Welterbe Wie die Stadt Dresden dem Modernen Tanz zum Ruhm verhalf

Seit 2003 setzt sich die UNESCO für den Erhalt von Traditionen und Bräuchen ein. Seitdem füllt sich die sogenannte Immaterielle Weltkulturerbeliste. Mit dem Modernen Tanz kommt nun eine Tradition aus Deutschland hinzu, denn die Rhythmus- und Ausdruckstanzbewegung hatte hier ihren Ursprung. Welche Rolle die Stadt Dresden dabei spielte, darüber hat der MDR mit dem Tanzexperten und Journalisten Boris Michael Gruhl gesprochen.

Ein Tänzer hebt eine Tänzerin mit Maske und langen, herumwirbelnden Haaren hoch.
Vorn Dresden aus in die Welt - der Moderne Tanz Bildrechte: Ida Zenner

MDR KULTUR: Waren sie überrascht, als Sie die Meldung gehört haben?

Boris Michael Gruhl: Eigentlich nicht. Wenn ich das so sehe im Kontext der gegenwärtigen Diskussionen um die Tanzkunst, bei denen es leider auch immer wieder darum geht, eine Tradition gegen die andere auszuspielen. Derzeit wird ja mitunter hart und sehr unsachlich gegen die Tradition des Balletts geschossen. Dabei wird aber übersehen, dass die Grundlagen dieser Kunst und ihrer Techniken ja nicht unwesentlich Formen und Ästhetik des zeitgenössischen Tanzes, zu denen selbstverständlich auch das Ballett gehört, prägen.

Tänzerin in weißem fließenden Kleid vor einem durchsichtigen Vorhang
Der Moderne Tanz umfasst die Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland entstandenen Vermittlungsformen und Ausbildungstraditionen der Rhythmus- und Ausdruckstanzbewegung.  Bildrechte: Falk Wenzel

Und wenn nun die Kulturstaatsministerin Frau Roth sagt, die generationsübergreifende internationale und inklusive Praxis des expressiven Tanzes ist eine sehr wichtige Kunstform, die für ein modernes, avantgardistisches und weltoffenes Deutschland steht, dann dürfte aber auch klar sein, dass es hier gerade dem zeitgenössischen Ballett – man denke nur an die tollen Arbeiten von William Forsythe oder von Jacopo Godani – ja ganz und gar nicht an avantgardistischer Expressivität mangelt, an Weltoffenheit im Ballett ja sowieso nicht. Aber das entnehme ich der Meldung aus Marokko. Hier geht es nun vor allem um den Tanz ganz allgemein: um eine Form des körperlichen Ausdrucks, die jedem Menschen möglich ist, wozu es auch unter Umständen gar keine Ausbildung bedarf, nur des Mutes in Formen der Bewegung widerzuspiegeln, was gerade die Stimmungen ausmacht. […]

Wenn man über Modernen Tanz redet, muss man auch über Sachsen reden. Nicht nur, weil es eine Mary Wigman und eine Gret Palucca hier gab.

Ja, natürlich unbedingt. Also, alles was da folgt, der deutsche Ausdruckstanz auch mit seinen Gefahren der Beliebigkeit, gegen die hat sich ja schon vor nun fasst genau 100 Jahren der Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer mit seinem Triadischen Ballett gewandt, und dann auch diese ideologischen Verirrungen in der Zeit des Nationalsozialismus. Aber ja doch, Hellerau, der Aufbruch des Tanzes, nicht nur der deutsche Ausdruckstanz, auch für die geniale Erneuerung des Balletts durch die in Russland begründete, in Paris ansässige, mehrfach in Dresden bei Gastspielen gefeierte Ballet Russes – man bezog sich auf Einflüsse und Anregungen aus Hellerau, wo der Choreograf Émile Jaques-Dalcroze die Kunst der rhythmischen Gymnastik begründet hatte, was aber leider alles dann schon mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 zu Ende war. Aber die Anregungen, die haben sich durchgesetzt.

Schwarzweiß-Fotografie eines Ballettsaals mit Tänzerinnen und Tänzern im Kreis knieend, in der Mitte Gret Palucca
Die Tänzerin Gret Palucca während des Unterrichts in der Palucca Schule in Dresden. Bildrechte: imago/Ulrich Hässler

Ich hatte es schon angedeutet Mary Wigman, Gret Palucca – sind das so aus sächsischer Sicht tatsächlich die Choreografinnen für den modernen Ausdruckstanz?

