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Szene aus "Die andere Frau" an der Semperoper Dresden: Die biblische Geschichte wird auch auf sehr persönlicher Ebene verhandelt. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Semperoper DresdenDresden: Premiere "Die andere Frau" mit Publikum auf der Bühne

von Michael Ernst, MDR KULTUR

Stand: 25. Januar 2022, 17:31 Uhr

Die Semperoper Dresden bringt mit der Oper "Die andere Frau" von Torsten Rasch eine biblische Geschichte auf die Bühne, die jedoch modern als Familiendrama inszeniert wird und packend wirkt. Am 22. Januar feierte die Oper ihre Uraufführung. Der Gesamteindruck des Auftragswerkes der Sächsischen Staatsoper ist beeindruckend, findet unser Kritiker.

Seinen Amtsantritt als Intendant der Semperoper hatte der Schweizer Peter Theiler mit dem Anspruch gesellschaftlich relevanten Musiktheaters verbunden. "Es gibt keine apolitische Kunst", sagte er damals. "Eine Haltung zu den Themen unserer Zeit ist wichtig."

Ursprung in biblischen Legenden

Wie ernst es ihm mit diesem Anspruch gewesen ist, das konnte er jetzt endlich mit einer – pandemiebedingt mehrfach verschobenen – Uraufführung beweisen. Als Auftragswerk der Sächsischen Staatsoper hatte am Samstag "Die andere Frau" von Torsten Rasch Premiere. Diese vierte Oper des 1965 in Dresden geborenen Komponisten geht auf eine der biblischen Legenden zurück – und ist doch ein absolut heutiges Kunstwerk. Tiefgründig, nahegehend, ein beeindruckender Gesamteindruck.

In der Inszenierung von "Die andere Frau" blickt das Publikum von der Bühne aus auf die Darstellung und den sich dahinter ausbreitenden eigentlichen Publikumsraum. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Publikum sitzt auf der Bühne

Das beginnt mit der Sitzordnung: Das Publikum sitzt auf der Bühne und blickt in den Saal der Semperoper. Dort, in den ersten Parkettreihen, ist das Orchester mehr zu hören als zu sehen. Denn zwischen Staatskapelle und dem abstandsvoll ausgedünnten Gestühl befindet sich die eigentliche Spielfläche. Ein schmaler Steg nur, der in den Seitengassen Anfang und Ende hat, so jedoch eine Art Unendlichkeit symbolisiert.

Immer wieder schreiten Menschen, Junge wie Alte, geschunden und abgehärmt, von rechts nach links über diesen Steg. Der besteht aus Aberhunderten von Schuhen, als sollte assoziiert werden, dass dieser Menschenzug schon seit uralten Zeiten fortschreitet und ewig so fortschreiten wird.

Szene aus "Die andere Frau" an der Semperoper: Der Menschenzug schreitet auf der ewigen Straße voran. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Das suchende, flüchtende Volk geht an der Geschichte vorbei. Und die dreht sich um das biblische Paar Abram (Abraham) und Sarai (Sara) kurz nach deren Flucht aus Ägypten. Mit der billigen Ausrede "Es war nötig" hatte der Frömmler seine Frau nicht vor den ägyptischen Männern beschützt. Nun kann sie keine Kinder mehr bekommen und lässt ihn eines mit ihrer Sklavin Hagar zeugen.

Familiendrama, Sodom und Gomorrha

Torsten Rasch und sein Librettist Helmut Krausser haben keine Legende nacherzählt, auch wenn der Bogen bis zu Sodom und Gomorrha reicht, sondern ein fesselndes Familiendrama geschaffen. Was macht es mit dieser anderen Frau, das Kind ihrer Herrschaft auszutragen? Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen den Frauen – und dann das zum geborenen Sohn?

Magdalena Anna Hofmann spielt in "Die andere Frau" Sarai und Markus Marquardt ihren Mann Abram. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Klagegesang mit elektronischen Klängen

Zwischen diesen Szenen, denen das Publikum aus nächster Nähe beiwohnen kann, ertönt aus der Tiefe des eigentlichen Zuschauersaals der Klagegesang einer sogenannten Augenzeugin, die von der zerstörten Stadt Ur berichtet. Rasch hat hierfür elektronische Musik geschaffen und die Sängerin Sussan Deyhim gewonnen, diesen betörenden Gesang zu interpretieren. Als Abram und Sarai agieren Bariton Markus Marquardt sowie die Sopranistin Magdalena Anna Hofmann mit emotionalem Spiel und Gesang. Die gedemütigte Hagar wird von Stephanie Atanasov stimmgewaltig aufbegehrend verkörpert.

Sussan Deyhim singt in "Die andere Frau" die Rolle der Augenzeugin zu elektronischer Musik Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Großartige Musik, zeitloser Text

Michael Wendeberg obliegt die musikalische Leitung dieser opulenten Partitur mit ihren kraftvollen Schlagwerkeffekten und charakterisierend grundierenden Bläsereinsätzen. Neben zahlreichen Komparsen wirken der Extrachor der Semperoper sowie Mitglieder von AuditivVokal Dresden mit – alles in allem mehr darstellende Personen als Publikum, was zum Gesamtereignis dieser Oper sicher mit beiträgt.

Vor allem aber ist "Die andere Frau" großartige Musik zu zeitlosem Text und von Regisseur Immo Karaman eindrücklich ins Bühnenbild von Arne Walter gesetzt. Archaische Kostüme hat Anni-Josephine Enders geschaffen.

Infos zur Aufführung"Die andere Frau"
Oper von Torsten Rasch
Auftragswerk der Sächsischen Staatsoper Dresden

Regie: Immo Karaman
Bühnenbild: Arne Walther

Besetzung:
Abram: Markus Marquardt
Sarai: Magdalena Anna Hofmann
Hagar: Annelie Sophie Müller
Drei Engel: Philipp Mathmann, Philipp Meraner, Ilya Silchuk
Die Augenzeugin: Sussan Deyhim
Regieassistenz: Gunda Mapache

Sinfoniechor Dresden – Extrachor der Semperoper Dresden
Sächsische Staatskapelle Dresden
AuditivVokal Dresden
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg

Aufführungen:
Samstag, 22.01.2022, Uraufführung
Dienstag, 25.01.2022, 19:00 Uhr
Sonntag, 30.01.2022, 19:00 Uhr
Mittwoch, 02.02.2022, 19:00 Uhr
Mittwoch, 09.02.2022, 19:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 22. Januar 2022 | 20:05 Uhr