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Premiere"Hamlet" am Theater Dessau: altes Stück mit aktuellem Bezug

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR

Stand: 26. März 2022, 13:25 Uhr

Freitagabend stand William Shakespeares Tragödie "Hamlet" am Anhaltinischen Theater in Dessau zur Premiere an. In der Regie von Philipp Preuss, der gerne für seine Inszenierungen ganz besondere Raumsituationen schafft. Das Dessauer Theater ist besonders groß - mit über tausend Plätzen eigentlich zu groß für die kleine Stadt. Aber das Theater hat auch eine Bühnentiefe, die man sonst kaum findet. Spielt das hier eine Rolle?

Ramallah Sara Aubrecht ist Bühnenbildnerin und hat sich für den Dessauer "Hamlet" einen riesigen Tisch auf ansonsten leerer Bühne ausgedacht. Was natürlich sofort an den Tisch im Kreml bei Putin erinnert. Nur dass der Tisch hier in Dessau gefühlt zehnmal so lang ist. Er reicht von der Rampe über dem abgedeckten Orchestergraben bis ganz hinten. Das sind vielleicht 50 Meter. Und damit man diesen Tisch als Zuschauer immer schön vor Augen hat, sitzt das Publikum oben im Rang. Das Parkett bleibt leer. Man hat als Zuschauer immer diesen Blick von schräg oben. Und damit die Distanz.

In Dessau gibt es Hamlet gleich zweimal

Und dann sehen wir Hamlet – nein: zwei Hamlets. Vorne links und rechts am Tisch auf der Vorbühne. Sie fangen irgendwann an zu sprechen, während der Einlass noch läuft. Wirken müde, lustlos. Vielleicht würden sie lieber schweigen. Wie spricht man weiter, wenn man eben noch schweigen wollte? Dieser Sinnzusammenhang wird sich am Ende der Abends ergeben. Dann öffnet sich der eiserne Vorhang. Und dann sehen wir den König, dessen Rolle in dieser Inszenierung zur Hauptrolle aufgewertet wird. Er sitzt am Kopfende, ganz hinten am Tisch, kaum zu erkennen. Dort feiert er mit seinem Hofstaat seine Hochzeit. Der tote Bruder liegt als Festmahl auf dem Tisch. Ganz schön böse, der Onkel. Der Menschenfresser.

Felix Axel Preißler (links) und Niklas Herzberg (rechts) sind jeweils als Hamlet in der Inszenierung am Theater Dessau zu sehen. Bildrechte: Claudia Heysel

Im Laufe des Abends wird es um den König immer einsamer. Oft sitzt er da nur noch allein. Während Hamlet vorne ja immer noch sich selber hat. Als Freund. Der König und die beiden Hamlets auf der anderen Seite des Tisches. Das ist hier die Grundkonstellation, überdeutlich markiert durch die Sitzordnung am Tisch.

Die Inszenierung bleibt dem Werk treu

Nein, der König sieht nicht aus wie Putin. Hinter ihm steht keine russische Staatsflagge. Der König sieht wirklich aus wie ein König mit Krone. Ophelia sieht aus wie Ophelia. Die Kostüme (Eva Karobath) geben sich historisch und verwenden dabei moderne Mittel. Die schwarz-silbernen Kleider des Laertes entpuppen sich als Trainingsanzug mit Reißverschluss. Überhaupt ist der ganze Hofstaat, auch Hamlet, in schwarz-silber gehalten. Nur der König trägt schwarz-gold. Ophelia kommt klassisch in weißem Kleid und einmal in grün mit langer Schleppe. Auch Regisseur Philipp Preuss setzt auf die Erkennbarkeit der Geschichte, bleibt damit dem Werk treu, lässt die Handlung aber auf und um den Tisch herum spielen – wo die Szenen ineinanderfließen. Auch wenn die Figuren keine Szene haben, bleiben Sie einfach sitzen: bewegungslos, erstarrt, wie Marionetten.

Der Hofstaat sitzt in "Hamlet" am Theater Dessau teilnahmslos am großen Tisch. Bildrechte: Claudia Heysel

Ähnliche Bilder kennen wir von Christoph Hein, aus seinem Wendestück "Ritter der Tafelrunde". Damals ein runder Tisch zur Uraufführung in Dresden. Hier in Dessau jetzt rechteckig, fast ein Laufsteg, dieser XXL-Tisch, der auf der gegenüberliegenden Seite zum Katzentisch wird. Das wird im Laufe der Inszenierung deutlich.

Das Zusammenspiel von Theater- und Videokunst

Dann gibt es noch eine zweite Ebene, Live-Videos, die den König in Nahaufnahme zeigen und die Distanz technisch aufheben. Das erinnert an Staatsfernsehen, aber einmal auch, als der König sich mit dem Handy selber filmt, an Selenskyj. Ist der König also auch ein guter Onkel? Oder der Gute auch ein Böser? Von den Seiten kommen immer wieder Vorhänge in den Raum hineingefahren. An mehreren Stellen: hinten, mittig, vorne, auf die dann diese Bilder projiziert werden.