Na ja, klar. Aber fairerweise müsste man auch noch viele, viele andere nennen, die Namen der Unsichtbaren wie John Neumeier sie ja jüngst hervorgebracht hat in seiner Arbeit "Die Unsichtbaren" mit dem Bundesjugendballett. Nicht alle haben es verstanden, sich so geschickt wie Palucca und auch Wigman mit allen politischen Vorgaben zu arrangieren. Aber ja, sie begründeten Schulen, sie förderten Talente, entdeckten sie, aber besondere Formen der Tanzpädagogik oder der Tanztechnik waren ihre Sache nicht.

Für Palucca zählte besonders das Temperament, die Emotion, die Intuition des Augenblicks in Verbindung dann später mit der Vermittlung bester Tanztechniken klassischer russischer Tradition. Seit 1945 konnte sich dann ihre Schule, die sie 1925 gegründet hatte, wirklich zu einer Hochschule für Tanz entwickeln, wie sie heute ist. Wigman setzte schon immer stärkere Akzente für den individuellen Ausdruckstanz, machte später aber durch ihre choreografischen Arbeiten, die aus heutiger Sicht natürlich etwas traditionell wirken, auf sich aufmerksam.

Historische Schwarzweiß-Fotografie einer Frau mit dunklen gelockten Haaren
Gilt als eine der Wegbereiterinnen des Modernen Tanzes - Mary Wigman Bildrechte: imago images/Artokoloro

Man muss es einfach sehen: Tanz bedeutet Entwicklung. Das kann man gerade in Sachsen nicht nur in Dresden, auch in Leipzig, in Chemnitz an den renommierten Theatern mit ihren tollen Tanz- und Ballett-Compagnien grandios erleben und vor allem auch in der freien Szene: Dresden – Projekttheater, Leipzig – Loft, das Festival euro-scene, in Chemnitz – Tanz|Moderne|Tanz, die internationalen Gastspieler in Hellerau, die Residenzen zunächst The Forsythe Company, jetzt Dresden Frankfurt Dance Company, eine erste Adresse für den modernen Tanz bei hoch professioneller Technik. Ja, diese internationale Anerkennung des modernen Tanzes ist gut, aber nur, wenn sie nicht missverstanden wird. Aus- oder Abgrenzungen sind kontraproduktiv […]

Wir haben hier jetzt in der Stadt viele Debatten über die Villa Wigman gehabt. Wer finanziert sie? Wer unterstützt sie? Ist im Augenblick diese Dresden Frankfurt Dance Company der lebendigste Ausdruck für die Bewahrung des Ausdruckstanzes hier in Sachsen?

Also, Ausdruckstanz und Dresden Frankfurt Dance Company, das geht nicht so ganz zusammen. Die Dresden Frankfurt Dance Company steht für das hochmoderne und zeitgenössische Ballett. Und natürlich mit dem Chef, mit Jacopo Godani, einem Tänzer, der bei Forsythe getanzt hat – das ist schon sehr wichtig, und da kann man auch sehr froh sein, dass wenn Godani sich jetzt verabschieden wird am Ende der Saison, das dann auch schon sicher ist, dass das Bestehen dieser Compagnie, als hochprofessionelle Compagnie für zeitgenössisches Ballett und zeitgenössischen Tanz, gesichert ist. Es wird einen neuen Choreographen geben, einen griechischen Choreografen. Es wird eine Änderung geben, aber ich glaube, darüber sollten wir sehr froh und sehr glücklich sein, dass da auch Maßstäbe gesetzt werden, an denen sich die freie Szene mit ihren anderen Arten des Tanzes auch orientieren kann.

Dieses Interview ist ein Auszug aus einem Gespräch mit Boris Gruhl vom 5. Dezember 2022. Das Gespräch für MDR SACHSEN führte Andreas Berger.

(Redaktionelle Bearbeitung: Tina Murzik-Kaufmann)

Dieses Thema im Programm: MDR 1 RADIO SACHSEN | Aufgefallen | 05. Dezember 2022 | 20:00 Uhr

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