5. bis 10. Juli Festival Phoenix 2.0 will Schauspiel in Erfurt wieder groß machen

Das Schauspiel in Erfurt durch nachhaltige und langfristige künstlerische Initiativen wiederbeleben – das ist das Ziel, welches sich das Festival Phoenix 2.0 vom 5. bis 10. Juli 2022 gesetzt hat. Durch kulturelle Veranstaltungen wie Theateraufführungen, Performances, Konzerte und Ausstellungen soll so die Kultur in der Stadt neu verortet werden. Die Highlights des Festivals im Überblick.

Roter und grüner Rauch steigt neben dem Schriftzug "Phoenix Theater Festival" empor.
Bereits im vergangenen Jahr feierte das Phoenix-Festival im Erfurter KulturQuartier seine Premiere. Bildrechte: Anna Spindelndreier

Fast 20 Jahre ist es her, dass Erfurt sein Schauspiel verlor. Mit dem Beschluss für den Neubau des heutigen Theaters ging auch das Ende des ehemaligen Schauspielhauses mit der letzten Vorstellung im Juni 2003 einher – im Bewusstsein, dass das neue Theater auf Schauspiel komplett verzichten würde.

Vergangenes Jahr trat dann mit dem Phoenix-Festival eine Gruppe engagierter Theaterenthusiasten auf den Plan, die dem Schauspiel wieder mehr Raum geben wollte. Von außerhalb brachten sie externe Produktionen mit, die alte und neue Themen auf den Bühnen des heutigen KulturQuartier Schauspielhauses – Thüringens erster Kulturgenossenschaft – erzählten.

Theater in Erfurt nach Corona-Krise stärken

In diesem Jahr steckt das Theater mehr denn je mit leeren Sälen nach der Pandemie in der Krise. Das Festival will dem die Stirn bieten und trumpft mit einem umfangreichen Programm vom 5. bis 10 Juli in Erfurt auf. Das Publikum des Festivals erwartet dabei nicht nur die Wiederbelebung von Peter Handkes Klassiker "Publikumsbeschimpfung", sondern auch moderne Stücke innovativer Schauspielgruppen sowie Debatten rund um die Zukunft des Schauspiels.

Zwei Männer proben ein Theaterstück
Im Theater Erfurt proben Joshua Hupfauer und Regisseur Jakob Arnold die "Publikumsbeschimpfung", die beim Phoenix-Festival Premiere feiert. Bildrechte: MDR/ David Straub

Premiere von "Publikumsbeschimpfung" des Literaturnobelpreisträgers Peter Handke

1966 uraufgeführt, richtete sich Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" ursprünglich an ein bräsiges und spießiges Publikum im Wust der Freiheitsbewegung. Es ist ein Sprechstück ohne Handlung, das die Zuschauenden bombardiert mit Umschmeichlungen, Befragungen und Beschimpfungen. Jakob Arnold, Regisseur des Stücks und neben Anica Happich künstlerischer Leiter des Festivals, erklärt, warum das Phoenix-Festival das Stück als erste Eigenproduktion zusammen mit der Studiobox des Theater Erfurts auf die Bühne bringt:

"Wir erleben in ganz Deutschland, dass es durch die Pandemie einen radikalen Publikumsschwund gibt. Mit dem Stück wollen wir einen Raum für Reflexion geben mit den Fragen, die gestellt werden."

Dass Erfurt als einzige Landeshauptstadt in Deutschland kein Schauspiel beheimatet, sei skandalös, sagt Jakob Arnold. Und auch im Theater Erfurt ist man froh über den Wind, der mit dem externen Festival durch die Stadt weht. Markus Weckesser von der Studiobox ergänzt: "Weil es ja hier auch kein klassisches Schauspiel-Publikum gibt, finde ich es ziemlich witzig und gut, dass wir jetzt hier die 'Publikumsbeschimpfung' machen."

Die "Publikumsbeschimpfung" von Peter Handke feiert am 9. Juli um 19 Uhr auf der Hinterbühne des Theater Erfurt Premiere.

Eine orangene Reklame an einer Glasfassade.
Zum ersten Mal findet das Phoenix-Festival auch im Theater Erfurt statt. Bildrechte: MDR/ David Straub

Weitere Veranstaltungstipps im Theater Erfurt

Neben der "Publikumsbeschimpfung" kann das Publikum während des Festivals noch weitere Performances und Vorstellungen erleben.

