"Extrawurst" Comedy-Autoren von heute-Show und Extra3 schreiben Theaterstück für Altenburg

Wenn zwei Autoren der angesagtesten Comedy-Formate im Fernsehen – heute-Show und Extra3 – ein Sommertheaterstück schreiben, kann ja nichts schiefgehen? Unser Kritiker war bei der Aufführung dabei. Auch wenn das Thema witzig ist und das Publikum zum Lachen kommt, gibt es Kritikpunkte.

Philipp Andriotis als Erol Oturan, Manuel Kressin als Dr. Heribert Bräsemann, Robert Herrmanns als Matthias Scholz, Marie-Luis Kießling als Melanie Pfaff und Thorsten Dara als Torsten Pfaff 6 min
Bildrechte: Ronny Ristok

Nicht der Rost, sondern die Luft brennt im Altenburger Theaterzelt. Wo derzeit eine "Extrawurst" gebraten wird – so der Titel des Stücks aus der Feder von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Die schreiben sonst für die heute-Show und das TV-Satireformat Extra3 und liefern dort eher kurze Sketche ab. Der Abend in Altenburg dauert anderthalb Stunden. Das ist ein anderes Format. Doch erstmal zum Inhalt des Stücks:

To Grill or not to Grill

Das ist "eine Vereinssitzung in zwei Akten". Die Jahreshauptversammlung des Tennisclubs Altenburg-Gera. Bei der es bei Tagesordnungspunkt 7 – "Sonstiges" – zum Eklat kommt. Denn die Wurst, die hier traditionellerweise eine Thüringer und aus Schweinefleisch ist, wird auf einem Holzkohlegrill gebraten. Der ist in die Jahre gekommen. Ein neuer soll angeschafft werden. Ein Gasgrill mit zwei getrennten Ebenen, integrierter Rotationsfunktion und Pizzastein. Soweit so innovativ.

Lebensmittel, Grill
Bei der vermeintlich richtigen Grillrostbestückung liegen gerne mal die Nerven blank Bildrechte: Benjamin Jakob

Doch dann meldet sich Melanie zu Wort. Die mit Erol, dem einzigen türkischen Mitglied des Vereins, die Bezirksmeisterschaft im gemischten Doppel erkämpft hat. Sie macht sich stark für einen zweiten Grill. Auf dem Erol, der Muslim, sein, dem Halal-Standard entsprechendes, Würstchen grillen soll. Ohne, dass es mit deutscher Schweinewurst in Kontakt kommt. Doch Erol will das gar nicht. Nützt ihm aber nichts. Weil seine gutmenschliche Doppelpartnerin das mit ihrem Mann, für ihn, den Türken, durchkämpfen möchte.

Es geht um die Wurst

Der um Ausgleich bemühte Vorsitzende bietet an, einen kleinen, von ihm nie benutzten Grill zur Verfügung zu stellen. Was Erol nicht passt, weil das wie ein Almosen wirkt. Schließlich kommt der Vorschlag, dass Erol doch seinen eigenen Grill mitbringen könnte. Doch der ist ein noch pompöseres Protz-Modell, als das, was sich der Verein selbst leisten kann. Das geht ja überhaupt nicht, findet der Kassenwart und mit Rasanz geht allen alles an Contenance und politischer Korrektheit verloren. Wir erleben eine Vereinssitzung als Spiegel unserer aus den Fugen geratenen Debattengesellschaft.

Robert Herrmanns als Matthias Scholz, Manuel Kressin als Dr. Heribert Bräsemann und Philipp Andriotis als Erol Oturan
Ein Tennisclub streitet über den Vereinssitzungspunkt "Sonstiges" Bildrechte: Ronny Ristok

Eine witzige Spielidee, in die die beiden Autoren alles reingepackt haben, was sich an interkulturellem Konfliktpotenzial finden lässt. Die Texte sind frech bis hin zur politischen Unkorrektheit.

Theater ist kein TV-Format

Doch beim Abarbeiten dieses Masterplans hakt es. Die Theaterbühne ist eben keine TV-Show. Dort treibt man den Sketch bis zum provokativem Ende. Das Publikum lacht. Weiter geht's mit dem nächsten Thema. Auf dem Theater aber geht es gerne auch mal etwas in die Tiefe. Wird im besten Fall eine Lösung angeboten. Da bietet der Abend wenig. Aber immerhin, er packt mal so richtig alles aus. Das reicht für ein kathartisches Lachen. Wobei es auch immer wieder Strecken gibt, bei denen das müder wird oder ganz ausbleibt.

Im Vordergrund Philipp Andriotis als Erol Oturan
Philipp Andriotis spielt Erol Oturan (vorne) Bildrechte: Ronny Ristok

Woran liegt das? In erster Linie daran, dass dieser auf Rasanz getrimmte Text mit einer zu "theatralen" Grundhaltung angegangen wird. Es knallt zwar mal hier, mal da. Aber das vorbereitete Feuerwerk wird nicht gezündet. Am besten macht das noch Manuel Kressin als Vereinspräsident Heribert. Dem nimmt man seine Windig- und Wendigkeit ab. Weil er diesen Typen einerseits klischiert, ihm aber auch eine authentische Substanz gibt. Philipp Andriotis aber, der den Türken Erol spielt, legt diesen viel zu glatt und gut und damit blass an. Da fehlt der Mut, den all die türkisch-stämmigen Comedians liefern, wenn sie sich und ihre Landsleute aufs Korn nehmen. Wobei das am Ende nicht mal den Schauspielern anzukreiden ist.

Es fehlt die Schärfe

Regie führt Alexander Flache. In einem Interview im Programmheft wird der gefragt: Was liegt bei Dir üblicherweise auf dem Grill? Und er antwortet: "Ich muss ja gestehen, dass ich Thüringer Rostbratwürste liebe! Aber es kommt auch sehr oft Gemüse und Grillkäse auf meinen Grill." Und genau diese Haltung nimmt auch dem Geschehen auf der Bühne die nötige Schärfe, die es für einen rundum überzeugenden Abend gebraucht hätte.

Das Stück "Extrawurst"
Vereinssitzung in zwei Akten von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob

Inszenierung: Alexander Flache
Bühne, Kostüme: Petra Linsel-Mahrer

Besetzung:
Erol Oturan – Philipp Andriotis
Dr. Heribert Bräsemann – Manuel Kressin
Torsten Pfaff – Thorsten Dara
Melanie Pfaff – Marie-Luis Kießling
Matthias Scholz – Robert Herrmanns

Aufführungen:
Samstag, 14. August 2021, 19:30 Uhr – Theaterzelt Altenburg
Sonntag, 15. August 2021, 18:00 Uhr – Theaterzelt Altenburg
Donnerstag, 19. August 2021, 19:30 Uhr – vor der Bühne am Park Gera PREMIERE
Freitag, 20. August 2021, 19:30 Uhr – vor der Bühne am Park Gera
Samstag, 21. August 2021, 14:30 Uhr – vor der Bühne am Park Gera
Sonntag, 22. 2021, 19:30 Uhr – vor der Bühne am Park Gera

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. August 2021 | 12:10 Uhr

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