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Elke Wieditz, Nadja Robiné, Anna Windmüller, Rosa Falkenhagen und Dascha Trautwein sind auf der Bühne im Kesselsaal des E-Werks Weimar zu erleben Bildrechte: Candy Welz

Kritik"Die Jahre" nach Annie Ernaux in Weimar – ein grandioser Theaterabend

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Stand: 16. November 2021, 12:25 Uhr

Der autobiografische Roman "Die Jahre" der französischen Autorin Annie Ernaux ist die Vorlage für ein Bühnenstück des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Darin spielen fünf Frauen die verschiedenen Lebensphasen der Autorin, von den 50ern bis heute. Es geht um weibliche Lust, gesellschaftliche Zwänge und Gleichberechtigung. Dabei werden an der gelungenen Inszenierung auch Männer ihren Spaß haben. Unser Kritiker zeigt sich begeistert und findet jede einzelne Szene sehenswert.

In ihrem Roman "Die Jahre" erinnert sich die französische Autorin Annie Ernaux an rund sieben Jahrzehnte, die sie bewusst miterlebt hat. Geboren 1940, aufgewachsen in den prüden 50er-Jahren, als junge Frau mittendrin in den wilden Zeiten der sexuellen Befreiung, der Anti-Baby-Pille, der Erfüllung von Sehnsüchten, erlebt sie in den Jahrzehnten danach, wie neue Zwänge Frauen in neue Rollenklischees zwingen. Familie, Kommerz, Globalisierung. Ganz frei ist SIE nie.

Grandioser Theaterabend des DNT

Rosa Falkenhagen und Nadja Robiné (rechts) Bildrechte: Candy Welz

Die Inszenierung des Stoffes, die Regisseur Jan Neumann gemeinsam mit fünf Schauspielerinnen erarbeitet hat, ist ein grandioser Abend. Er antwortet auf die Frage, ob Ernaux‘ Roman zugleich eine Autobiografie und eine Kulturgeschichte sei, ein neues Genre, mit einem knapp zweistündigen "Ja".

Das gelingt vor allem deshalb so gut, weil diese Inszenierung dem Roman einen Mehrwert hinzufügt, den nur das Theater bieten kann. Die fünf Schauspielerinnen illustrieren nicht nur einen Text, wie es ja gelegentlich vorkommt, wenn ein Roman "gespielt" wird, sondern sie erwecken ihn zum Leben. Sie bringen ihre Sichtweisen ein, sie sind sozusagen der Stoff. Stets hat man das Gefühl, dass sie eben nicht nur eine Rolle spielen, sondern selbst Teil des Abends und seines Themas sind.

Lebensreise durch die Jahrzehnte

Ernaux‘ Roman handelt zwar von ihrem eigenen Leben, den Krisen, den Lieben, den Sehnsüchten – aber sie spricht nie von sich selbst – die Frau im Roman ist nie "ICH", sondern immer "SIE". Und in Weimar ist gleich ein fünffaches "SIE" zu erleben. Es reflektiert die gesellschaftlichen Entwicklungen, die Veränderungen des Frauenbildes seit den Fünfzigern bis in die Nuller-Jahre.

Die verschiedenen Jahrzehnte beleuchten unterschiedliche Gesellschafts- und Frauenbilder Bildrechte: Deutsches Nationaltheater

An persönlichen Erinnerungen wird miterlebbar, welche Rolle eine Frau in der "großen" Geschichte spielt: als junges Mädchen in den 50er-Jahren, als Mutter in den 70er-Jahren, als älter gewordene Frau in den 90er-Jahren. Dadurch, dass wir in Weimar fünf Frauen unterschiedlichen Alters spielen sehen, wirkt das alles sehr echt und aus dem Heute erlebbar.

Die Inszenierung reicht von derb bis melancholisch Bildrechte: Deutsches Nationaltheater

Der Blick zurück auf die Jahrzehnte bleibt dabei erhalten, aber wenn beispielsweise eine junge Schauspielerin wie Rosa Falkenhagen neben Elke Wieditz spielt, die seit 1974 zum Ensemble gehört, dann ergänzen sich verschiedene Erfahrungen. Das funktioniert vorzüglich, man kann gleichzeitig zwei Geschichten folgen: der aus dem Roman, die von einer 1940 geborenen Frau handelt, die 2006 beschließt, ein Buch zu schreiben, und einer zweiten, die von den Erfahrungen der Schauspielerinnen erzählt.