  • Mit Gorillaz, Audioslave und Den 3 Tenören (bestehend aus lauter Sängerinnen) performt die Musiktheater Combo glanz&krawall Giaccomo Puccinis Oper "La Bohème" einen Aufschrei gegen die männlich dominierte Welt. Zu sehen am Freitag, den 8. Juli um 19 Uhr in der Studiobox.
  • Vor dem Theater auf dem Vorplatz stellt die Veranstaltung "Haze – Eine Bezeugung in Rauch" das umweltzerstörende Verbrennungszeitalter auf den Kopf. In dieser Installation lädt die Gruppe Para zu einer Bezeugung in Rauch ein. Zu erleben am 8. und 9. Juli um 21 Uhr.
  • Die Lesung "…Britney one more time" des temporären Künstlerinnenkollektivs Phoenix X Britney geht am Samstag der Frage nach, warum die Pop-Ikone zur Ikonin und Sklavin weltweiter Vergnügungen wurde. Zu sehen am 10. Juli um 16 Uhr in der Studiobox.
  • Und zuletzt verhandelt "Die verlorene Ehre des…" sexuelle Gewalt in Partnerschaften und interpretiert dabei Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" neu. Ebenfalls in der Studiobox zu sehen am 10. Juli um 18 Uhr.

Workshops und Zukunftskonferenz im KulturQuartier Schauspielhaus

Das Publikum von der ersten Version des Festivals im vergangenen Jahr im KulturQuartier sei sehr interessiert gewesen und das Feedback super, sagt Jakob Arnold. Deswegen freue sich die Gruppe, wieder in Erfurt zu sein. Da das KulturQuartier mittlerweile aber von Thüringens erster Kulturgenossenschaft umgebaut wird, können dort derzeit keine größeren Produktionen stattfinden.

Ein großes altes Gebäude - das Kulturquartier in Erfurt.
Das KulturQuartier Schauspielhaus in Erfurt wird derzeit umgebaut - unter anderem auf dem Vorplatz wird es Veranstaltungen des Festivals geben. Bildrechte: MDR/ David Straub

Vorstandsmitglied Tely Büchner freut sich dennoch über die erneute Kooperation: "Es ist einfach toll, dass das Phoenix Festival mit dem KulturQuartier Schauspielhaus zusammengekommen ist. Eine Sehnsuchtssparte trifft einen Sehnsuchtsort. Ich glaube, das hat Zukunft – und auf die darf man gespannt sein."

Zukunftskonferenz "Was sollen wir spielen?"

Im KulturQuartier werde in diesem Jahr eine Konferenz zu Zukunftsthemen der darstellenden Künste stattfinden, erklärt Jakob Arnold im Gespräch mit MDR KULTUR. Der Titel sei: "Was sollen wir spielen?" Fragen nach der ökologischen Nachhaltigkeit der darstellenden Künste, Finanzierungsmöglichkeiten für die Kunstproduktion und der Stellung von Künstlerinnen und Künstler in unserer Gesellschaft sollen diskutiert werden. Bei dieser Konferenz habe man renommierte Theaterakteure aus ganz Deutschland gewinnen können, sagt Arnold.

Ein langhaariger Mann schaut in die Kamera.
Jakob Arnold während der Proben zur "Publikumsbeschimpfung" im Theater Erfurt. Bildrechte: MDR/ David Straub

Während die Konferenz generell für ein theaterinteressiertes Publikum geplant ist, sollen die Workshops zu Fragen des Alltags als Schauspielende und der Berufsorganisation vor allem junge Künstlerinnen und Künstler ansprechen. Daneben wird es im KulturQuartier auch Führungen durch das alte Schauspielhaus und eine Kinderlesung auf dem Vorplatz geben.

Umgarnen, befragen und verhandeln – das will das Phoenix-Festival nicht nur mit Handkes "Publikumsbeschimpfung" erreichen. Mit der zweiten Version in diesem Jahr ist es breit aufgestellt, um das Schauspiel in Erfurt wieder großzumachen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Juli 2022 | 07:10 Uhr