Premiere Regiedebüt am Staatsschauspiel Dresden: Frank Castorf inszeniert "Wallenstein"

Erstmals inszeniert Regielegende Frank Castorf am Staatsschauspiel Dresden. Nicht irgendein Stück, sondern gleich die Schiller-Trilogie: "Wallensteins Lager", "Die Piccolomini" und "Wallensteins Tod". Drei Stücke an einem Abend: Die Hälfte ist sehr sehenswert. Und der Rest?

Jannik Hinsch, Götz Schubert, Moritz Kienemann in einer Szene aus 'Wallenstein' am Staatsschauspiel Dresden
Schillers "Wallenstein", inszeniert von Frank Castorf am Staatsschauspiel Dresden: mit Jannik Hinsch, Götz Schubert und Moritz Kienemann Bildrechte: Sebastian Hoppe

Die Leichen erheben ihre Stimmen. Treten zu Beginn auf die Bühne. Krass blutverschmiert. Nackt. Erstochen. Offen klaffende Wunden. Und sie zitieren reihum den Prolog zu "Wallensteins Lager". In dem geht es um Freiheit. Das Stück wurde 1798 in Weimar uraufgeführt. Die Französische Revolution läuft da noch: die gedachte Befreiung Eurpoas vom Absolutismus. Vom alten Denken. "Jetzt darf die Kunst auf ihrer Schattenbühne auch höheren Flug versuchen, ja sie muß, soll nicht des Lebens Bühne sie beschämen", dichtet Schiller damals. Für ihn ist es Zeit, dass die Bühne "die großen Gegenstände" verhandelt.

Und wenn die blutverschmierten Leichen hier dann aussehen, als wären sie direkt aus den Vororten rings um Kiew auferstanden, dann ist Gründonnerstag 2022, am Tag der Premiere, an dem auch die "Moskau", das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte, sinken wird, schon wieder der "große Gegenstand" gesetzt, vor dem diese Inszenierung nun abläuft. Unbeabsichtigt abläuft. Castorf hat seine Inszenierung vor diesem Krieg konzipiert, darauf weist explizit das Programmheft hin. Konzipiert aber immer mit den Kriegen: vom 30-jährigen zum Ersten und Zweiten Weltkrieg – Hitler, Mussolini, quasi als Nachfahren vom Wallenstein und seinem Gegenpart Octavio Piccolomini, der aus Florenz stammt. So geht das hier los. Geht los auch mit dem Hinweis versehen, den letzten Worten des Prologs: "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst!"

Erste Inszenierung von Regisseur Frank Castorf in Dresden

Aber wie kann man da noch heiter sein? Frank Castorf, der langersehnt, erstmals am Dresdner Staatsschauspiel inszeniert, schafft es mit plumpem Witz, Slapstick, Trash, Ironie und Sarkasmus. Beispielsweise beim Auto- pardon: Panzerscooter. Vier Offiziere aus Wallensteins Heer immer im Kreis um die Bühne herum, einer bremst ab, dreht – rums, und dann der Klassiker aus dem Panzerturm: "Spät kommt ihr, doch ihr kommt!" Was man von deutschen, schweren Waffen derzeit noch nicht sagen kann – Lachen wirkt irgendwie auch befreiend.

Dann wird ein Panzer durch Bühnentechniker ausgetauscht. Materialverlust, auch wie im echten Leben. Oder war das inszeniert?! Oder, wenn Octavio Piccolomini (Torsten Ranft) den Deutsch-Italiener mit breitestem Sächsisch markiert und später kalauert, er habe Goethe schon auf seiner italienischen Reise getroffen. Es ist immer auch ein erster, perfekter, die Figur charakterisierender Auftritt. Genauso perfekt wie bei Wallenstein, den Götz Schubert spielt, der rechts am Portal im Dunkeln sitzt und ganz leise in die Kulissen sprechend, sich an den Stand der Sterne zu seiner Geburt erinnert. Solche Auftritte bleiben haften.

Deutsches Nationaltheater Weimar mit Goethe-Schiller-Denkmahl 7 min
Bildrechte: imago/Reiner Zensen

Reflexionen zur deutschen und europäischen Geschichte

Aleksandar Denić, der immer wieder mit Castorf arbeitet, hat für den gesamten Abend die bewährte kleine Welt auf der Drehbühne aufgebaut, die mindestens vier Spielräume zeigt: Feldherrenhügel; Zeltlager, eine Art Studierzimmer, eine Art Thronsaal. Letzterer ist durch einen goldenen Vorhang markiert, auf dem der deutsche Bundesadler prangt. Allerdings mit Doppelkopf wie bei den Habsburgen, wie in Russland. Dazu kommt ein neobarockes, wenn man will oligarchenhaft anmutendes Schlafzimmer mit Kamin auf der Nebenbühne. Hinterbühne, Backstagebereich sowieso. Das dann wie üblich bei Castorf per Video live zu sehen und auch auf der Geräuschebene beeindruckend zu Ohren gebracht ist.