Szene aus "Hamlet" am Theater Dessau: Immer wieder ist der König an verschiedenen Stellen im Raum groß als Videoinstallation zu sehen. Bildrechte: Claudia Heysel

Mit diesen gestaffelten Räumen scheint es auch ein Blick hinter die Kulissen zu sein, die allerdings nichts preisgeben. Auch das erinnert an die langen Flure im Kreml, die sich öffnenden Flügeltüren und die Soldaten in Paradeuniform. Das Publikum, das Volk, guckt von schräg oben aus zu. Bleibt außen vor. Auf Distanz. Nur als Marionette kommt man in die Nähe der Macht.

Den berühmten Halbsatz "Sein oder Nichtsein", den sagen hier nicht nur die beiden Hamlets, übrigens mehrfach, sondern fast alle Figuren. Sagen ihn so oft, dass von "Sein oder Nichtsein" am Ende nur das "oder" bleibt – also die Infragestellung selbst als Prinzip.

Der Bezug zum Ukraine-Krieg

Je länger der Abend, desto mehr wirken abstrakte Sätze ganz konkret auf die Situation in Russland: Zum Beispiel der Satz, den Ophelia sagt: "Wahnsinn darf man bei den Mächtigen nicht unbeobachtet lassen!" Ist das auch noch Kritik an 16 Jahren Merkel? Einmal, als der König richtig wütend wird, fängt er an, auf dem Tisch zu steppen. Über Mikrofon wird dieser Stepptanz verstärkt und verzerrt, und klingt wie Raketenbeschuss. Und dazu sieht man im Video, wie der Hofstaat sich unter dem Tisch verkriecht. Im Luftschutzkeller sozusagen, während oben der Totentanz läuft. Spätestens da fragt man sich: Ist Preuss ein Prophet? Eine Kassandra? Man kann da nur spekulieren.

Vermutlich gab es die Idee mit dem langen Tisch von Anfang an. Und in den Proben haben sich diese Parallelen zwischen den Machtsystemen, die Shakespeare beschreibt, und die im Kreml herrschen, immer mehr in den Vordergrund gespielt. So könnte das gewesen sein. Es ist am Ende auf jeden Fall ein wirkliches großes Theaterkunstwerk, das diese aktuelle Deutung zulässt ohne dabei platt zu sein. Und eine Inszenierung, die in dieser Zeit großes Gewicht hat. Ein Kandidat für das Berliner Theatertreffen 2023.

Das Ende ist der Anfang – und das Publikum entscheidet

Die Schauspielerin und die Schauspieler zeigen eine gelungene Ensemble-Leistung. Das klingt ein bisschen so daher gesagt. Aber es fällt wirklich auf. Der König, Polonius, Ophelia, Laertes und Horatio, die beiden Hamlets - das sind alles gut angelegte, stimmige Figuren. Ein sauber gearbeitetes Stück. Inklusive Licht und Technik.

Das Ende ist der Anfang. Nach gut zwei Stunden, vor dem finalen Gemetzel, fädelt Regisseur Preuss die Szene wieder so zusammen, dass das Stück von Anfang an gespielt werden kann. Es gibt einen kleinen Unterschied. Diesmal sind die Kronleuchter im Zuschauersaal an und die Türen ins Foyer offen. Das Publikum kann jetzt also selbst bestimmen, ob er sich alles noch mal angucken will, oder ob und wann es geht. Das Publikum entscheidet. Das Publikum, dass auch das russische Volk sein könnte. Oder allgemein, das Volk in autoritären Systemen.

Der Tisch in der Mitte der sonst leeren Bühne ist vielleicht 50 Meter lang. Bildrechte: Claudia Heysel

Der Rest ist also nicht Schweigen. Sondern Fragen: Wie lange lässt man sich diesen Wahnsinn noch gefallen? Wie lange hält es das Ganze noch aus? Passender Weise sprechen die beiden Hamlets auf der Bühne gerade auch davon, dass es diese Systeme seit 80, oder 600, oder 3000 Jahren gibt. Immer wieder. Sein oder Nichtsein. Aber: Ist es wirklich nur eine Entweder-Oder-Entscheidung? Etwas in Schwarzweiß, wie das Bühnenbild hier mit nur wenigen Farbakzenten, die damit auf etwas Drittes verweisen. Das grüne Kleid von Ophelia, die immer wieder sagt: "Ich weiß nicht, was ich denken soll!" Aber vielleicht ist genau das ihre Stärke.


Mehr Informationen zur Aufführung"Hamlet" in der Fassung von Philipp Preuss

Anhaltisches Theater Dessau
Friedensplatz 1a
06844 Dessau-Roßlau

Termine:
28. März (Montag), 18 Uhr (geschlossene Schulvorstellung)
29. März (Dienstag), 10 Uhr (geschlossene Schulvorstellung)
3. April (Sonntag), 17 Uhr
23. April (Samstag), 17 Uhr
8. Mai (Sonntag), 17 Uhr
28. Mai (Samstag), 19 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 26. März 2022 | 13:15 Uhr