet

In Peschels Inszenierung am Theater Dessau sind es zwar nicht "Die Moorsoldaten", doch auch Peschel arbeitet mit zahlreichen Text- und Musik-Einsprengseln. Manches wirkt auf den ersten Blick ulkig, etwa das Lied "Karl, der Käfer" – weil es ja um Karl Moor geht. Wie schön: Theater darf albern sein! Es gibt sowjetische Partisanenlieder, das bekannte Pionierlied "Hamm'se nicht noch Altpapier", "Die Partei, die Partei, die hat immer Recht" von Louis Fürnberg und vieles mehr.

Das klingt ein bisschen wie ein DDR-Programm und Peschel macht keinen Hehl daraus, dass er die Enttäuschung vieler DDR-Bürger über die Wiedervereinigung teilt. Man kann diese "Räuber" auch als Umgang mit diesen Enttäuschungen verstehen, aber sie gehen deutlich darüber hinaus. Einerseits ist in dem abstrakten Bühnenbild aus Fahnen und fahrbaren Wänden ein großes Kreuz zu erkennen - der Grabstein der DDR? Andererseits sind auch schwarz-rot-goldene Flächen ohne Ährenkranz vorhanden.

Peschel inszeniert im Heute, aber er tut es mit dem Erfahrungsschatz des in der DDR Aufgewachsenen. Bezeichnend dafür: der Abend beginnt und endet mit einem Lied von Wolf Biermann. Es heißt "Ermutigung". "Du, lass' dich nicht verhärten in dieser harten Zeit", singt Biermann darin und fordert Heiterkeit statt Hass. Peschel geht es damit ohne Zweifel um das Hier und Heute.

Roman Weltzien als Maximilian, Henning Hartmann als Franz
In Peschels Inszenierung ist nicht alles Schwarz und Weiß. Bildrechte: Claudia Heysel

Lauter und wilder Klamauk mit Tiefsinn

Natürlich gibt es bei Peschel auch Karl Moor und seine Bande. Allerdings wirken sie mehr wie eine deftige Karikatur. Sie schreien wie wild, als ob ihr Kampf dadurch wichtiger und richtiger würde. Dabei ist schnell klar, dass sie eigentlich gar kein konkretes Ziel verfolgen, sie rebellieren eher um ihrer selbst willen. Und Karl plagen ganz andere Probleme: im Kaufland haben sie ihm sein Leergut nicht abgenommen.

Das ist Klamauk mit Tiefsinn, während sein Bruder Franz ganz das neoliberale Ekel ist, das nur zwei Ziele hat: den Vater um die Ecke bringen, um ihn zu beerben und Karl die Geliebte Amalia auszuspannen. Die Dreiecks-Liebesgeschichte ist recht knapp gehalten, das Ende geht sogar einigermaßen unter im allgemeinen Trubel. Aber sei's drum, das Reclamheft steht in fast jedem Haushalt.

Boris Malré als Spiegelberg, Andreas Hammer als Schweizer, Nicole Widera als Amalia, Cara-Maria Nagler als Schufterle, Sebastian Graf als Roller
Requisiten wie Pfandflaschen holen das Stück in die Gegenwart. Bildrechte: Claudia Heysel

Eine Sternstunde der Schauspielkunst

Zwei ganz große Szenen hat Amalia. In ihnen zeigt sie, dass sie deutlich reifer ist als die "Jungs". Einmal zitiert sie aus Heiner Müllers "Hamletmaschine", spricht die berühmten Sätze "Ich bin Ophelia, die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern", klärt das Zitat gleich selbst auf und meint damit: das hättet ihr wohl gerne! Am Ende warnt sie Franz davor, sie irgendwie anzufassen und zeigt ihm den Stinkefinger – eine moderne Frau nach #metoo.

Überhaupt: die elf Schauspieler geben alles! Sie spielen in riesigen Puppenkostümen, es wird geklettert und gefallen und immer wieder auch aus der Rolle getreten. "Hände weg von der Vertäfelung", ruft einer dem anderen zu, "das steht hier alles unter Denkmalschutz!" Es darf gelacht werden. Selbst die Souffleuse spielt mit in einem Nonnenkostüm.

Herausragende Inszenierung

Einer ragt aus dem Herausragenden noch heraus: Roman Weltzien als "der alte Moor". Der wechselt die Aggregatszustände in einem fort, manchmal mehrfach in nur einem Satz. Er gibt sich alt und senil, nuschelt kaum verständlich, um gleich darauf wieder frisch und agil und listig zu wirken. Er kann aber auch das Pathos der großen Charakter-Schauspieler des vergangenen Jahrhunderts parodieren. Man glaubt dann, den alten Bernhard Minetti zu hören. Das ist einfach nur großartig!

Milan Peschel sagt, eine Inszenierung darf alles. Und genau so arbeitet er. Es gibt Anspielungen auf aktuelle Debatten, etwa, wenn ein Sprachspiel mit dem Wort "Mohrenkopf" gemacht wird – die Grafen heißen nun mal Moor. Sehr witzig ist auch der große Schaumstoffhammer, mit dem Franz Moor seine Gegner zu erschlagen versucht. Das alles ist wild und frei und anarchisch und zugleich liebevoll gemacht. Unbedingt hinfahren, Dessau ist nicht weit!

Henning Hartmann als Franz, Nicole Widera als Amalia.
Mit einem großen Schaumstoffhammer versucht Franz Moor seine Gegner zu erschlagen. Bildrechte: Claudia Heysel

Mehr Informationen über das Theaterstück Die Räuber
Schauspiel von Friedrich Schiller

Inszenierung: Milan Peschel
Bühne und Kostüme: Nicole Timm
Musik: Stasys Musial
Dramaturgie: Alexander Kohlmann

Vorstellungen:
18. September, 17 Uhr
10. Oktober, 17 Uhr
24. Oktober, 17 Uhr

Kultur in Dessau und Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. September 2021 | 10:15 Uhr

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