Premiere "Diven sterben einsam" am Görlitzer Theater vermittelt die Liebe zum Theater

Die Musicalette "Diven sterben einsam" scheint wie gemacht für unsere Zeit: Eine Schauspielerin ist allein in ihrer Garderobe und überlegt, wie wichtig ihr das Theater ist. Doch schon vor dem Lockdown hat das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau mit der Idee gespielt, dieses Solo-Stück auf dem Spielplan zu setzen, das den aktuellen Anforderungen nun ideal entsprach. Am Freitag hatte der Abend Premiere.

Eine Frau auf der Theaterbühne
Yvonne Reich als Jane Purcy Mulligan in "Diven sterben einsam" am GHT Görlitz Bildrechte: Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz/Artjom Belan

Wutentbrannt stürmt Jane Purcy Mulligan in ihre Garderobe und ärgert sich über ihre unfähige, junge Kollegin. Um sich zu beruhigen, will sie sich einen Wodka mit einem Spritzer Zitrone machen. Doch die Zitrone dafür ist nicht mehr frisch, beschwert sich die Diva bei ihrer Garderobendame Margret, die den ganzen Abend über seltsam abwesend bleibt. Die Schauspielerin beginnt ihre Garderobe zu durchsuchen. Regisseur Stephan Bestier hat eine große Wand auf die Görlitzer Bühne gestellt, an der lauter Bilder hängen, die in Ausschnitten ein großes Porträt zeigen. Einige Fotos sind von Glühbirnen umrahmt, wie sie jeder in einer Theatergarderobe erwartet. Hinter den Bildern verbergen sich Schubfächer oder Kleiderstangen voller Kostüme. Irgendwann gibt Mulligan die Suche auf und trinkt den Wodka pur – aber immerhin aus einem Stielglas.

Von der Realität zum Singspiel

"Diven sterben einsam (…und erst, wenn sie gut ausgeleuchtet sind)" – so der komplette Titel des Stücks – handelt von einer Schauspielerin, deren beste Zeiten schon vorbei sind. Allein und irgendwie auch verlassen in ihrer Garderobe blickt sie auf ihr Leben zurück. Sie erzählt von ihrem ersten Erlebnis im Theater, sie lästert über Kollegen und Kolleginnen und sie erinnert sich an ihre großen Rollen: Schon früh hat sie das Gretchen im "Faust" gespielt. Eigentlich wollte sie auch immer die Lady Macbeth geben, doch irgendwann wurde sie nur noch als Alte oder Hexe besetzt. Aus Frust hatte sie Affären mit Kollegen. Die beiden Kinder, die daraus hervorgegangen sind, interessieren sich nicht für das Theater und Mulligan scheinbar auch nicht für sie. Zumindest nicht so sehr wie für das Theater, das für sie das Leben bedeutet.

Eine Frau auf der Theaterbühne
Bildrechte: Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz/Artjom Belan

Das Stück wurde von Dirk Audehm zuerst für eine Schauspielerin geschrieben, die tatsächlich kurz vor dem Ruhestand stand. Später hat Thomas Möckel Songs beigesteuert. Nun nennt sich das Stück Musicalette. Der Monolog der alternden Darstellerin wird dabei immer von Songs unterbrochen, die in Görlitz vom musikalischen Leiter Martin Hybler begleitet werden. Die Lieder spiegeln zum einen die Seelenzustände der Figur, zum anderen wirken sie aber wie Revuenummern.

Gut gesungen, schwach gespielt

Dass nun die Opernsängerin Yvonne Reich dieses Solo-Stück gibt, passt natürlich perfekt. Die Sopranistin singt seit 1997 am Görlitzer Theater und übernahm auch Rollen wie die Mimi in Puccinis "La Bohème" oder Donna Elvira in Mozarts "Don Giovanni". Aber vor allem hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder Revueabende mit Liedern von Hildegard Knef oder Zarah Leander gegeben. So überzeugt sie auch in "Diven sterben einsam" mit einem gekonnten Stimmeinsatz. Beinahe problemlos wechselt Reich immer wieder von einem chansonhaften Stil hin zur vollen Opernstimme und wieder zurück.

Eine Frau auf der Theaterbühne
Bildrechte: Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz/Artjom Belan

Das setzt sich dann auch in der Darstellung fort: Yvonne Reich deklamiert den Text eher, als dass sie ihn spielt. Dadurch fehlt es der Figur an emotionaler Tiefe. Das liegt auch an der Regie von Stephan Bestier. Er gibt der großen Diva in der eigenen Garderobe keine Aufgabe. So gießt sie sich nur Wodka nach und holt mal ein Kostüm hervor. Für die Songs findet er ein bis zwei Positionen, in denen Reich die Musik interpretiert und verlässt sich ansonsten auf automatisierte Sängergesten.

Die Anziehungskraft des Theaters

Eine Frau auf der Theaterbühne
Bildrechte: Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz/Artjom Belan

Dass der Abend dennoch funktioniert, liegt auch am Text, der auf den Punkt geschrieben ist. Das Stück "Diven sterben einsam" gewährt dem Publikum eine Art Blick hinter die Kulissen, der zwar von Klischees geprägt ist, dabei aber auch einen Funken Wahrheit enthält. Die Zuschauerinnen und Zuschauer genießen, wie die Figur bissig und bösartig über ihre Kollegen herzieht. Wenn sie zum Beispiel ihre junge Kollegin nachäfft, die ihr den Auftritt vermasselt hat. Oder eine Probensituation nachspielt, in der sie der Regisseur immer unterbricht und fordert, dass sie abnehmen soll. Oder als sie sich über Publikumsgespräche aufregt, bei dem immer nur gefragt wird, wie man sich denn so viel Text merken könne.

Am Ende geht das Stück dann doch zu Herzen, wenn der Tod nicht nur gespielt ist und irgendwann sogar das Theater selbst ereilt. Dann träumt Jane Purcy Mulligan, wie sie mit ihrer Ankleiderin Margret, mit der sie in einer Hassliebe verbunden ist, im Himmel sitzt und es während einer Sommertheatervorstellung einfach regnen lässt. Sie stellt sich vor, wie sie zusammen einfach alle Theater wieder aufmachen. Sie steht allein am Bühnenrand und murmelt: "Das Verbrechen ist nicht, dass sie uns alle arbeitslos machen. Das Verbrechen ist, dass sie der Meinung sind, man brauche die Kunst nicht mehr!"

Informationen zum Stück "Diven sterben einsam (...und erst, wenn sie gut ausgeleuchtet sind),
Musicalette von Dirk Audehm und Thomas Möckel

Musikalische Leitung: Martin Hybler
Regie: Stephan Bestier
Dramaturgie: Ivo Zöllner
Mit: Yvonne Reich

Nächste Termine: 10., 15. und 16. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Oktober 2020 | 09:40 Uhr

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