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TheaterMissbrauch im Wunderland: "Alice" am Staatsschauspiel Dresden

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Stand: 22. März 2022, 05:19 Uhr

Der Autor des berühmten Romans "Alice im Wunderland" Lewis Carroll wird des Kindesmissbrauchs verdächtigt. Drehbuchautor Robert Wilson baute das Thema deshalb in seine Theateradaption ein. Jetzt ist das Stück unter Regie von Mina Salehpour und mit Musik von Tom Waits am Dresdner Staatsschauspiel zu sehen. Eine spektakuläre Inszenierung, aber alles andere als unschuldiges Kindertheater, meint unser Kritiker, der die Premiere besucht hat.

Die Zutrittsregel für die Premiere von "Alice" am Staatsschauspiel Dresden lautete 2G+: Doppelt geimpft plus Test oder Booster. Nur die Hälfte der Plätze durfte besetzt werden und die FFP2-Maske blieb den ganzen Abend auf der Nase: Keine idealen Bedingungen, denn "Alice" ist letztlich ein Musical mit Live-Musik, da wäre vor vollem Haus sicher etwas mehr Stimmung aufgekommen. Am Ende gab es dennoch großen Jubel für die großartigen Bilder, die die Dresdner – angelehnt an Robert Wilsons Originalproduktion – auf die Bühne gezaubert haben.

Farbenfrohes Spektakel, tolle Performance

Wer jemals etwas von Wilson gesehen hat, weiß: Das ist jedes Mal ein faszinierendes, detailverliebtes, farbenfrohes Spektakel; dazu die Musik von Tom Waits, von sieben Musikern live im Bühnengraben gespielt, energiegeladen – eine tolle Performance. Das wird ganz sicher ein Erfolg für das Staatsschauspiel.

Szene aus "Alice" nach Robert Wilson am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Auf den zweiten, den strengeren Blick würde ich durchaus ein "aber" einwerfen, und das hat nicht allein mit der Inszenierung zu tun, sondern bereits mit dem Stück. Robert Wilson hat es 1992 für das Hamburger Thalia Theater geschrieben, nachdem er dort mit seinem "The Black Rider" überaus erfolgreich war. "The Black Rider" war eine Umarbeitung des "Freischütz", geschrieben vom amerikanischen Beatnik William S. Burroughs. Dementsprechend wollte Wilson nicht einfach "Alice im Wunderland" spielen, sondern mehr aus dem Stoff holen.

"Alice im Wunderland"-Autor unter Missbrauchs-Verdacht

Er fügte eine zweite Ebene hinzu, und diese zweite Ebene handelt von Charles Dodgson. Das ist der Mann, der unter dem Künstlernamen Lewis Carroll die beiden berühmten Alice-Romane "Alice im Wunderland" und "Alice im Spiegelland" geschrieben hat – und zwar für ein junges Mädchen namens Alice.

Dodgson steht im Verdacht, Alice auch sexuell begehrt zu haben: Er hat sie in aufreizenden Posen fotografiert und ihr zahlreiche Briefe geschrieben. Die sind zwar alle vernichtet, aber vieles deutet darauf hin, dass seine große Zuneigung zu Alice in einem Missbrauchszusammenhang steht. Das ist – auch mit Dodgson als handelnder Figur – Teil des Stückes geworden.

Alles andere als unschuldiges Kindertheater

Szene aus "Alice" nach Robert Wilson am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Scheinbar konträr zur Zauberwelt des Wunderlands mit dem weißen Kaninchen und der Grinsekatze und allem, was man kennt, geht das zunächst sehr gut zusammen. Zum Beispiel, indem das weiße Kaninchen vom selben Schauspieler gespielt wird wie Charles Dodgson. Eben hat er das Mädchen noch beim Schlittschuhlaufen fotografiert, und kurz darauf zieht er sie mit seinen riesigen Hasenohren nah an sich heran – zu nah. Das ist alles andere als unschuldiges Kindertheater.

Die Regisseurin der Dresdner Fassung, Mina Salehpour, betont diese Ebene wiederholt: Mehrfach wird Alice im Wunderland vorgeworfen, sie habe Schuld an allem, Schuld daran zum Beispiel, dass ein älterer Mann ihr Briefe geschrieben und sie fotografiert hat. Diese Opfer-Täter-Umkehr wurde sehr gut herausgearbeitet und das gibt der Inszenierung ohne Zweifel Relevanz. Sie will eben nicht nur irgendein Musical sein.

In Wilsons eigenen Inszenierungen ist man ja mitunter von der Form so geblendet, dass man den Inhalt nur als Rauschen wahrnimmt. Das ist in Dresden nicht so. Am Ende steht Alice ganz allein auf der Bühne und sagt "I am still here" – sprich: Die Geschichte des Mißbrauchs ist nicht zu Ende, so die klare Botschaft.

Etwas diffus, aber zu empfehlen

Aber es ist eben eine zusätzliche Ebene, und je mehr man die in den Vordergrund rückt, desto diffuser wirkt der Rest. Diese so verschiedenen Bestandteile des Abends – das Musical mit englischen Texten zu toller, aber letztlich beliebiger Tom-Waits-Musik, die Wunderland-Handlung und dazu noch diese hochbrisante Geschichte des Missbrauchs wirkten auf mich ein bisschen wie: Alles ein bisschen erzählt, aber nichts richtig.

Szene aus "Alice" nach Robert Wilson am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Sebastian Hoppe

Das Wilson-Konzept, viel über Bilder, über Kostüme, selbst über Farben zu erzählen, visuelle Kompositionen zu schaffen – es geht dennoch auf. Dieser Abend ist ein Fest für die Augen. Gleich zu Beginn schwebt Alice aus dem Theaterhimmel herab, beim Schlittschuhlaufen ist der Bühnenboden in Nebel gehüllt, die Grinsekatze ist ein riesiger Katzenkopf in der Bühnenmitte – starke Bilder sind das, ein starkes Bühnenbild. Kostüme, Licht, auch die bei Wilson so wichtigen Geräusche sind da – nicht ganz so überzeichnet und artifiziell wie bei Wilson selbst und auch nicht so perfekt, aber alle Male handwerklich brillant gemacht.

Aber es wirkt auch ein bisschen wie eine lose Szenenfolge. Es mag gut sein, dass es auch etwas an der Corona-Situation liegt. Die Hamburger Inszenierung war deutlich länger, während in Dresden alles in anderthalb Stunden ohne Pause hineinpassen musste. Nicht von ungefähr gilt Robert Wilson als Meister der theatralen Langsamkeit. Ein bisschen mehr erlebbare Handlung, ein bisschen mehr "Alice im Wunderland", das hätte dem Abend sicher gutgetan. Das sagt man auch nicht oft, aber dieser Abend hätte länger sein dürfen, vielleicht sogar müssen.

Nächste Termine von "Alice"8. Juni, 19.30 Uhr

Adresse:
Staatsschauspiel Dresden
Theaterstraße 2,
01067 Dresden

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