KulturQuartier für Freie Szene geplant Thüringer Kulturgenossenschaft kauft Erfurter Schauspielhaus

Fast zehn Jahre hat es gedauert von der Idee bis zum Notar-Termin. Nun hat die Erfurter Genossenschaft KulturQuartier – in ihrer Organisationsform noch einmalig in Thüringen – das Alte Schauspielhaus erworben. Über 800 Menschen haben sich für einen neuen Kulturort in Thüringens Hauptstadt stark gemacht. Ab 2021 soll das Theater saniert werden.

Es war ein kleines Happening bei eisigen Temperaturen vor dem Alten Schauspielhaus. Per Video waren am Abend einige der neuen Hausbesitzer zugeschaltet und als Projektion an der Hauswand zu sehen: "Jetzt haben wir das Haus, jetzt steht uns nichts mehr im Weg", heißt bei der Pressekonferenz.

Das Erfurter KulturQuartier ist nach eigenen Angaben die erste Kulturgenossenschaft in Thüringen. Am Donnerstag haben sie das ehemalige Schauspielhaus der Stadt gekauft, das nun zu einem Zentrum für die Freie Szene umgewandelt werden soll. Möglich sei der Verkauf ohne Ausschreibung aufgrund einer kommunalrechtlichen Ausnahmeregelung gewesen, erklärte Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein.

In die eigene Hand nehmen

Damit ist das erste große Ziel erreicht, aber die Genossenschaft will dennoch weiter wachsen. Auch Andreas Handschuh gehört zu den Mitgliedern des KulturQuartiers am Alten Schauspielhaus von Erfurt, "weil ich es wichtig finde, dass man auch selbst Dinge in die Hand nimmt und nicht nur sagt: Die Politik muss etwas tun, die Stadt muss etwas tun, sondern dass wir als Bürger uns auch selbst beteiligen", erklärt er.

Das ehemalige Erfurter Schauspielhaus
Blick auf das ehemalige Schauspielhaus in Erfurt Bildrechte: dpa

Manche beteiligen sich ganz offen, andere spenden still im Hintergrund. So sind bisher 920.000 Euro zusammengekommen. Eigentlich sollten es mehr als eine Million Euro werden, doch die Arbeit steht gerade erst am Anfang: "Wir sind nicht nur die erste Kulturgenossenschaft in Thüringen, wir sind auch die erste gemeinnützige Kulturgenossenschaft in Thüringen. Das heißt, für alle, die im Moment keinen Anteil übernehmen wollen, können jetzt auch spenden und Spendenquittungen bekommen", erklärt Tely Büchner, Vorstand der Genossenschaft.

Der richtige Ort

Das ehemalige Erfurter Schauspielhaus.
Das ehemalige Erfurter Schauspielhaus. Bildrechte: dpa

Seit vier Jahren bemühen sich die Initiatoren um das Alte Schauspielhaus aus dem 19. Jahrhundert, das mitten in der Stadt liegt. Die Idee, eine Genossenschaft für einen neuen Kulturort in der Stadt zu gründen, ist sogar noch älter. Ursprünglich hatten sich die Initiatoren auf die alte Defensionskaserne auf dem Petersberg fokussiert. Diesen Plan mussten sie nach vielen Widerständen fallen lassen. Tely Büchner bedauert diese Entwicklung: Das hätte für Mitteldeutschland eine große Ausstrahlung besessen. Es wäre ein Militärort gewesen, den wir in einen Kulturort gewandelt hätten." Stattdessen werden aus der ehemaligen Kaserne nun zum Teil Ausstellungsräume für die kommende Bundesgartenschau in Erfurt.

Das KulturQuartier seinerseits findet im derzeit noch leer stehenden Alten Schauspielhaus ein Zuhause. "Hier knüpfen wir an eine Tradition an und unsere Saat fällt viel schneller aus, als wir das vielleicht in der Defensionskaserne geschafft hätten", meint Büchner.

5,5 Millionen für den Umbau

Über den Kaufpreis für das Bühnenhaus wird Stillschweigen gewahrt. Es heißt lediglich, ein Wertgutachten sei die Basis gewesen, was auf einen niedrigen siebenstelligen Betrag hinweist. Ab Januar soll es um Baugenehmigungen gehen, viele Termine bei Ämtern stehen an. Dann kann der Architekt Thomas Schmidt loslegen, sanieren und die Räume für künftige Mieter gestalten. Ein Kino, ein lokales Radio, ein Tanzstudio und viele andere sollen die Räume nutzen können und Kultur anbieten. Insgesamt soll der Umbau laut aktuellen Plänen 5,5 Millionen Euro kosten.  

Die Sanierung wird in mehreren Abschnitten erfolgen und das Alte Schauspielhaus so Stück für Stück umgewandelt. "Wir leben von Bewegung und Veränderung", sagt Tely Büchner. Auch für die Erfurter Stadtverwaltung stellt dieser neue Kulturpartner einen Lernprozess dar. Das KulturQuartier ist ein Wagnis und ein Bürgerprojekt mit vielen Hundert Mitstreitern. 

Dass die Kulturgenossenschaft nun auch ein Zuhause hat, ist für Vorstandsmitglied Tely Büchner ein Höhepunkt: "Das rührt mich und ich bin beeindruckt – auch über die Energiel eistung und dem Mut, den alle aufgebracht haben. Eigentlichen müssten alle, die mehr als 800 Menschen heute hier sein." Wenn die Kultur wieder aus dem Lockdown befreit wird und Kinosäle gut besucht sein dürfen, soll das nachgeholt werden, verspricht das Vorstandsmitglied. Im nächsten Jahr geht auch die Arbeit am neuen KulturQuartier weiter – Wer mitmachen will, ist willkommen. 

Kultur in Erfurt

Kultur in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Dezember 2020 | 07:10 Uhr

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