Staatsschauspiel Dresden "Gas-Trilogie" in Dresden: Spannendes Theater zur Debatte um Gas, Energie und Umwelt

Das Thema Gas beschäftigt aktuell stark. Das Staatsschauspiel Dresden greift diese Debatte im Theaterstück "Gas-Trilogie" auf. Darin geht es um die Bedeutung von Energieträgern, Kapitalismus und Umwelt. Das klingt wie für unsere Tage gemacht, geht aber zurück auf drei Stücke, die der expressionistische Dramatiker Georg Kaiser vor knapp 100 Jahren geschrieben hat. Unser Kritiker ist begeistert!

Gas-Trilogie von Georg Kaiser am Staatsschauspiel Dresden 2022 6 min
Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe
6 min

Das Thema Gas beschäftigt aktuell stark. Jetzt zeigt das Schauspiel Dresden ein Stück darüber, das 100 Jahre alt ist, aber absolut heutig wirkt. Matthias Schmidt war bei der Premiere und ist im Gespräch zu hören.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 19.09.2022 12:00Uhr 06:15 min

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Georg Kaiser war in den 1920er-Jahren der meistgespielte deutsche Dramatiker, er wird gemeinhin als Expressionist bezeichnet. Sein Ruhm ist deutlich verblasst, aber seine "Gas-Trilogie" ist eine erstaunliche Wiederentdeckung. Die drei Stücke sind geschrieben unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges. Damals war Gas nicht nur ein noch neuer Energieträger, auf den man große Hoffnungen setzte. Durch den Einsatz als Giftgas im Krieg war es zugleich auch schon als Gefahr bekannt.

Die "Gas-Trilogie" setzt sich zusammen aus den Teilen "Die Koralle", "Gas" und "Gas II" und spricht erstaunlich viele Themenfelder an, die absolut heutig wirken. Es geht um die Bedeutung von Energieträgern, ihre Rolle in der kapitalistischen Verwertungskette, um sozialistische Utopien, aber auch das Thema Umwelt wird von Kaiser angesprochen.

Dresdner Inszenierung setzt Signale, die ins Heute passen

Ein Mann ist vom Sohn eines einfachen Fabrikarbeiters zum Milliardär geworden, Gas ist gefragt, das Geschäft läuft. Im zweiten Teil übernimmt sein Sohn die Gasfabrik, er hat das Werk in Gemeineigentum überführt, eine Art Sozialismus eingeführt, und als es zu einer schweren Gasexplosion kommt, will er, statt wiederaufzubauen, ein grünes Paradies schaffen. Diese Utopie scheitert, weil Gas ein gutes Geschäft verspricht, auch für die Arbeiter, die in diesem Sozialismus davon profitieren. In Teil drei kommt es schließlich zum Giftgaseinsatz, kurz gesagt, zum "Jüngsten Gericht". Die Menschheit geht unter.

Silhouetten von Schauspieler*innen auf einer Bühne, ein Arm zeigt auf eine Karte, auf der steht "Deutsch Südwest Afrika"
Szene aus der "Gas-Trilogie" am Schauspiel Dresden; auf dem Bild: Sarah Schmidt, Raiko Küster, Eva Hüster, Yassin Trabelsi Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Die Inszenierung ist ort- und zeitlos, aber Regisseur Sebastian Baumgarten streut allerlei kleine Signale ein, die bis ins Heute reichen. Der Traum des Milliardärs von einer grünen Zukunft wird vorgetragen vor den Flaggen der UN-Vollversammlung, man muss an Greta Thunbergs Rede denken.

Besonderes Bühnenerlebnis mit Denkanstößen

Auf drei Videoleinwänden sind Bilder, Computergrafiken und Filme zu sehen, die den Stoff assoziativ verorten: da werden Pipelines gebaut, zum Beispiel die Drushba-Trasse, aber auch Nordstream 2, man sieht Aktienkurse. So wird, ohne dass tagesaktuelle Debatten geführt werden, das Thema eben doch verlinkt zu dem, was uns heute tagtäglich durch den Kopf geht. Das ist das spannende an der Inszenierung: dass kleinste Denkanstöße genügen, manchmal nur Signalworte, um unsere heutige Situation wiederzuerkennen – Umweltzerstörung, Energiekrise, Krieg.

eine Frau hält einen Luftballon in der Hand, im Hintergrund der Schatten eines Mannes und der Schriftzug "Goldener Donnerstag"
Szene aus der "Gas-Trilogie" am Schauspiel Dresden; auf dem Bild: Sarah Schmidt, Raiko Küster Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Baumgarten nutzt auch formal expressionistische Mittel: So wird das Spiel von einem Klavierspieler live vertont, so wie Stummfilme vertont wurden. In Verbindung mit vielen tollen Umsetzungsideen, darunter viel Nebel (Gas) und zahlreiche Lichteffekte, ist das sehr gelungen.

Staatsschauspiel Dresden bietet auch Gespräche mit Experten und Politikern

Das Ensemble wirft sich förmlich in die Kaiser-Texte hinein, was nicht einfach ist. Es gibt lange Passagen, in denen beinahe wissenschaftlich über Ordnung und Entropie, den Zerfall von Ordnung gesprochen wird. Das macht den Abend zu einer Herausforderung. Die aber dennoch anregt. Zudem ist es ein besonderes Raum-Erlebnis, man sitzt nicht alle Tage auf der Bühne des Schauspielhauses, und zwar in einem tollen Bühnenbild.

Totale einer Theaterbühne, gleisendes Lichtstrahl von hinten, Menschen in grauen Overalls bücken sich auf den Boden, zwei Menschen in gelben Anzügen stehen dazwischen
Szene aus der "Gas-Trilogie" am Staatsschauspiel Dresden; auf dem Bild: Sarah Schmidt, Franziskus Claus, Yassin Trabelsi, Jannik Hinsch, Raiko Küster, Eva Hüster, Thomas Mahn, Thomas Eisen Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Das Staatsschauspiel verknüpft die sehr ansehnliche Inszenierung mit einem zusätzlichen Diskursangebot. Nach den Vorstellungen finden Gespräche mit Experten und Politikern zu den Themen Gas und Energieversorgung statt. Am Premierenabend beispielsweise hat der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig dem Ministerpräsidenten Kretzschmer in einigen energiepolitischen Fragen widersprochen. Da ging es um die Übernahme der russischen Rosneft-Firmen in Deutschland – also um Gas.

Es ist eine gute Idee, Georg Kaisers Gas-Stücke jetzt zu inszenieren, demnächst werden wir sie auch in Kaisers Geburtsstadt Magdeburg erleben.

Mehr Informationen und Termine

"Gas-Trilogie" von Georg Kaiser
Spielfassung von Jörg Bochow und Sebastian Baumgarten

Besetzung:
Regie: Sebastian Baumgarten
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Robert Lippok
Video: Philipp Haupt
Licht: Konrad Dietze, Johannes Zink
Dramaturgie: Jörg Bochow
Schauspieler*innen: Raiko Küster, Jannik Hinsch, Thomas Eisen, Sarah Schmidt, Eva Hüster, Yassin Trabelsi, Franziskus Claus
Pianist: Thomas Mahn

Adresse:
Schauspielhaus Dresden
Theaterstraße 2
01067 Dresden

Termine:
19. September 2022, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
19. Oktober 2022, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr
20. Oktober 2022, 19:30 Uhr – 21:15
21. Oktober 2022, 19:30 Uhr – 21:15 Uhr

(Redaktionelle Bearbeitung: Sabrina Gierig)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. September 2022 | 13:10 Uhr