Premiere Eine Kleinstadt beobachtet sich selbst: "Die lustigen Weiber von Windsor" am Theater Döbeln

Ein alternder Dandy, eine Kleinstadt, die um sich selbst kreist, und Musik, die mehr als Ohrwürmer zu bieten hat: Mit "Die lustigen Weiber von Windsor" ist das Mittelsächsische Theater am 15. Oktober 2022 in die neue Saison gestartet. Die Premiere der Spiel-Oper fand am Stadttheater in Döbeln statt. Besonders das Sänger-Ensemble hat unseren Kritiker überzeugt.

Eine Szene am Theater: Eine Frau kniet mit einem Geweih auf dem Kopf vor einer stehenden Frau.
Szene aus "Die lustigen Weiber von Winsdor" am Theater Döbeln. Frank Blees als Falstaff, Lindsay Funchal als Frau Fluth und Kirsten Scott als Frau Reich. Bildrechte: Janine Haupt

Mit Otto Nicolais komisch-fantastischer Spiel-Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" eröffnet das Mittelsächsische Theater diesmal nicht in Freiberg, sondern in seiner zweiten Spielstätte in Döbeln die Opern-Saison. Das Theater dort hatte gerade eine Woche zuvor sein 150-jähriges Bestehen gefeiert. Sergio Raonic Lukovic, der neue Intendant, inszenierte die Eröffnungspremiere selbst und hat als Bassbuffo, auch wenn er Nicolais Falstaff selbst nicht gesungen hatte, wohl auch besonderen Bezug zu Shakespares Trinker und Frauenhelden Falstaff, dem Nicolais "Lustige Weiber" so heftig mitspielen.

Doch weder in Shakespeares Welt des 17. Jahrhunderts, noch in der des 19. Jahrhunderts von Otto Nicolai spielt Lukovics Inszenierung, sondern aktuell in der Gegenwart, freilich auf einer abstrakten Bühne ohne jedes Mobiliar: lediglich zwei Stege, von denen man zum Bühnenboden runtersteigen beziehungsweise runterspringen kann und viele helle Plastikbahnen, die bisweilen zu Vorhängen gebauscht bis in den Zuschauerraum reichen, bestimmen die Bühne (Bühnenbild Stephan Prattes).

Döbelner Inszenierung fordert zum Nachdenken auf: Ist der Frauenheld Falstaff ein Fall für MeToo?

Vorgeführt wird eine Kleinstadt, in der jeder jeden beobachtet. Aus Junker Spärlich, einem der drei Liebhaber von Jungfer Anna, ist ein Psychoanalytiker geworden, bei dem zum Beispiel Herr Fluth eine Therapie macht, wenn er eifersüchtig gegenüber seiner Frau wird. Wenn Herr Fluth im 2. Akt völlig verunsichert ist, weil er nicht weiter weiß, was er von seiner Frau, was er von Falstaff halten soll, fällt plötzlich überraschend der eiserne Vorhang und man wird in die Pause entlassen. "Der Vorhang zu und alle Fragen offen"?

Auch der Zuschauer wird zum Nachdenken aufgefordert und ihm keine Lösung geboten. Ist der Frauenheld Falstaff ein Fall für MeToo oder vielleicht doch ein bemitleidenswertes Opfer lustiger finanzkräftiger "Weiber"? Frank Blees spielt einen älteren durchaus liebenswerten Dandy, der sich aber in seiner Attraktivität auf Frauen allerdings ein wenig überschätzt. Lukovic hat viele zusätzliche Figuren für den Chor bzw. für Statisten erfunden, eine Stadtgesellschaft, die über die Familien Fluth und Reich hinausgeht. Bei der Ouvertüre als Schattenspiel schon eine Freundin Falstaffs, eine intellektuelle Brillenträgerin, die Falstaff anschmachtet, mit der er nichts zu schaffen haben will, zu der er aber wohl ein wenig widerwillig im Finale wieder zurückkehrt.

Ein Mann auf einer Bühne.
Die altende Dandy gerät in Bedrängnis: "Die lustigen Weiber von Windsor" in Döbeln. Bildrechte: Janine Haupt

Solche Regieeinfälle geben dem Publikum Rätsel auf und leuchten aber nicht immer ein oder sind allzu oberflächlich kabarettistisch pointiert. Doch wenn sich Falstaff vor der Gesellschaft, als Frau verkleidet, produziert, um sich so aus dem Staub machen zu können, ist dies ein überzeugender komödiantischer Höhepunkt.

Neuer Generalmusikdirektor Tomasello überzeugt

Dass Nicolais Spiel-Oper mehr ist als eine Abfolge von leicht eingängigen Ohrwürmern, gelingt dem neuen Generalmusikdirektor Attilo Tomasello immer wieder. Anklänge an Donizetti, aber auch an Richard Wagners "Fliegenden Holländer" kann man durchaus heraushören. Überzeugend neben Frank Blees als Falstaff ist auch das sehr gute Sängerensemble, wobei besonders Inkyu Park als Fenton überzeugt (Er ist nicht nur Liebhaber Annas, sondern auch der Brief- und Paketzusteller des Städtchens).

Ein Mann sitzt auf einer Bühne, im Hintergrund umarmen sich zwei Frauen.
Szene aus der Spiel-Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" in Döbeln. Bildrechte: Janine Haupt

Das Opernhaus also als der Ort, in der sich die Gesellschaft einer Kleinstadt kritisiert, verunsichern lässt, kommentiert, therapiert und vor allem sich ständig gegenseitig beobachtet. Insofern sind "Die Lustigen Weiber von Windsor" als Eröffnung auch ein Statement zur Tradition und zur Funktion eines Stadttheaters. Auf der Bühne und hinter der Bühne sind dabei beinahe fast so viele Menschen wie im gut besuchten, aber kleinen Zuschauerraum: Bühnen-Chor und zwei Extrachöre, der Stadtchor aus Freiberg und der Stadtsingerchor aus Döbeln, Orchester und eben auch das große Ensemble von Nicolais Oper. Es ist zu hoffen, dass Oper in der Kleinstadt auch nach 150 Jahren weiterhin Zukunft hat.

Mehr Informationen Oper: "Die lustigen Weiber vom Windsor"
von Otto Nicolai

Aufführungen:
23.10. und 26.11.2022

Premiere in Freiberg am 28.10.2022, Aufführungen am 30.10. und 16.11.2022

Weitere Vorstellungen sind bis März 2023 angesetzt.

Theater Döbeln
Theaterstraße 7
04720 Döbeln

Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2022 | 09:40 Uhr

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