Premiere "Der Silbersee" in Weimar: DNT verlegt Schauspieloper ins Hier und Jetzt

In Weimar ist die Neuinszenierung von Georg Kaisers und Kurt Weills "Der Silbersee" zu sehen. Regisseurin Andrea Moses lässt die Schauspieloper am Deutschen Nationaltheater in der Gegenwart spielen. Doch so richtig kann die Inszenierung – trotz aller Bemühungen – nicht im Hier und Jetzt anschließen. Die Darstellerinnen und Darsteller überzeugten dafür umso mehr bei der Premiere.

Szene aus dem Theaterstück Der Silbersee
"Der Silbersee" feierte am 21. Januar 2023 Premiere am DNT Weimar. Bildrechte: Candy Welz

Im Finale können sie fliehen: über den im Sommer plötzlich zugefrorenen Silbersee, in eine neue, vielleicht doch bessere Zukunft: ein Polizist und ein Kleinkrimineller. Die beiden ehemaligen Gegner sind Freunde geworden. "Der Silbersee" ist ein Endspiel, vor, ja eigentlich schon nach der politischen Katastrophe. Drei Wochen nach der nationalsozialistischen Machtergreifung an drei Bühnen gleichzeitig (Leipzig, Erfurt, Magdeburg) am 18. Februar 1933 uraufgeführt, wurde es überall nach wenigen Wochen als kulturbolschewistisches und entartetes Machwerk abgesetzt. 

Szene aus dem Theaterstück Der Silbersee 7 min
Bildrechte: Candy Welz
7 min

Das DNT Weimar bringt "Der Silbersee" von Kaiser und Weill auf die Bühne. Bernhard Doppler hat sich die Premiere für MDR KULTUR angesehen. Eine Kritik.

MDR KULTUR - Das Radio So 22.01.2023 13:00Uhr 07:21 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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"Der Silbersee" ist Kurt Weills letztes Werk vor seinem Exil in Deutschland. Der expressionistische Dichter dieser "Schauspieloper", Georg Kaiser, wiederum wurde sofort aus der Akademie ausgeschlossen und seine Werke öffentlich verbrannt. "Alles was ist, ist Beginnen" lautet der Schluss. Gibt es denn trotz allem noch Hoffnung?

Elon Musk auch in Weimar auf der Bühne

Ein wenig verkitscht wirkt das "Wintermärchen", wie das Werk im Untertitel heißt, bisweilen schon. Der Polizist Olim, der den hungernden Kleinkriminellen Severin angeschossen hat, gewinnt in der der Lotterie ein Schloss, pflegt dort Severin, der zunächst nicht weiß, wer sein Pfleger ist, und verliert wieder seinen Besitz. In der Weimarer Inszenierung von Andrea Moses spielt dieses Märchen von bitterer Armut und unermesslichem Reichtum in der Gegenwart.

Elon Musk, der zweitreichste Mann der Welt und zuletzt in den Medien fast wie ein Entertainer präsent, tritt in drei Nebenrollen auf: als Lotterieverkäufer, Diener und reicher Graf – sehr komödiantisch gespielt von Jörn Eichler. Ist Musk und sein Tesla-Auto das Glücksversprechen der Zukunft? Oder wird der Silbersee durch Wassermangel ausgrocknen. Zu Umweltprotesten gegen ihn und sein Werk formiert sich ebenfalls der Chor. Dass ausgerechnet die Wohnung von Georg Kaiser im brandenburgischen Grünheide lag und dort der "Silbersee" geschrieben wurde, gibt dem Bezug auf das Tesla-Werk zusätzlich Legitimation.

Von der Dreigroschen- zur Schauspiel-Oper in Weimar

"Schauspieloper" bezeichnet sich der Silbersee, und beide Sparten sind wie in der "Dreigroschenoper" (dort Bertolt Brecht und Kurt Weill) durchaus gleichberechtigt. So populär eingängig die Komposition auch erscheinen mag, die Vermischung von Schauspiel und Oper ist eine um 1930 moderne experimentelle Form des Theaters. In Weimar kommt als dritte Sparte noch das "Lichtspieltheater" dazu: Filmeinspielungen, welche die Handlung, etwa den Diebstahl im Supermarkt, aktuell spiegeln.

Das ist kein Leben, das ist nur Verdruss

Gegenüber Brecht wirkt Kaisers Denkspiel-Märchen vielfach konstruiert und auch langatmig und läuft auch manchmal ins Leere. Regisseurin Andrea Moses hält sich an eine oft leere, abstrakte Bühne, goldene Schnurvorhänge markieren das Schloss. Überzeugend sind auch in Weimar die Schauspiel-Sängerpersönlichkeiten, die in den eingängigen Balladen, Walzern und Foxtrotts wirkungsvolle Auftritte haben – allesamt Ohrwürmer, manchmal erscheinen sie wie Zitate der "Dreigroschenoper".

Die Ballade von "Cäsars Tod" singt Heike Porstein, gleichzeitig ist sie auch die arme Verwandte: "Das ist kein Leben, das ist nur Verdruss". Uwe Schenker-Primus überzeugt sehr – nicht nur als Sänger, sondern auch als Darsteller des Polizisten, während Alexander Günther in Ernst-Busch-Pose – der Arbeitersänger sang in der Leipziger Uraufführung Severin – die Ungerechtigkeiten der Welt beklagt. Schwungvoll leitet Friedrich Prätorius das recht große Orchester. Ein ständig in Bewegung gehaltener Chor von Alltagsmenschen kommentiert immer wieder das Geschehen, steht aber auch für die inneren Stimmen und Zweifel von Severin.

Wie sich positionieren? Wer ist Freund, wer ist Feind? Was Märchen? Was Zynismus? Und gäbe es doch noch Gemeinsamkeiten oder nur Verschwörung? Dass die Aufführung gerade diese Fragen unbeantwortet und ein wenig ratlos lässt, sollte man der Aufführung gerade nicht vorwerfen. Aber an die Gegenwart scheint, trotz aller Bemühungen, Georg Kaisers Märchen-Konstruktion doch nicht so recht anschließen zu können.

Mehr Informationen Georg Kaiser, Kurt Weill: "Der Silbersee. Ein Wintermärchen."

Regie: Andrea Moses
Musikalische Leitung: Friedrich Prätorius
Mit: Uwe Schenker-Primus (Olim, der Landjäger), Alexander Günther (Severin), Camila Ribero-Souza (Frau von Luber), Heike Porstein (Fennimore), Jörn Eichler (Elon Musk alias Lotterieagent, Diener und Baron Laur) und anderen

Nächste Vorstellungen:
Sonntag, 29. Januar 2023, 16 Uhr
Freitag, 10. Februar 2023, 19:30 Uhr
Donnerstag, 23. Februar 2023, 19:30 Uhr
Donnerstag, 16. März 2023, 19:30 Uhr
Freitag, 14. April 2023, 19:30 Uhr
Freitag, 21. April 2023, 19:30 Uhr
Montag, 1. Mai 2023, 18:00 Uhr

(Redaktionelle Bearbeitung: Simon Bernard, Cornelia Winkler)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Januar 2023 | 13:15 Uhr

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