Interview Kulturpolitiker Knoblich: Kultur soll nachhaltiger und relevanter werden

Nachhaltigkeit und Kulturbetrieb? Das sind zwei Themen, die bisher zu wenig in Verbindung gebracht wurden, findet der Erfurter Kulturbeigeordnete und Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft Tobias Knoblich. In seinem Grundsatzpapier "Kultur ist mehr als Freizeitgestaltung" fordert er, im Zuge der wahrscheinlich kommenden Einsparzwänge aufgrund der Corona-Krise, die bisherige Kulturpolitik zu transformieren. Nicht jedes Kulturangebot sei gut, künftig solle bei der Förderung nach Kriterien der Nachhaltigkeit und gesellschaftlichen Relevanz entschieden werden, so Knoblich.

Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt 10 min
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MDR KULTUR: In Ihrem Artikel zu einer neuen Kulturpolitik steht, es wäre "völlig weltfremd und inadäquat, davon auszugehen, dass nach einer solch gravierenden Phase alles wieder so herstellbar ist, wie es vor der Krise existierte. Es gibt keinen Anspruch auf kompletten Risiko-Ausgleich". Sie schreiben auch, dass über neue kulturpolitische Leitbilder nachgedacht werden muss. Was schwebt Ihnen da vor?

Tobias Knoblich: Mir schwebt vor, die Veränderungen in der Gesellschaft ernstzunehmen und keine Schutzzone für Kultur an sich zu errichten, die nicht danach fragt, welche Kultur ist denn eigentlich für unsere Gesellschaft relevant? Ein Leitbild, das mir vorschwebt, ist das der Transformation, das ernst macht mit diesen Veränderungen, also einer Gesellschaft, die nicht mehr auf Wachstum programmiert ist, die den Klimawandel und die Migration ernst nimmt und veränderte Nutzerinteressen vielleicht auch an Kultur. Die nicht beansprucht: Kultur ist der unverrückbare Fels in der Brandung, trotzdem aber schaut, was ist bewahrenswert. Also kein Radikalansatz, sondern: Wie können wir Kultur so relevant halten, dass die Einrichtungen, Projekte und die freie Szene auch künftig noch Akzeptanz finden und auch finanziert werden können.

Es gibt noch einen schlimmen Satz in ihrem Artikel: "Es muss möglich sein, zu hinterfragen, zu urteilen, nach Kriterien zu evaluieren und Angebote aus der öffentlichen Finanzierung zu nehmen, wenn sie keine hinreichende Wirkung für das Gemeinwesen haben." Wer entscheidet denn, was keine hinreichende Wirkung hat?

Ja, das ist der große Knackpunkt. Ich könnte mit der Gegenfrage antworten, die ja auch von einigen immer ins Feld geführt wird: Man müsse Kultur zur Pflichtaufgabe erklären, dann löst sich das schon alles von selbst. Was ist dann alles Kulturpflicht? Alles das, was einmal da war und das heute existiert und gefördert wird? Ich denke, das bleibt eine schwierige Frage. Es gibt keine Kulturgesetze oder Evaluationskriterien. Ich glaube, es ist wichtig, in ein gesellschaftliches Gespräch einzutreten: mit den Menschen reden, vielleicht auch so etwas wie Kulturentwicklungsplanungen noch intensiver zu betreiben und dann aber auch politisch Entscheidungen zu treffen.

Da ist meine große Hoffnung, dass es Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker gibt, die den Mut dazu haben, sich zu positionieren. Es gilt als gute Sitte, für ein Projekt oder für eine Einrichtung zu kämpfen, und es gilt als Sakrileg, etwas gegen ein Projekt zu sagen. An dieser Haltung müssen wir arbeiten. Dann finden wir auch Kriterien, was in dieser Gesellschaft interessant und nützlich ist – denn die Menschen, wenn man sie befragt, wissen das ziemlich genau.

Die Beteiligten müssen zusammenkommen und sind völlig unterschiedlich. Sie werden es mit Kultureinrichtungen zu tun haben, mit wahnsinnig starken Gewerkschaften dahinter, bspw. die Deutsche Orchestervereinigung für die Musiker oder Verdi. Wenn man solche Institutionen in Frage stellen würde, wäre das Geschrei ziemlich laut. Bei anderen wäre überhaupt kein Geschrei da.

