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Die Tänzerin Sandra Schlecht geht zur Polizei. Bildrechte: Judith Sünderhauf

Der Plan B im LebenWarum eine Tänzerin aus Eisenach ihre Ballettschuhe gegen Polizeiuniform tauscht

von Blanka Weber, MDR KULTUR

Stand: 20. Mai 2022, 04:00 Uhr

Nach dem Tanz kommt die Verbrecherjagd? Noch ist Sandra Schlecht Tänzerin und Choreografin und steht mit dem Ballett-Ensemble des Landestheaters Eisenach auf der Bühne. Und dann? Dann hängt sie die Tanzschuhe an den Nagel und wechselt den Beruf. Sie geht zur Polizei. Sie sagt, das sei schon immer ihr Plan B gewesen. Die Pandemie habe die Neuorientierung außerdem verstärkt. Und körperlich bringt sie nach jahrzehntelangem harten Training beste Voraussetzungen für den Polizeiberuf mit.

Sandra Schlecht ist 28 Jahre alt und begann mit sechs Jahren in einer Ballettschule zu tanzen. Damals lebte sie noch in Augsburg und hatte ein großes Ziel: "Ich will Ballerina werden!" Mit 15 begann sie eine professionelle Ausbildung, die sie später mit einem "Bachelor of Arts - Tanz" abschloss. Sie tanzte im "Schwanensee", bekam einen Förderpreis und ist seit 2014 festes Mitglied im Tanzensemble der Eisenacher Ballettcompany. Aber eines, erzählt sie, hat sie schon immer fasziniert, die Arbeit der Kriminalpolizei. Wenn im Fernsehen "Aktenzeichen XY ungelöst" lief, war sie – wann immer es ging – dabei: Wo gibt es Spuren? Findet man den Täter? Solche Fragen wird Sandra Schlecht bald auch lösen. Denn sie wechselt zur Polizei, will nochmals die Schulbank drücken und vielleicht auch studieren.

Dieses Stück läuft am 22. Mai 2022 zum letzten Mal!

Tanzen ist kein Beruf für immer

"Warum nicht?", meint die groß gewachsene, schmale, sympathische junge Frau, die manch schrägen Blick von Freunden bekam, als sie von dieser Idee erzählte. Viele Tänzerinnen und Tänzer machen sich schon zeitig Gedanken: Was kommt danach? Wie sieht mein "Plan B" aus? Die Pandemie habe diese Pläne noch verstärkt, erzählt sie. Für manche kommt auch ein Unfall dazwischen, Verletzungen, Krankheiten. "Es ist kein Beruf, den man für immer machen kann. Das Bewusstsein dafür ist da, deswegen gibt es auch jetzt im Kollegenkreis viele, die ein Studium nebenbei machen, zur Ballettmeisterin oder im Management, etwas, das man im späteren Leben brauchen kann."

Tänzer leben gefährlich und setzen Tag für Tag den Körper als wichtigstes Handwerkszeug ein. Das Training beginnt früh um 10 Uhr: aufwärmen, dehnen, Choreografien einstudieren. "Das ist bis 18 Uhr unser Alltag." Am Wochenende kommen oft Vorstellungen dazu. Montags ist frei.

Die Tänzerin Sandra Schlecht, hier im Pas de Deux mit Renaud Thomas Garros Bildrechte: Carola Hoelting

"Ich brauche etwas, was mich auch körperlich fordert und interessiert"

Andris Plucis, Chefchoreograf Landestheater Eisenach Bildrechte: AriFoto

Nach dem Tanz ein neuer Job? Für viele ist das normal. Auch für Andris Plucis, den Leiter des Eisenacher Balletts, sind diese Wege nicht ungewöhnlich. Er erzählt von einem japanischen Tänzer, der später eine Ausbildung zum Koch absolvierte. Ein anderer wurde später Inspizient am Theater und kann alles, was er einst lernte, auch mit einer anderen Perspektive gut gebrauchen. "Es gibt manche Körper, die können bis 45 noch tanzen", sagt Andris Plucis, doch die meisten würden sich mit Mitte 20 bereits neu orientieren.

Sandra Schlecht hat all diese Gedanken gleich in ihr neues Tanzstück gepackt: "Junge Choreograf*innen VII" ist der Titel der Performance. Zehn junge Tänzerinnen und Tänzer führen eigene Choreografien auf. Sandra Schlecht tanzt bei vielen davon auch mit. In ihren eigenen Part habe sie die Frage nach der Zukunft einfließen lassen: "Es geht um Pläne, die man im Leben macht, und die meistens aber nicht erfüllt werden. Ist das immer etwas Schlechtes? Eröffnen sich dadurch neue Perspektiven? In welche Richtung geht das Leben, wenn diese Ziele nicht erreicht werden, die man sich selbst gesteckt hat? Ist es was Positives? Was Negatives?"

Die Tänzerin Sandra Schlecht in der Inszenierung "Licht" am Landestheater Eisenach Bildrechte: Carola Hoelting

Eine ungewöhnliche Seiteneinsteigerin für die Polizei

Sandra Schlecht klingt entschlossen und motiviert. Dass sie Disziplin hat, muss sie tagtäglich seit 20 Jahren im harten Training unter Beweis stellen. Vielleicht erntet sie mit ihrer zarten Gestalt auch einen schiefen Blick in der neuen Klasse, das weiß sie und lächelt die Skepsis mit klarer Ansage beiseite: "Schmal, ja. Fit – aber auch!" Sie wirkt ernst, konzentriert und dürfte in Meiningen, im Bildungszentrum der Polizei, eine etwas ungewöhnliche Seiteneinsteigerin in diesem Beruf sein.

Die Tänzerin Sandra Schlecht, hier im Pas de Deux mit Renaud Thomas Garros Bildrechte: Carola Hoelting

Zurück im Ballettsaal. Noch heißt es: üben, üben, üben! Die neuen Choreografien müssen einwandfrei sitzen, auch, um Fehler oder Unfälle zu vermeiden. Sandra Schlecht gibt alles für ihre letzten großen Auftritte in den kommenden Wochen und setzt auf die eigene künstlerische Handschrift mit einer kleinen Botschaft: Mut lohnt sich. Weitermachen auch. Auf das neue (Berufs)Leben bei der Polizei freue sie sich sehr. Vielleicht begleitet sie dann – vom Publikum aus – die Arbeit ihrer früheren Kolleginnen und Kollegen.

Manche von ihnen wählen vielleicht auch einen neuen Berufsweg. Andris Plucis stellt allerdings auch einen neuen Blick auf den Tanz und das Alter fest. Er sei jetzt 63 und arbeite demnächst an einem Stück, bei dem er auch wieder auf der Bühne stehe. Mut zum Alter, statt nur glatte, junge Körper im Rampenlicht? Andris Plucis überlegt kurz: "Das letzte Mal, wo ich auf der Bühne getanzt habe, das war vor 26 Jahren. Jetzt gibt es ein neues Stück mit zwei Tänzern und Schauspielern. Da werde ich auf der Bühne dabei sein." Und Sandra Schlecht wird vermutlich im Publikum sitzen.

Theater-Tipps

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2022 | 13:10 Uhr