Fanny Staffa, Jannik Hinsch, Torsten Ranft, Marin Blülle, Moritz Kienemann, Henriette Hölzel, Nadja Stübiger, Daniel Séjourné, Kriemhild Hamann
Den Thronsaal ziert ein goldener Vorhang mit dem deutschen Bundesadler. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Für die Bilder gibt es eine Leinwand im drei mal vier Meter Format, die oben links aus dem Schnürboden herabgefahren werden kann. Was aktuell natürlich dazu reizen könnte, einen Kriegsherren der Videobotschaften à la Selenskyj zu zeigen, was Castorf nicht macht. Mit 1:1 Aktualisierungen hält er sich zurück. Nur einmal fällt der Name "Putin", wenn ich richtig gehört habe. Der Schillertext ist stark genug. Stattdessen zieht Castorf in den Text eine dokumentarische Ebene ein. In Wort und Bild. Ein Goethetext von 1818 ist dabei, der Wallenstein in einem Maskenzug beschreibt. Oder ein Text, der die Fabrik die Heimat des Arbeiters nennt. Stark auch ein Text über sowjetische Hunde, die abgerichtet wurden unter einem Panzer Futter zu finden. Mit aufgeschnallter Mine werden sie so zur Waffe gegen die Wehrmacht.

Ein Plakat, das zum Bühnenbild gehört, zeigt Europa als Landkarte, dazu den Satz: "Deutschland siegt an allen Fronten in Europa!" Kollagen auch im Ton. Es gibt eine durchgehende Soundspur, die manchmal nur Atmosphäre macht, aber auch US-Hymne, Wagners "Walkürenritt" oder den 70er Jahre Schlager "Oh wann kommst du?" von Daliah Lavi zitiert. Je nach vorgestellter Situation. Passend zur Passionszeit auch Bachs "Erbarme Dich" aus der Matthäuspassion – starker Moment! Weltkunst und einen kulturellen Gipfel gegen den Tiefpunkt europäischer Unkultur gesetzt.

Oliver Simon, Nadja Stübiger, Kriemhild Hamann, Jannik Hinsch, Daniel Séjourné in einer Szene aus 'Wallenstein' am Staatsschauspiel Dresden
Das Bühnenbild der "Wallenstein"-Inszenierung stammt von Aleksandar Denić. Bildrechte: Sebastian Hoppe

Castorf bleibt Schillers "Wallenstein" treu

Castorf bleibt dem Werk, für mich unerwartet, treu. Man kann der Handlung im "Wallenstein", dessen drei Teile jeweils abendfüllende Stücke sind, gut folgen. Sie sind hier auf sieben Stunden zusammengestrichen. Ein kulturelles Ganztagsprogramm. Zwei Teile, jeweils gut drei Stunden, dazwischen eine Pause. Und ganz am Ende Agitprop. Irgendwas mit Mexiko. "Wir" – das heißt alle Farben, Rassen, Geschlechter usw. gegen die da Oben. Das war ziemlich überflüssig. Und schwer zu ertragen. Nicht nur wegen der Länge, auch weil die Szenen vorher nur noch ideenloses Rampentheater sind. Die Soufleuse musste Götz Schubert immer wieder Text vorsagen, der dann tönte wie ein Platzhirsch. Oder war das bewusst so unterirdisch in Szene gesetzt?

Götz Schubert, Nadja Stübiger, Torsten Ranft, Kriemhild Hamann, Fanny Staffa in einer Szene aus 'Wallenstein' am Staatsschauspiel Dresden
Im Schlafgemach mit Goethe: Götz Schubert, Nadja Stübiger, Torsten Ranft, Kriemhild Hamann, Fanny Staffa Bildrechte: Sebastian Hoppe

Bühne, Kostüm und Lichtdesign überzeugen – und der Rest?

Andererseits: Kostüme von Adriana Braga Peretzki, die auch oft mit Castorf arbeitet, sind hier für die Ewigkeit gemacht, was da an Charakterisierung, Anspielung und Idee mitschwingt! Und handwerklich sowieso eine Meisterleistung, wie Materialien, Farben, Stoffe kombiniert werden. Vom Schauwert, Bühne und Kostüme, Lichtdesign, ist die Inszenierung wirklich sehr sehenswert.

Und man kann ja auch zur Pause schon gehen. Bis dahin sind alle Regieideen ausgebreitet. Danach kommt Nennenswertes nicht mehr hinzu. Nennenswert (vor der Pause also), ist die Szene, wo die Generäle Kriegsrat halten. Einer hat plötzlich ein Knäuel rote Wolle in der Hand und spannt es quer durch den Raum. Ein roter Faden für den Krieg, den man sich ja gern als stringente Strategie vorstellt, wird so als absurdes Wunschdenken entlarvt (Und wie großartig ist das denn, die Botschaft auf der zweiten Ebene sozusagen, wenn der Faden am Mund der jeweiligen Sprecher herumfuselt und die Fusel dann leicht genervt ausgespuckt werden müssen!!)

