Theater junge Generation "Tiere essen" am tjg in Dresden: Gedanken zum Vegetarismus auf der Theaterbühne

Der Fleischkonsum in Deutschland sinkt zwar beständig, aber belegt dennoch einen der vorderen Plätze. Dabei steht Fleisch seit einiger Zeit in der Kritik: Gesundheit, Tierwohl und Klimaschutz. 2010 ging der US-amerikanische Autor Jonathan Safran Foer der Frage nach Vegetarismus und Fleischproduktion in seinem essayistischen Buch "Tiere essen" nach. Das Dresdner Theater junge Generation hat das Sachbuch auf die Bühne gebracht und regt sowohl das Publikum als auch das Ensemble zum Nachdenken an.

Sechs Darsteller des tjg Dresden gehen mit ausladenden Bewegungen im Kreis.
"Tiere essen" nach Jonathan Safran Foer ist die erste Premiere am "theater junge generation" Dresden. Bildrechte: Marco Prill/tjg - theater junge generation Dresden

Plötzlich steht der Erfolgsautor Jonathan Safran Foer auf der Bühne des Theaters junge Generation Dresden – und das gleich fünfmal. Mal größer, mal kleiner, aber immer trägt er einen bräunlichen Pullover, eine Brille mit schwarzem Rand und sein dunkles Haar ist immer etwas wuschelig. Sie laufen hintereinander über die Dresdner Drehbühne, während sie sich an ihre Jugend mit Thanksgiving, Halloween und Pessach erinnern – und was es dort immer zu essen gab. Denn Essen gehört zum Leben, in der jüdischen Tradition bedeutet es sogar Erinnerung. Doch nun ist Foer Vater geworden und fragt sich: Soll mein Kind sich auch so ernähren? 

Das Buch "Tiere essen" ist bereits 2010 erschienen. Die Fragestellung bleibt jedoch aktuell: Wenn mich etwas elektrisiert , weil ich keine eindeutige Haltung dazu habe und beide Positionen gut verstehen kann, dann habe ich große Lust, das Stück zu machen", meint Regisseur Nils Zapfe. "Ich esse mein Leben lang Fleisch und habe mir über Ernährung kaum Gedanken gemacht. Dann bin ich wahrscheinlich der Richtige, um so ein Stück zu machen, weil ich kein knallharter Vegetarier, Veganer oder Ähnliches bin."

Theater als Projektionsfläche 

Diese ambivalente Haltung konnte sich Zapfe jedoch nicht bewahren, denn der Inhalt des Buches und der (etwas größenwahnsinnige) Versuch, es auf die Bühne zu bringen, haben seine Einstellung nachhaltig geändert. Dabei lag ein Wert eben darin, genau das Buch zu nehmen, erklärt Dramaturgin Ulrike Leßmann. Man habe zwar überlegt, eine Stückentwicklung zu probieren, es mehr auf das Publikum hier und heute anzupassen, ist aber beim Original geblieben.  

Gerade weil es nicht um die eigenen Weihnachtsbräuche geht, könne man sich besser hinterfragen: "Ich habe die Freiheit, meine eigenen Schwerpunkte, meine eigenen Fragen dazwischen zu setzen. Das finde ich gerade bei Jugendlichen entscheidend." Zapfe stimmt seiner Kollegin zu: "Wenn man sich zu sehr mit den Themen beschäftigt, die das Publikum beschäftigt, kommt es zu Ablehnung - vielleicht weil wir gar nicht so nah herankommen, wie wir gerne behaupten." 

Darsteller in Tierkostümen auf der Bühne, im Hintergrund ein Plakat - Tiere essen Menschen.
Die Heuschrecke begleitet die Inszenierung und wird am Ende selbst als Nachrungsmittel bedroht. Bildrechte: Marco Prill/tjg - theater junge generation Dresden

Vegetarisch oder Fleisch: Lust an der Suche 

Das Buch habe aber auch noch eine andere Qualität: Damals fing Foer gerade erst an, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Die Interessierten konnten mit ihm auf Entdeckungsreise gehen. Regisseur Zapfe hat das als Chance gesehen, unterschiedliche Mittel auf der Bühne zu nutzen. "Das würde ich normalerweise nie machen", erklärt er. Es gibt Schattenspiele mit Tierformen, der Einbruch in einen Viehbetrieb wird als Live-Hörspiel im Dunkeln erzählt und es gibt ein absurdes Lagerfeuer-Lied, um sich Mut zu machen. 

