Opernkritik Theater Erfurt zeigt "Hoffmanns Erzählungen" als wilden Ritt durch die Geschichte

Der Neustart des Theaters Erfurt hat sich nach der Corona-bedingten Pause sehr schwierig gestaltet: Erst musste die Premiere von Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" verschoben werden. Die Probenzeit war deshalb knapp. Und Dirigent Stefano Cascioli musste für Yannis Pouspourikas einspringen. Am Ende überraschte die Neuproduktion bei der Premiere am 29. Januar mit einer opulenten Ausstattung und einer gewagten Regie-Idee, die nicht ganz stimmig ist. Eine Opernkritik.

Großer Aufzug: Menschen in weißen Uniformen stehen in Reihe, ein Mann mit weißem Armeemantel schreitet nach vorn, mehrere Menschen in Abendgaderobe werden festgehalten. Große Banner hängen im Hintergrund.
Die Erfurter Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" beginnt in einer Persiflage auf das Dritte Reich. Bildrechte: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Bücherverbrennung in Erfurt: Nachdem das Theater lange Zeit geschlossen war, beginnt die erste Vorstellung – die Premiere von Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" – mit einer Demontage der Kunst und der Freiheit – ein schauriges Bild mit Fackel und Feuer. Einzig Hoffmann will sich dem widersetzen und wird umgehend abgeführt.

In einer Folterzelle, eine Etage unter dem Autodafé, wird er vom teuflischen Lindorf verhört. Hat er etwas zu verbergen? Egal, er kommt so oder so in den Knast. Dort darben die Mitgefangenen, leiden Hunger und Durst. Aber sie verlangen, wie bei Offenbach vorgegeben, nach Bier und nach Wein. Denn diese Szene spielt in der Weinstube Lutter & Wegner. Das ist das erste Missverständnis dieser Erfurter Neuproduktion in der Regie von Balázs Kovalik.

Erfurt zeigt "Hoffmanns Erzählungen" als Weltgeschichte

Überaus fesselnd bleibt Kovaliks Sicht auf Offenbachs einzige Oper dennoch. Denn der Regisseur führt in den fünf Akten durch die deutsche Geschichte und endet in einer globalisierten Zukunft. Der Olympia-Akt spielt im Dritten Reich, das als bittere Persiflage vorgeführt wird. Charlie Chaplin tritt als zwielichtiger Coppelius auf und avanciert in unverkennbaren Film-Anleihen zum "Großen Diktator". Passend zum Olympia-Akt gibt es nach der Bücherverbrennung von 1933 auch gleich die großdeutsche Olympiade drei Jahre danach – Leni Riefenstahl lässt grüßen. Die Bühnenbilder von Hermann Feuchtner und die Kostüme von Sebastian Ellrich lassen keine Zweifel aufkommen und verfremden doch trefflich.

Ein Mann, der wie Charlie Chaplin aussieht rollt mit einer Krankenliege durch die Pathologie.
Máté Sólyom-Nagy überzeugt in der Oper "Hoffmanns Erzählungen" am Theater Erfurt als Coppelius mit Chaplin-Anleihen. Bildrechte: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Hoffmann, diesem tödlichen Regime knapp entkommen, stolpert gleich in die nächste Diktatur und liebt – während der boykottierten Olympiade von 1980 in Moskau – die von der DDR-Staatssicherheit observierte Sängerin Antonia. Bissige Regieeinfälle und detailverliebte Szenenbilder gibt es auch in diesem Akt.

Ein Mann mit schwarzem Anzug und längeren blonden Haaren schmiegt sich an das Plakat eines Stars, daneben eine Sängerin in schwarzem Abendkleid.
Szene aus der oper "Hoffmanns Erzählungen" am Theater Erfurt: Mitten in der Sowjet-Diktatur verliebt sich Hoffmann in die Sängerin Antonia. Bildrechte: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Nach der Pause kommt das vollkommen neu interpretierte Stück in der Jetztzeit an: Giulietta mal nicht in der Gondel auf dem Canal Grande, sondern bei den Filmfestspielen Venedig. Da kommt dem Künstler Hoffmann endgültig das Selbstbild abhanden. Es wird ihm auf Geheiß des Produzenten Dappertutto geraubt und der Allgemeinheit im Hashtag "#KarriereFicker" preisgegeben. Der Mann ist also am Boden. Und dennoch wird ihm im Schlussakt suggeriert, die Welt retten zu können. Vielleicht als Präsident einer neuen globalen Gemeinschaft?

Großartige musikalische Leistung in Erfurt

Das ist alles sehr faszinierend, was dem Regieteam in Erfurt eingefallen ist. Mit "Hoffmanns Erzählungen" von Jules Barbier und Jacques Offenbach hat das allerdings wenig bis gar nichts zu tun. Es wurde der Oper nur übergestülpt und vom Erfurter Premierenpublikum heftig ausgebuht.

Ein in weiß gekleidetes Pärchen sitzt aneinandergelehnt auf dem Sockel einer Statue auf der Erfurter Bühne.
Das Erfurter Ensemble konnte musikalisch überzeugen. Bildrechte: Lutz Edelhoff/Theater Erfurt

Für die musikalischen Leistungen jedoch gab es kräftigen Jubel. Zu Recht, denn das Philharmonische Orchester unter Leitung des kurzfristig eingesprungenen Dirigenten Stefano Cascioli hat – trotz einiger Differenzen zwischen Bühne und Graben und leider auch übernervösen Hornisten – großartig aufgespielt.

Vor allem aber hat das Theater (obwohl bis in die Endproben pandemisch arg gebeutelt) eine fantastische Solistenriege aufgestellt: Angefangen mit dem höchst lyrischen Brett Sprague als Hoffmann, der charmant liebenswerten Muse Alexandra Kadurina und der ungemein koloratursicheren Olympia Danae Kontora, der sangesfreudigen Antonia von Daniela Gerstenmeyer, dem als Lindorf, Coppelius und in weiteren Rollen verführerisch überzeugenden Máté Sólyom-Nagy, einem wandelbaren Kakhaber Shavidze als Luther und Krespel sowie dem gewaltigen Siyabulela Ntlale als Wilhelm und Schlemihl! – Soli, Chor und Statisterie haben hier Glanzleistungen abgelegt.

Weitere Informationen "Hoffmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach nach dem Libretto von Jules Barbier am Theater Erfurt

Musikalische Leitung: Yannis Pouspourikas
Inszenierung: Balázs Kovalik
Bühnenbild: Hermann Feuchter
Kostüme: Sebastian Ellrich
Mit: Brett Sprague, Florence Losseau, Danae Kontora, Daniela Gerstenmeyer, Jessica Rose Cambio, Máté Sólyom-Nagy

Weitere Termine:
5. Februar, 19 Uhr
11. Februar, 19.30 Uhr
27. Februar, 15 Uhr
1. April, 19.30 Uhr
10. April, 18 Uhr

Mehr KULTUR in Erfurt

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 31. Januar 2022 | 08:40 Uhr

Abonnieren