Kritik Semperoper Dresden feiert erste Ballettpremiere seit Corona: "Peer Gynt"

Choreograf Johan Inger ist einer der ganz Großen des zeitgenössischen Tanzes. An der Semperoper Dresden überzeugt er mit seiner "Peer Gynt"-Inszenierung nach dem Drama von Henrik Ibsen mit Musik von Edvard Grieg. Die Premiere wurde am Pfingstsonntag, 5. Juni, gefeiert. Was bei unserem Kritiker zur Standing Ovation führte, lesen Sie hier.

Vorne: Ensemble, Hinten: Christian Bauch (Peer Gynt), Stefanie Knorr (Solveig)
Das Ballett "Peer Gynt" feierte am 5. Juni 2022 Premiere an der Semperoper Dresden. Vorne: Ensemble, Hinten: Christian Bauch (Peer Gynt), Stefanie Knorr (Solveig) Bildrechte: Semperoper Dresden/ Ian Whalen

Es war wie ein großes Aufatmen, nach langer Zeit der Stille: Nach über zwei Jahren Corona-verordneter Ruhe endlich wieder eine Ballett-Premiere an der Semperoper, das prächtige Haus bis hoch hinauf in den vierten Rang gefüllt. Das Publikum strömte, aus der Stadt und der Welt. Und es erlebte ein Ereignis. Nicht nur, weil dieser "Peer Gynt" von einem der ganz Großen des zeitgenössischen Tanzes, dem Schweden Johan Inger, erdacht und in Szene gesetzt wurde, sondern auch, weil die Compagnie sich in den letzten Jahren unter der Direktion von Aaron S. Watkin zu einem Spitzenensemble von internationalem Rang entwickelt hat.

Peer Gynt in Dresden als Alter Ego des Choreographen

"Peer Gynt", das Drama von Henrik Ibsen, gerne auch als der "Faust des Nordens" bezeichnet, erzählt die fantastische Reise eines Menschen durch sein Leben, seine Träume und die Welt. Ein faszinierender Stoff, der mit der kongenialen Musik von Edvard Grieg einfach auf die To-do-Liste eines "Choreographen des Nordens" wie Johan Inger gehört. Doch für den stellt dieser Stoff offenbar so etwas wie einen Blick in den Spiegel des eigenen Künstlerlebens dar. In einem Interview spricht er von metaphorischen Parallelen der Figur Peer zu seinem eigenen Lebensweg, und dass sich eng damit verbunden auch seine ganz persönliche Reise durch die Kunstform Tanz spiegelt. Soviel zur Theorie, was passiert auf der Bühne?

Geniales, wandelbares Bühnenbild

Das ausverkaufte Haus ist offensichtlich nicht der Grund dafür, dass einige Zuschauer auch auf einer Traverse mitten auf der Bühne platziert werden. Ansonsten ist von Bühnenbild nicht viel zu sehen. Das ändert sich aber schnell und an dem knapp zweistündigen Abend dank des genialen Bühnenbilds von Leticia Ganán und Curt Allen Wilmer immer wieder. Aus zwei riesigen Rollschränken an den Bühnenseiten wird alles, was an Szenerie gebraucht wird, schnell herausgezogen und auch wieder zum Verschwinden gebracht. Das hat praktischen Witz und schafft Platz für den Tanz.

Vorne v.l.n.r.: Ayaha Tsunaki (Drei Tänzerinnen beim Vortanzen, Anitra), Václav Lamparter (Der Bräutigam), Christian Bauch (Peer Gynt), Hinten: Ensemble
Szene aus dem Ballett "Peer Gynt" an der Semperoper Dresden: Vorne v.l.n.r.: Ayaha Tsunaki (Drei Tänzerinnen beim Vortanzen, Anitra), Václav Lamparter (Der Bräutigam), Christian Bauch (Peer Gynt), Hinten: Ensemble Bildrechte: Semperoper Dresden/ Ian Whalen

Eine Reise durch die stilistische Vielfalt des Tanzes

Der Tanz beginnt mit Peer als jungem Wilden, der auf einer bäuerlichen Hochzeit nicht nur in Streit mit den Dorfburschen gerät, sondern am Ende mit der Braut durchbrennt, ganz klassisch. So wie es der junge Johan Inger als Tänzer an der Akademie in Stockholm lernte. Weiter geht es in der alten Geschichte von Ibsen in das Reich der Trolle – und tänzerisch in die Welt des Choreografen Mats Ek und dessen Ballett "Gamla Barn" aus dem Jahr 1989. Das hat Johan Inger damals in seinem modernistisch-abstraktem Ausdruck sehr fasziniert – so nachhaltig, dass es hier nicht nur zitiert, sondern auch im Original eingebaut wird, als Tanz im Tanz, und mit dem Tänzer Francesco Pio Ricci in der Rolle Mats Eks als Trollkönig.

Dieser selbstzitierende Witz wird später im wahrsten Wortsinn auf die Spitze getrieben, als Peer zum Tänzer und Choreographen mutiert und als das Alter Ego seines Lehrmeisters Jiří Kylián agiert. Mitsamt der Parodie einer Audition, bei der Peer seine Anitra kennenlernt und mit ihr zu der bekannten Melodie von Anitras Tanz in den Mythos von Bizets Carmen nach Spanien entflieht – wo auch Johan Inger heute lebt.  

Vorne v.l.n.r.: Václav Lamparter (Der Bräutigam), Madison Whiteley (Die Mutter der Braut), Gareth Haw (Der Vater des Bräutigams), Hinten v.l.n.r.: Christian Bauch (Peer Gynt), Svetlana Gileva (Ingrid), Sinfoniechor Dresden
"Peer Gynt" an der Semperoper Dresden. Vorne v.l.n.r.: Václav Lamparter (Der Bräutigam), Madison Whiteley (Die Mutter der Braut), Gareth Haw (Der Vater des Bräutigams), Hinten v.l.n.r.: Christian Bauch (Peer Gynt), Svetlana Gileva (Ingrid), Sinfoniechor Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/ Ian Whalen

Ovationen für einen großen Abend an der Semperoper

Halten wir fest: In dieser modernen Lesart nimmt die alte Geschichte so richtig Fahrt auf. Und dass der Abend sein glückliches Ende in Standing Ovations des begeisterten Publikums und Kritikers findet, verdankt sich der großartigen Ensembleleistung der Compagnie und einem als Tänzer, Darsteller und Sympathieträger überragenden Christian Bauch in der Titelrolle.

Unbedingt zu erwähnen sind noch die live aus dem Graben begleitende Staatskapelle unter Thomas Herzog, die Sopranistin Stefanie Knorr als Solveig, der Sinfoniechor Dresden und der Extrachor der Semperoper, der nicht nur musikalisch, sondern auch spielerisch als das vermeintliche Publikum auf der Bühne des Anfangs in Bestform zu erleben war.

Mehr Informationen:

"Peer Gynt"
Ballett in zwei Akten von Johan Inger

Semperoper Dresden
Theaterplatz 2
01067 Dresden

Premiere: 5. Juni 2022

Weitere Termine:
7., 9., 17., 22. Juni
1., 4., 6., 8. Juli
24., 28. September
4., 7. 13. Oktober

Dauer: 2:10 Stunden, eine Pause

Werkeinführung (kostenlos): 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

Theater-Themen aus Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 07. Juni 2022 | 09:10 Uhr

Mehr MDR KULTUR