Identisch gekleidete Menschen stehen parallel vor einer Reihe von blauen Toilettenhäuschen.
Die Reihe Toilettenhäuschen wird Kulisse für ein Thanksgiving-Dinner und eine Quizshow. Bildrechte: Marco Prill

Getragen wird die Inszenierung von viel Energie. "Es ist eine große Freude, wenn fünf bis acht Menschen eine Figur spielen. Das wird bei Romanbearbeitungen oft gemacht, aber es war spannend, dass es auch bei einem Sachbuch funktioniert." Die Ausstatterin Grit Dora von Zeschau hat sich von dieser Begeisterung anstecken lassen und überrascht im zweiten Teil mit einer Reihe von Toilettenhäuschen, die das Thema nochmal auf eine andere Ebene bringen. 

Wie sich das Dresdner Jugendtheater verändert hat 

Vor dieser Kulisse gibt es dann auch eine Quizshow, die zeigt, dass sich das Team selbst viel mit Zahlen beschäftigt hat. Auf der Bühne entsteht immer wieder Begeisterung, wenn die erschreckenden Fakten richtig genannt wurden. "Es entspricht ein bisschen unserem Erlebnis in der Recherche", erinnert sich Ulrike Leßmann. Es spiegele aber ein bekanntes Verhalten: "Er ist stolz auf sein Wissen, es wirklich verstanden zu haben" – und dann vor anderen mit diesem Wissen punkten zu können. 

Die Spielfreude im Ensemble stammt laut Zapfe auch daher, dass alle Schauspielerinnen und Schauspieler sich auf das Thema eingelassen haben. Das zeigt sich vor allem am Ende: Sie nehmen die Perücken und Brillen ab und überlegen, wie sie sich eine Zukunft ohne Fleisch vorstellen oder wie schwierig es für sie war, auf etwas zu verzichten. 

Darsteller in Tierkostümen auf der Bühne, im Hintergrund weitere Personen.
Das Ensemble des Dresdner Jugendtheaters setzte sich auch privat mit den Fragen der Inszenierung auseinander. Bildrechte: Marco Prill/tjg - theater junge generation Dresden

Am Dresdner tjg lief gleichzeitig noch ein anderer Prozess zur Nachhaltigkeit, bei dem die Mitglieder am Haus sich Herausforderungen beim Essen gestellt haben: sich mal mit Inhaltsstoffen auseinandergesetzt oder bewusst regional konsumiert haben – das war nicht immer leicht. Die intensive Beschäftigung hat auch zu Veränderungen geführt, berichtet Zapfe: In der hauseigenen Kantine gab es früher immer ein Fleischgericht und häufig ein vegetarisches. Nun gibt es immer ein vegetarisches und ein veganes Angebot, an manchen Tagen gar kein Fleisch mehr. 

Was bleibt beim Dresdner Publikum  

"Preaching oder Playing", fragte sich Nils Zapfe am Anfang. "Ist es richtig, diese eindeutige Haltung von der Bühne zu thematisieren oder spielerisch ein Angebot zu machen? Ich weiß nicht, was ich richtig finde – bis heute nicht." Denn die Fragen nach Konsum, Fleisch und Nachhaltigkeit beschäftigt junge Menschen noch mehr als ältere. Vielleicht haben die Jugendlichen für sich schon radikalere Möglichkeiten entdeckt und wollen das Thema auch ernsthaft behandelt sehen. 

Was Leßmann und Zapfe bei den Aufführungen beobachten: Es wird viel während der Vorstellung gesprochen – über das Thema. Nach der Vorstellung soll das noch vertieft werden: Auf den Tischen im Foyer liegen Platzdeckchen wie beim Abendessen mit Fragen und Gesprächsanregungen. Manchen wurde das zu viel, beobachtete Ulrike Leßmann, aber andere haben noch sehr lange über die Inszenierung diskutiert.  

Weitere Informationen "Tiere essen" nach dem gleichnamigen Buch von Jonathan Safran Foer

Regie: Nils Zapfe
Bühne und Kostüme: Grit Dora von Zeschau
Musik: Christoph Hamann
Illustration: Henrik Schrat
Mit: Marja Hofmann, Simon Käser, Stefan Kuk, Adrienne Lejko, Paul Lonnemann, Gina Markowitsch, Ulrike Sperberg, Florian Thongsap Welsch, Gregor Wolf

Weitere Termine:
24. März, 10 Uhr (fällt krankheitsbedingt aus)
25. März, 10 Uhr (fällt krankheitsbedingt aus)
26. März, 16 Uhr (fällt krankheitsbedingt aus)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. September 2021 | 16:30 Uhr

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