Uraufführung Staatsschauspiel Dresden: Ingo Schulzes "Die rechtschaffenen Mörder" als spannende Bühnenfassung

Als im Frühjahr 2020 Ingo Schulzes Roman "Die rechtschaffenen Mörder" erschien, wurde viel spekuliert, worum es dem Schriftsteller darin gehen könnte. Im Zentrum des Buches steht ein Dresdner Antiquar, der politisch nach rechts abgleitet und der zudem – möglicherweise – seine Lebensgefährtin umgebracht hat. Gestern wurde in Dresden eine Bühnenfassung des Romans uraufgeführt. Erfolgreich, meint unser Kritiker.

Bühnenaufnahmen während des Stücks "Die rechtschaffenen Mörder" am Staatsschauspiel Dresden
"Die rechtschaffenen Mörder" feierte am 22. Oktober 2021 seine Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden. Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

"Die rechtschaffenen Mörder", so viel gleich vorab, war die spannendste unter den Dresdner Ingo-Schulze-Uraufführungen. Es ist ja schon eine Tradition, dass sich das Staatsschauspiel die Romane des in Dresden geborenen Autors vornimmt. Als das Buch erschien, wurde in Dresden und darüber hinaus viel debattiert, ob das Buch ein politischer Schlüsselroman über die Stadt sei, denn es gibt sie ja wirklich, die nach "Neu-Rechts" abgebogene Buchhändlerin.

Die Inszenierung von Claudia Bauer geht darauf direkt nicht ein; hier wird "romangetreu" inszeniert, was meint: ein Buch wird für die Theaterbühne adaptiert. Es findet keine Vermischung mit der Diskussion um Susanne Dagen und ihr "Buchhaus Loschwitz" statt. Oder gar mit Pegida und allem, was Dresden in Zusammenhang damit in den letzten Jahren oft genug in die Negativschlagzeilen gebracht hat. Eine weise Entscheidung, wie ich finde, denn wer mag, kann es natürlich trotzdem auf der Bühne erkennen.

Keine leichte Aufgabe für das Theater

Ingo Schulzes Roman ist vielschichtig, keine leichte Aufgabe für das Theater. In Dresden wurde sie souverän gemeistert, indem eine klare Struktur für die Umsetzung gewählt wurde. Gleich zu Beginn erfahren wir, dass es einen Erzähler namens Ingo Schultze gibt, mit TZ, im Gegensatz zum Romanautor Schulze nur mit Z. Und dann wird weitgehend chronologisch die Romangeschichte erzählt.

Ingo Schulze
Der Dresdner Schriftsteller Ingo Schulze Bildrechte: imago images/gezett

Die Geschichte des Antiquars Norbert Paulini, in der DDR eine Instanz für Bücher, nach der Wende geschäftlich und auch privat gescheitert, politisch verbittert und schließlich ziemlich weit rechts gelandet. Auf der Bühne führt die Romanfigur Schultze selbst durch die Handlung, gespielt von Moritz Kienemann, sogar mit einem Lockenkopf, der dem des wirklichen Autors ähnelt. Die jeweilige Handlungszeit wird auf einer Leinwand eingeblendet: die Kindheit im Dresden der 50er Jahre, die 70er, die 80er, die 2000er Jahre und schließlich die Gegenwart. Das ist alles sehr nachvollziehbar.

Bühnenaufnahmen während des Stücks "Die rechtschaffenen Mörder" am Staatsschauspiel Dresden
Moritz Kienemann als "Schultze" und Torsten Ranft als "Norbert Paulini" Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

Kunstvolle, extrovertierte Kostüme

Regisseurin Claudia Bauer setzt dabei auf die von ihr bereits bekannten Mittel. In den Rückblicken auf die 50er und 70er Jahre tragen die Schauspieler riesige Puppenköpfe. Gar nicht so unähnlich zu Günter Grass' "Die Rättin", die sie gerade in Leipzig inszeniert hat. Sehr überzeugend alle Male. Die Kostüme sind sehr kunstvoll, sehr extrovertiert, und bieten viel Raum für Interpretationen. Die Bühne bietet mehrere kleine Spielflächen, die jeweils leicht verändert werden, zum Beispiel durch einen riesigen Leuchter oder ein riesiges Prospekt, auf dem das Elbsandsteingebirge zu sehen ist. Da zieht Paulini 2002 hin, nachdem das Elbehochwasser seine Existenz in Dresden vernichtet hat.

