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Lucian Freud und Martin Luther versuchen eine gemeinsame Sprache zu finden. Bildrechte: Carola Hoelting

UraufführungWie in Eisenach Martin Luther auf den Maler Lucian Freud trifft

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR Landesreporterin

Stand: 04. Juni 2022, 04:00 Uhr

Die Stadt Eisenach steht in diesem Jahr ganz im Zeichen von 500 Jahren Bibelübersetzung: Verschiedene Ausstellungen und Veranstaltungen finden zum großen Jubiläum statt. Auch das Landestheater Eisenach beteiligt sich, mit einem augenzwinkernden, leicht ironischen Blick auf diesen Jubiläumszirkus. In dem Stück "Übersitzung" trifft Reformator Martin Luther auf den britischen Maler Lucian Freud. Beide übersetzten zu ihrer Zeit auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Der eine ein weltberühmter Theologe des 16. Jahrhunderts. Der andere ein weltberühmter Maler des 20. Jahrhunderts. Wie kommt man nur darauf, Martin Luther und Lucian Freud auf eine Bühne zu stellen? Andris Plucis, Ballettchef in Eisenach, muss schmunzeln: "Mein Ausgangspunkt war, dass Luther einer der meistporträtierten Menschen zu seiner Zeit war. Dann habe ich überlegt, wer im 20. Jahrhundert der bedeutendste Porträtist für mich war. Und bin so auf Lucian Freud gekommen."

Lucian Freud und Luther verstehen sich nicht

Ein Gedankensprung, der in einem Stück gemündet ist. In "Übersitzung" bezieht Lucian Freud ein Atelier in Eisenach, am Fuße der Wartburg. Als er ankommt, steht da ein sonderbarer Mann und liest einigen Menschen aus einem großen Buch vor. Sowohl Luther als auch Freud, so wird sich zeigen, sind irritiert vom jeweils anderen. So müssen sie versuchen, sich anzunähern, eine Sprache zu finden, zu übersetzen. "Da kommt es dann natürlich zu vielen Missverständnissen und vielen offenen Fragen", erklärt Paul Boche, der Lucian Freud spielt und das Stück mitentwickelt hat: "Wenn ich als Lucian Freud Luther sage, dass ich ein Heft mit Gedichten vollgeschrieben habe, und eines davon handelt, wie es ist, in einer Telefonzelle zu vögeln - dann sitzt er verdutzt da und weiß nicht so richtig, was ich damit meine. Oder was die Telefonzelle sein könnte."

Paul Boche (rechts) ist international als Model und Schauspieler tätig. In "Übersitzung" steht er das erste mal in seiner Heimatstadt auf der Bühne. Bildrechte: Carola Hoelting

Tiefgründige Recherche zur sprachlichen Gestaltung

Einfach gemacht hat das Team es sich bei diesen Konversationen nicht. Die Texte von Luther und Freud basieren auf Originalzitaten, zusammengetragen und in Form gegossen von Juliane Stückrad, Kunsthistorikerin und Vorsitzende des lokalen Theater-Fördervereins. So trifft Luthers alte, uns mittlerweile recht fremde Sprache auf die des viel später geborenen Freud. Dazu kommen noch zwei Tänzer, einer jung, einer alt, die jeweils andere Landessprachen sprechen: "Kulturgeschichtlich sollte man schon bewandert sein, um sich in diese Blödelei wirklich hinein begeben zu können", so Stückrad. "Dann ist es auf jeden Fall unglaublich unterhaltsam und ich hoffe auch anregend für die Zuschauer, die sich einfach durch diese Spielfreude mitreißen lassen können."

Ein Jubiläum jagt das nächste

Man merkt es dem Inszenierungsteam an – es muss eine Freude sein, einfach mal – "was wäre wenn?"  auf der großen Bühne zu spielen. Dennoch, sagt Stückrad, gebe es auch ernste Momente im Stück. Etwa, wenn Luthers Antisemitismus aufploppt. Ein Thema, das einfach zur Sprache kommen muss, da Freud einer jüdischen Familie entstammte.

Martin Luther wird von Daniel Blum gespielt. Die Kostüme stammen von Danielle Jost. Bildrechte: Carola Hoelting

Auch auf den großen Eisenacher Jubiläumszirkus derzeit – 500 Jahre Lutherübersetzung, 300 Jahre wohltemperiertes Klavier – werfen Stückrad, Plucis und Boche einen durchaus kritischen Blick: "Man ist oft mit diesen Jubiläen beschäftigt. Dann ist es durch. Dann kommt schon wieder das nächste um die Ecke. Die ganze Förderpolitik, die sich nur noch an Jubiläen entlang hangelt. Also gibt es von uns auch durchaus Kritik an dieser Art der Erinnerungskultur", resümmiert Stückrad. Lucien Freud wurde im Dezember 1922 geboren, auch hier steht also ein Jubiläum an, das Hundertjährige. So fügt sich am Ende doch alles zusammen – oder?

Mehr Informationen zum StückÜbersitzung
Martin Luther und Lucian Freud - eine Begegnung
Regie: Andris Plucis
Text: Dr. Juliane Stückrad

Landestheater Eisenach
Theaterplatz 4-7, 99817 Eisenach

Termine:
4. Juni um 19:30 Uhr
9. Juni um 19:30 Uhr
12. Juni um 15 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 04. Juni 2022 | 07:45 Uhr