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Wo heute die Martin-Luther-Universität in Halle steht, befand sich 1811 das erste Theater der Stadt, dessen Gründung der Arzt Johann Christian Reil vorantrieb. Bildrechte: dpa

Johann Christian Reil

Halles langer Kampf um ein eigenes Theater – beendet von einem Arzt

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Stand: 03. Februar 2021, 04:00 Uhr

"Halle ist seit 1810 in die Theatergeschichte Deutschlands eingetreten", steht im Allgemeinen Theaterlexikon von 1841. Das verdankt die Saale-Stadt nicht unwesentlich dem vielinteressierten und umtriebigen Mediziner Johann Christian Reil. Zum Konzept des praktizierenden Badearztes gehörte neben Parks und Salons auch ein Theaterbetrieb. Selbst Goethe schätzte Reil sehr und schrieb zur Eröffnung am 3. Februar 1811 den "Prolog für Halle".

Die Anfänge der Hallischen Theatergeschichte sind eine wahre Leidensgeschichte.

Aus "Halles Literaturleben", Waldemar Kawerau - M. Niemeyer, 1888

So urteilt Waldemar Kawerau, 1888, in seiner Schrift "Aus Halles Literaturleben". Und er begründet: "Kaum irgendwo sonst hatte die deutsche Bühne einen schwereren Kampf ums Dasein zu bestehen, als in der Musenstadt an der Saale. Ihr erbitterster Gegner war …  der Pietismus, der in seiner Reaction gegen das Masslose und Wilde einer zügellosen Zeit weit das Mass überschritt und die Komödie schlechtweg für eitel Teufelswerk und gefährliche Frivolität ansah." Also machte das Theater im 18. Jahrhundert oft einen Bogen um Halle.

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Kalenderblatt1811: In Halle wird das Reilsche Theater mit "Emilia Galotti" eröffnet

Theater entspricht nicht der sittlichen Reinheit

1680 ist aus der sächsisch-weißenfelsischen Residenzstadt Halle ein preußischer Provinz-Ort geworden. Hofoper und Hofschauspiel sind verschwunden. In der 1694 gegründeten Universität geben die pietistischen Professoren um Waisenhausgründer August Hermann Francke den Ton an. Die wenden sich gegen alles, was aus ihrer Sicht der "sittlichen Reinheit" entgegensteht - auch gegen Maskeraden, Tanz, Karneval und Komödien. Denn, so Francke, man sei sich an der Universität einig:

Was durch die Komoedianten und dergleichen Volk bei unserer studirenden Jugend für gross Unheil angerichtet werde, daher wir denn auch einige mal erhalten, dass dieselben nicht agiren dürfen.

August Hermann Francke in "Memorial", April 1699

Das Theaterverbot von 1700

Tatsächlich untersagt Preußen-Kurfürst Friedrich III. im Jahre 1700 alle Theateraufführungen in der Stadt. Ein Verbot, dem in den kommenden Jahrzehnten weitere folgen sollten. 1740, mit der Thronbesteigung Friedrich des Großen, ändern sich die Zustände, zumindest vorerst. Auf eine neuerliche Eingabe der Universität gerät die Antwort des Königs an das „geistliche Muckerpack“ im Jahr 1745 ziemlich barsch: „Indessen declariren Wir Euch hiermit ein vor alle mahl, dass die Komödianten nicht von dort weggeschaffet werden sollen.“

1771 der nächste Theaterstreit

Ein neuer Theater-Streit entbrennt 1771, als eine Schauspielgesellschaft von Leipzig aus nach Halle herüberkommt. Die Studenten strömen, vernachlässigen die Vorlesungen. Und Friedrich der Große ist nun der Meinung: "Daß öffentliche Schau - Spiele sich gantz und gar nicht für Städte und Örther schicken, wo junge Leuthe zum Dienst des Staates gebildet werden sollen, indem solche vielmehr der Jugend nur Anlaß geben, Zeit und Geld unnützer Weise zu verschwenden, und die auf diesen Pflanz-Schulen so unumgänglich nöthige gute Zucht zu stören", wie es in der Kabinetsordre vom 21. Juli 1771 verzeichnet ist.

Bad Lauchstädt profitiert von Halles Theaterbann

Wieder ergeht ein Theaterbann für Halle und Umgebung. Davon profitiert bald ein Nachbarort besonders: Bad Lauchstädt oder viel mehr das kleine, unscheinbare Komödienhaus dort. Ein Anziehungspunkt vor allem für Studenten. Besonders ab 1791, als zum ersten Mal die Truppe des Weimarischen Hoftheaters mit Goethe an der Spitze zu ihrem Sommergastspiel in die kleine Badestadt einzieht.  Ein Kurgast berichtet 1787 in einem Brief an seinen Arzt: "Es traf sich gerade einmal, dass ich nach Halle reiste und an dem Tage 'Kabale und Liebe' in Lauchstädt gegeben wurde. Hab ich je eine lebhafte Strasse gesehen, so war es diese. Eine Kette von Reitern, Fussgängern und Wagen dehnte sich auf dem ganzen Wege aus; das eine Ende davon war Lauchstädt, das andere Halle."

Das Reilsche Theater von Halle

Und dann endlich, 1811: Halle bekommt eine eigene Spielstätte, da, wo heute die Universität steht, in der ehemaligen Kirche des Barfüßerklosters. Es ist sozusagen das Werk einer Bürger-Initiative und: "… an deren Spitze der Arzt, Oberbergrat und Professor Dr. Reil … Dieser Verein ließ auf seine Kosten ein altes, massives Gebäude, welches früher ein Kloster, später eine Stadtschule und dann Garnisons- und Universitätskirche, Magazin usw. gewesen war, zum Theater einrichten." So vermeldet es das Allgemeines Theater-Lexikon oder Encyklopädie alles Wissenswerthen für Bühnenkünstler, Dillettanten und Theaterfreunde 1841.

Eröffnung ist am 3. Februar 1811 mit Lessings "Emilia Galotti" - vorerst im privaten, vermutlich zahlungskräftigen Kreis. Noch fehlendes Geld für den Umbau muss herbeigeschafft werden. Die Vorstellung jedenfalls – so wird berichtet – findet "enthusiastischen Beifall".

Grab von Johann Christian Reil auf dem Reilsberg in Halle Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 03. Februar 2021 | 06:40 Uhr