Bühnenaufnahmen während des Stücks "Die rechtschaffenen Mörder" am Staatsschauspiel Dresden
Die Kostüme bieten viel Raum für Interpretationen. Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

Eine Live-Kamera überträgt zudem einzelne Szenen auf eine Leinwand. Und es gibt Live-Musik, Kompositionen von Peer Baierlein, der unter anderem auch schon für die Leipziger Inszenierung von Peter Richters Dresden-Roman "89/90" komponiert hat. Hier singt die Gruppe "Auditiv-Vokal" Dresden und gibt damit dem reichlich zweistündigen Abend einen wohltuenden Takt. Das alles wirkt sehr organisch.

Rückblicke in die DDR-Zeit

Die Handlung reicht zurück in die DDR-Jahre, in denen Paulini sich seinen guten Ruf als Antiquar erwarb. Diese Rückblicke ermöglichen es, Paulini kennenzulernen. Wie er ganz in seinen Büchern aufgeht, aus ihnen schöpft und dadurch quasi eine Gegenwelt zur ihn umgebenden DDR erbaut. Selbst dabei ist immer ein Hauch von Humor zu spüren. Eine Gratwanderung, wie gemacht für Schauspieler Torsten Ranft, der den Paulini genau zwischen Tragik und Komik anlegt – etwa, wenn er erzählt, dass seine Frau Viola ein Stasi-IM war: sie tratscht halt gerne, sagt er, das ist eben so. Ein großer Abend für den Komödianten Ranft!

Aber vor allem ist die DDR-Ebene wichtig, um zu verstehen, warum Paulini mit der Wende und der Wiedervereinigung die Welt nicht mehr versteht. Da gibt es wieder sehr heitere, aber auch sehr ergreifende Momente: wenn die einst so kostbaren Bücher plötzlich nichts mehr wert sind, kistenweise verkauft werden oder sogar auf Halden entsorgt.

Bühnenaufnahmen während des Stücks "Die rechtschaffenen Mörder" am Staatsschauspiel Dresden
Bühnenszene aus "Die rechtschaffenen Mörder" Bildrechte: Sebastian Hoppe/Staatsschauspiel Dresden

Vieldeutigkeit mit Tiefsinn

Angesichts des vielschichtigen Konstrukts, das Ingo Schulze mit diesem Roman geschaffen hat, ist es eine Qualität der Inszenierung, dass sie Eineindeutigkeiten vermeidet. Oder verweigert. Es sind am Ende viele Deutungen möglich: man kann sich über Paulini empören, dass er so rechts denkt – ausgerechnet er, ein Buchhändler, wer hätte das gedacht! Man kann die Schicksalsschläge, die ihm nach der Wiedervereinigung widerfahren – ihm geht wirklich alles den Bach hinunter, am Ende sogar im Wortsinn, als die Weißeritz 2002 sein Antiquariat vernichtet – als Rechtfertigung dafür missverstehen.

Man kann sich ebenso gut auf die Figur des Autors Ingo Schultze mit TZ konzentrieren, der mit sich hadert, ob er sich nicht zu sehr dem Westen angebiedert habe, seine Ostherkunft dabei mehr und mehr verleugnend. Man könnte sogar zu dem Schluß kommen, dass er sich die Paulini-Geschichte genau deshalb nur ausgedacht hat – für den Buchmarkt, der natürlich westlich tickt. Und natürlich kann man auch die wahren Dresdner Neu-Rechten in dieser Bühnenhandlung suchen und finden. Um all das geht es in Ingo Schulzes Roman, und diese Vieldeutigkeit mit Tiefsinn zu ermöglichen und auszuhalten, und das in einer so ansehnlichen und meistenteils kurzweiligen Inszenierung – ist eine theatrale Großtat. Chapeau!

Schauspielhaus hell erleuchtet am Abend mit Spiegelung im Wallgraben vom Zwinger, Dresden
Spielstätte der Uraufführung von "Die rechtschaffenen Mörder" ist das Dresdner Schauspielhaus. Bildrechte: IMAGO / Hanke

Angaben zur Inszenierung "Die rechtschaffenen Mörder" nach dem Roman von Ingo Schulze
Bühnenfassung von Claudia Bauer, Uta Girod und Jörg Bochow

Weitere Termine: 28. und 29. Oktober sowie am 7. November

Dauer der Aufführung: 2 Stunden und 10 Minuten, keine Pause

Staatsschauspiel Dresden
Theaterstraße 2, 01067 Dresden

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Oktober 2021 | 12:15 Uhr

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