Kriemhild Hamann, Marin Blülle, Fanny Staffa in einer Szene aus Wallenstein am Staatsschauspiel Dresden
Fanny Staffa im von Adriana Braga Peretzki gefertigten Kostüm. Bildrechte: Sebastian Hoppe

 "Hört der Krieg nicht im Krieg schon auf, woher soll Frieden kommen?!"

Oder auch, wenn Henriette Hölzel, gleich nach dem Prolog, als Marketenderin eine Geburt vorspielt: Wehen, eine gute halbe Stunde lang, bevor ein Knabe das Licht der Welt erblickt. Also exzensivstes Befeuern einer Szene, um dann allerknappst nach Sturzgeburt zu kommentieren: "Schau, da kriegen sie einen neuen!" Da ist die gut halbstündige Konzentration auf ein ganz individuelles Großereignis und das Resultat daraus plözlich nur noch: beliebiges Kanonenfutter! Denn gleich danach ist von Tausenden, Zehntausenden die Rede. Aber zehntausendmal eine halbe Stunde -– also 5000 Stunden, 208 Tage lang, ein dreiviertel Jahr, sowas kann man wirklich nicht spielen. Obwohl es so ist. "Hört der Krieg nicht im Krieg schon auf, woher soll Frieden kommen?!", sagt später einer, der von Schiller als junge Generation, als Hoffnungsträgergeneration, gedacht ist – Castorf lässt ihn, Max Piccolomini, den Sohn, mit dieser Utopie links liegen. Wohl auch wegen solcher Sätze und Zeithorizonte: "Schau, da kriegen sie einen neuen!" Täglich grüßt das Murmeltier. Mehrmals.

Henriette Hölzel, Jannik Hinsch in einer Szene aus Wallenstein am Staatsschauspiel Dresden
Henriette Hölzel Bildrechte: Sebastian Hoppe

 Castorf: Ein Pessimist?

Überhaupt: Henriette Hölzel spielt diesen Abend mit einer derartigen Energie, einer derartigen Präsenz, auch in der Stimme, wie es besser nicht geht. In den Videoszenen, wie unter einer Lupe, fällt das besonders auf. Auch Götz Schubert spielt seine Videosequenzen großartig, was den Platzhirsch am Ende aufwiegt. Viel Applaus bekommen auch – zurecht – Torsten Ranft und Nadja Stübiger, die als Astrologin Sani und Herzogin auftritt. Als Sani ist ihr Ort das Studierzimmer, das die Viertelschale einer Kugel vorstellt: am Boden Heu, am Horizont ein mittelalterliches Landschaftspanorama, oben leuchten Mond und Sterne.

Das Bühnenbild zitiert den berühmten Holzstich "Wanderer am Weltenrand", erinnert aber auch an Schinkels "Zauberflöte" und – natürlich – die Krippe in Betlehem. Wieder ein Kind. Gottes Sohn. "Friedensfürst" auch genannt. Hier, aus diesem zentralen Bild dieser Inszenierung, hätte also eine neue Generation, ein neuer Mensch aus dem alten Weltbild heraustreten können, mündig werden können. Sollen! Müssen!!! Indem uns Castorf diese Szene vorenthält, zeigt er sich als Pessimist. Er bekommt für seine Sicht trotzdem viel Applaus. Am Ende des Tages, an dem "Moskau" unterging. In der Nacht vor Karfreitag.

Nadja Stübiger und Götz Schubert in einer Szene aus 'Wallenstein' am Staatsschauspiel Dresden
Nadja Stübiger und Götz Schubert vor dem berühmten Holzstich "Wanderer am Weltenrand" Bildrechte: Sebastian Hoppe

"Wallenstein" von Friedrich Schiller Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: William Minke
Videodesign: Andreas Deinert, Jens Crull
Lichtdesign: Lothar Baumgarte
Licht: Konrad Dietze
Dramaturgie: Jörg Bochow
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink

Mit: Mit: Marin Blülle, Frank Büttner, Kriemhild Hamann, Jannik Hinsch, Henriette Hölzel, Moritz Kienemann, Torsten Ranft, Götz Schubert, Daniel Séjourné, Oliver Simon, Fanny Staffa, Nadja Stübiger

Dauer: 7 Stunden, eine Pause

Termine:
23. April I 18 bis 0 Uhr
14. Mai I 17 bis 23 Uhr
26. Mai I 16 bis 22 Uhr

Staatsschauspiel Dresden I Theaterstraße 2, 01067 Dresden

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