Befreiung der Frauen ist noch nicht abgeschlossen

Es geht bei Ernaux viel um weibliche Lust und die gesellschaftlichen Zwänge, denen sie durch die Jahrzehnte unterworfen ist. Den fünf Frauen auf der Bühne ist jeweils sehr deutlich anzusehen, was sie davon halten. Es ist ja nicht so, dass die Befreiung von den alten Rollen-Zwängen abgeschlossen ist und alle Frauen gleichberechtigt sind und völlig frei und der Ist-Zustand perfekt. Das zeigt der Abend ziemlich kraftvoll und machtvoll.

Kein reiner "Frauen-Abend"

Es ist eine Qualität der Inszenierung, dass sie daraus keinen "Frauen-Abend" macht. Im Gegenteil, sie vermeidet, was im Kampf um Identitäten gelegentlich zum Ausschluss einer Gruppe führt. Das erste Statement ist, dass ein Mann mit diesen fünf Schauspielerinnen gemeinsam diesen Roman einer Frau auf die Bühne stellt. Es geht um den Platz der Frauen in der Gesellschaft, die Erwartungshaltungen an sie, ihre Sehnsüchte, ihre Lust – und das hat natürlich sehr, sehr viel mit den Männern zu tun. Sie sind quasi die andere Zielgruppe. Aber sie bekommen hier nicht plump "ihr Fett weg", sondern die Gelegenheit, den Gedanken der Frauen zu folgen, einer historischen Entwicklung des Frauenbildes zu folgen. Nicht in Form einer Belehrung, sondern sehr unterhaltsam und zugleich sehr berührend.

Die Frau zwischen Bügelbrett und Waschmaschine – eines der Klischees Bildrechte: Candy Welz

Das Setting des Abends ist raffiniert, denn es zeigt die Frauen zunächst bei Tätigkeiten, die klischeehaft Frauen zugeschrieben werden: eine steht am Bügelbrett, eine in der Küche, eine in einem 80er-Jahre-Aerobic-Kostüm auf einem Fitness-Laufband. Im Laufe des Abends brechen alle Frauen aus diesen Rollen aus, jede hat mindestens einen Solo-Auftritt, in dem sie sich sozusagen befreit.

Musik spielt besondere Rolle

Musik spielt eine große Rolle, zusammengestellt und live gespielt von Johannes Winde. Und das ist ein Soundtrack der Jahrzehnte. Man erkennt jeweils einige Motive, den Rock der 60er, Supertramp, Nina Hagens "Unbeschreiblich weiblich" und das vielleicht beste Beispiel, wie dieser Abend funktioniert: "Voyage, voyage" von Desireless. Diesen Hit singen die fünf Frauen zusammen, mehrstimmig und doch mit EINER Stimme, was nicht nur sehr gut gemacht ist, sondern auch im übertragenen Sinn zu verstehen war.

Musik spielt eine wichtige Rolle in der Inszenierung, ob Supertramp, Nina Hagen oder "Voyage, voyage" von Desireless Bildrechte: Deutsches Nationaltheater

Diese Inszenierung des Romans "Die Jahre" ist ein Chor der Frauen-Stimmen. Ein Chor, der mehr als ein halbes Jahrhundert beschreibt und von einer großen Sehnsucht handelt. Dabei geht es mal derb zu, oft heiter, sogar revueartig, aber oft auch melancholisch – das ist in jeder Szene sehenswert!

Das Stück"Die Jahre"
nach dem Roman von Annie Ernaux

Schauspielerinnen:
Rosa Falkenhagen, Nadja Robiné, Dascha Trautwein, Elke Wieditz, Anna Windmüller

Regie: Jan Neumann
Bühne & Kostüme: Matthias Werner
Musik: Johannes Winde

Aufführungen:
20. November, 20 Uhr, Kesselsaal des E-Werks Weimar
30. November, 20 Uhr, Kesselsaal des E-Werks Weimar
11. Dezember, 20 Uhr, Kesselsaal des E-Werks Weimar
30. Dezember, 20 Uhr, Kesselsaal des E-Werks Weimar
15. Januar, 20 Uhr, Kesselsaal des E-Werks Weimar

Theater in Thüringen

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. November 2021 | 16:10 Uhr