Das ist richtig. Da gibt es ein Ungleichgewicht. Ich würde auch gar nicht gleich so rangehen und alles infrage stellen. Das ist die Reaktion auf meinen Beitrag, weil manche dieses Reduktive, das da durchklingt oder ich auch explizit anspreche, gleich als Kulturabbau bezeichnet oder diffamiert haben. Mir geht es in erster Linie um Umbau.

Ein Theater muss ja nicht sofort geschlossen werden, sondern man kann vielleicht auch Dinge verändern, Theater zu neuen Reflexionsorten machen, wo sie es noch nicht sind. Die Leipziger hatten sich mal einen Hausphilosophen geleistet. Das finde ich einen sehr schönen Ansatz, der eine philosophische Sprechstunde abgehalten hat, der Themen der Zeit aufgegriffen hat und versucht, Theater auch in die Gesellschaft hinein stärker zu öffnen. Ich glaube, da gibt es viele Ansätze.

Sie sind ja Beigeordneter für Kultur in Erfurt. Wie kann dieser Transformationsprozess in Erfurt gestaltet werden? Wer nimmt an den Gesprächen teil?

Ich habe das Stichwort Postwachstumsgesellschaft gesagt. Wir haben es in der Vergangenheit irgendwie immer so gehalten – und das konnten wir nur aufgrund des unermesslichen Reichtums, den die westliche Gesellschaft hat – jedes neue Problem und Thema mit neuen Angeboten zu beantworten, also neue Vereine zu gründen, neue Institutionen, neue Projekte, und mit noch so kleinen Mikro-Förderungen haben wir versucht, Neues zuzulassen. Jetzt wäre ein Transformationsansatz, wir schauen uns die Förderpolitik im Detail an und überprüfen, welche Projekte davon noch den Menschen am Herzen liegen und gehen in ein gesellschaftliches Gespräch.

Ich mach das zum Beispiel auch im Museumsbereich, indem wir ein Museumsentwicklungskonzept in Auftrag gegeben haben, um zu überprüfen: Welche Einrichtungen sind überhaupt entwicklungsfähig? Wo gibt es beispielsweise keine Weiterentwicklung von Sammlungen mehr, also wo gar keine Relevanz, auch keine wissenschaftliche Relevanz möglicherweise mehr da ist. Museen sind ja nicht nur Ausstellungsorte, sie sind Forschungseinrichtungen. Wo können Sie das überhaupt? Und wo können heutige Ansprüche, Bildungsangebote gar nicht mehr in dem Maße unterbreitet werden, wie sie erforderlich wären. Das ist zum Beispiel auch so ein Thema: Kultur als Bildungsangebot, was im Lockdown viel zu kurz kam. Da wurde Kultur lediglich auf das Konsumtive reduziert. Das ist gefährlich.

Haben Sie eigentlich die Vermutung oder die Hoffnung, dass es genügend Damen und Herren gibt, die dann tatsächlich auch mal schlechte Botschaften an die Kultur überbringen und sagen: Freunde, ihr habt keine gesellschaftliche Relevanz mehr, ihr werdet nicht mehr gefördert?

Ja, darauf hat keiner Lust. Politiker werden für gewisse Wahlperioden gewählt. Ich bin ja selber davon betroffen. Und in dieser Zeit will man etwas erreichen und gute Botschaften geben. Vielleicht wandelt sich auch die Qualität von Botschaften mit dieser Corona-Krise, indem man die Menschen auch mahnt gegen Wohlstand, dieses Wachstum, diesen Verbrauch, die uns so prägen, infrage zu stellen und gute Botschaften anders aufzufassen.

Es kann auch mal eine gute Botschaft sein, Projekte nicht weiterzuführen, dass wir andere Dinge tun können. Oder sich von Institutionen zu verabschieden, weil sie unnötig Ressourcen verbrauchen. Es muss ein anderes Leitbild her, das schon was mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Das erleben wir in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch, dass Menschen nachdenklicher werden, dass sie weniger, bewusster konsumieren. Warum soll man das mit der Kultur nicht auch tun? Man muss sich lösen von dieser Vorstellung, dass Kultur, egal welches Angebot das ist, an sich schon etwas Gutes sei.

Das Interview führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Dezember 2020 | 08:40 Uhr