Kinder- und Jugendtheater "Momo" am tjg Dresden: Warum Michael Endes Geschichte zeitlos ist

Michael Ende schrieb mit "Momo" ein modernes Märchen, das weltweit zu einem Klassiker der Jugendbuchliteratur wurde. Das Theater Junge Generation Dresden zeigt nun, dass der Kampf der kleinen Heldin gegen die Zeit-Diebe aktueller denn je ist. Auch Kinder haben das Gefühl, das einem Zeit gestohlen wird, in der Pandemie zu spüren bekommen. Das Dresdner Kinder- und Jugendtheater schenkt Familien mit diesem besonderem Theatererlebnis etwas wertvolle Zeit zurück.

Inszenierungsbilder "Momo" am theater junge generation Dresden, auf dem Bild von links nach rechts: Ilya Wolfsohn, Anna Magdalena Wagner, Paul Oldenburg
"Momo" am tjg Dresden | auf dem Bild von links nach rechts: Ilya Wolfsohn, Anna Magdalena Wagner, Paul Oldenburg Bildrechte: Marco Prill

Die Menschen hetzen und eilen durch den Tag. Sie wollen überall Zeit einsparen, aber merken nicht, dass sie immer weniger Zeit haben. Wer oder was raubt uns die Zeit und wie lassen wir uns manipulieren? In Michael Endes modernem Märchen stehen diese Frage im Zentrum – und mit dem Mädchen Momo erfindet er eine Heldin, die den Kampf gegen die grauen Herren, die Zeiträuber, aufnimmt.

Kinderbuchklassiker trifft auf das 21. Jahrhundert

Inszenierungsbilder "Momo" am theater junge generation Dresden, auf dem Bild: Marja Hofmann, Anna Magdalena Wagner
"Momo" am tjg | auf dem Bild: Marja Hofmann und Anna Magdalena Wagner Bildrechte: Marco Prill

Wofür stehen diese grauen Herren heute, fast 50 Jahre nach Erscheinen des Buches? "Das ist genau die Frage, mit der wir uns sehr intensiv beschäftigt haben", sagt Regisseurin Katharina Brankatschk. Sie glaubt, dass jede Epoche und jede Gesellschaft da ihre eigenen Interpretation finde.


"Ich habe mich schon auch gefragt, wie diese grauen Herren in der DDR-Diktatur gelesen wurden. Oder in den 70er-Jahren, da gab es die Verarbeitung des Faschismus. Und heute sind wir für unser inneres Bild, mit dem wir arbeiten, zu dem Thema Algorithmen gekommen", sagt Brankatschk.

Worum geht es in "Momo" von Michael Ende? Momo ist ein armes Mädchen, das selbst nicht weiß, wie alt es ist. Eines Tages taucht sie auf in den Ruinen des Amphitheaters einer großen, hässlichen Stadt, und weil sie nicht zurück ins Kinderheim möchte, sorgen sich die Nachbarn um sie.

Momo kann wunderbar zuhören und schenkt den großen und kleinen Menschen ihre Zeit. Beppo Straßenkehrer, ein weiser, alter Mann, und Gigi Fremdenführer werden zu ihren besten Freunden.

Doch unbemerkt tauchen in der Stadt graue Herren auf, sie rauchen Zigarren und verströmen Eiseskälte. Es sind Agenten der Zeitsparkasse, sie rauben den Menschen ihre Lebenszeit und damit die Freude am Leben.

Auch bei Michael Ende sind die grauen Herren nicht wirklich menschliche Gestalten, sondern sie entstehen, weil die Menschen ihnen die Möglichkeit geben, zu entstehen. "Dieses Prinzip, das zur Entfremdung führt und zur zwischenmenschlichen Kälte, genau dagegen wehrt sich Michael Ende, und auch dagegen, die Wertigkeit eines Menschen nur über Effektivität zu lesen", so die Regisseurin.

Opulentes Bühnenbild erinnert an eine Cyberwelt

Riesige Uhrwerke und Zahnräder zaubern eine zeitlose Dimension auf die große Bühne des Theater Junge Generation in Dresden. Die grauen Herren haben unbewegliche Gesichter durch ihre starren Masken und ihre Stimmen klingen wie aus dem Cyberspace.

Inszenierungsbilder "Momo" am theater junge generation Dresden
Die "grauen Herren" aus "Momo" am tjg Dresden Bildrechte: Marco Prill

Die Interpretationsmöglichkeiten und die grundphilosophischen Fragen über die Zeit und das Leben, die in der dramatisierten Version zugunsten der Heldinnengeschichte in den Hintergrund treten, stellt Regisseurin Katharina Brankatschk wieder zentral. Sie wollte ein großes, poetisches Bild der Zeit entwerfen. "Deshalb haben wir uns für eine gewisse Opulenz entschieden, damit wir diese Themen in ein Theatererlebnis transportieren können."

Jetzt klappt die Geschichte von Momo aus einer überdimensionierten Sternstundenuhr. Und Meister Hora, gespielt von Babette Kuschel, der für das allwissende, erzählende Prinzip und die Unendlichkeit der Zeit steht, hilft Momo dabei, die bösen Mächte zu besiegen.

Besonderes Theatererlebnis für die ganze Familie in Dresden

Wie erleben wir Zeit? "Wir leben nicht nur in einer beschleunigten Zeit, sondern auch in einer, in der alles gleichzeitig passiert", sagt Dramaturgin Andra Born über die Hintergründe, "Momo" in den Spielplan aufzunehmen.

"Die Pandemie macht es noch deutlicher, Eltern müssen sich in diesen Tagen oft zerteilen zwischen Homeoffice, Homeschooling und so weiter. Das Thema Zeit ist total brisant. Darüber miteinander ins Gespräch zu kommen und über Zeit nachzudenken, das ist uns ein Anliegen. Und am besten mit allen, die zur Familie gehören", so die Dramaturgin.

Theater Junge Generation in Dresden
Bildrechte: MDR/Claudia Masur

Weitere Angaben "Momo"
nach Michael Ende in einer Fassung von Vita Huber
Schauspiel 8+

Aufführungen:
07.2. 10 Uhr
08.2. 10 Uhr
10.2. 10 Uhr
12.2. 16 Uhr
23.2. 10 Uhr
24.2. 10 Uhr

Der Theaterbesuch ist unter der 2G+-Regeln und Maskenpflicht während der Vorstellung möglich.

Inszenierungsbilder "Momo" am theater junge generation Dresden, im Bild: Simon Käser, Gina Markowitsch, Anna Magdalena Wagner (von links nach rechts)
Szenenbild aus "Momo" am tjg Dresden | im Bild: Simon Käser, Gina Markowitsch, Anna Magdalena Wagner (links nach rechts) Bildrechte: Marco Prill

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. November 2021 | 18:05 Uhr

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