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Das Musical "Jesus Christ Superstar" von Andrew Lloyd Webber erzählt die Geschichte des Menschen Jesus. Aktuell ist es in Freiberg zu sehen. Bildrechte: Detlev Müller

Kritik"Jesus Christ Superstar" in Freiberg: Leidensgeschichte mit Glamour

11. April 2023, 15:31 Uhr

Ein Skandal mit Erfolgsgeschichte: 1971 feierte das Musical "Jesus Christ Superstar" von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice Premiere. Viele Christen und Kirchen demonstrierten gegen das Stück, das Jesus Christus vor allem von seiner menschlichen Seite zeigt. Doch das Publikum weltweit war begeistert. Nun wird das Musical auch in Freiberg gespielt – in der Konzertkirche St. Nikolai. Während die Ideen des jungen Regisseurs kaum zu Geltung kommen, glänzen die Ausstattung und das Ensemble. Eine Kritik.

von Thilo Sauer, MDR KULTUR

Ein roter Vorhang verbirgt den Altar der Nikolaikirche in Freiberg – ähnlich wie wohl im alten Tempel Jerusalems die Bundeslade hinter einem Vorhang verborgen war. Doch in der Konzertkirche ist der heilige Bereich nicht ganz verdeckt: Die Spitze des barocken Altars ist noch zu sehen. Es sind hebräische Schriftzeichen, von denen goldene Strahlen ausgehen – ein Symbol für Gott, der so auch in der Freiberger Inszenierung von "Jesus Christ Superstar" von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice anwesend ist. 

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick auf vier weißgekleidete Gestalten frei, die sich abgehackt bewegen, vermutlich nicht ganz so synchron wie gedacht. Sie setzen sich stilisierte Tiermasken auf und lassen die Menschen in weißen Kutten von hinten durch den Mittelgang der Kirche auftreten. Im Programmheft verrät Regisseur Alexander Donesch, dass das die vier Evangelisten sein sollen. Sie wählen eine Glaubensgemeinschaft aus, die die Leiden von Jesu Christi nachspielen soll. Und immer, wenn die Show eine falsche Richtung einzuschlagen droht, greifen sie (auch rabiat) ein.  

Freiberger Inszenierung bleibt mysteriös 

In bunten Lettern, die an Flugblätter von Freikirchen in den Nullerjahren erinnert, wird ein Vers aus dem Johannes-Evangelium projiziert: "Was ist Wahrheit?" Das ist nicht nur in Bezug auf Fake News und Verschwörungstheorien eine spannende Frage. Denn sie zielt auch auf die Evangelien selbst, auf denen das Musical beruht. Im Vergleich zu anderen Quellen verzerrten diese Texte die Geschichte nämlich und legitimierten damit Jahrhunderte des Antisemitismus. Aber die Frage zieht sich bis in die heutige Religionspraxis, bei der man sich auch immer fragen muss, wer die alten Texte auslegt und ob diese religiösen Führer im Recht sind. 

In Freiberg geht es bei "Jesus Christ Superstar" auch im die Entwicklung des Christentums. Bildrechte: Detlev Müller

Leider kommen diese Ideen und Gedanken auf der Bühne kaum zum Tragen: Wer die Gestalten mit den Tierköpfen sein sollen, erschließt sich nur Eingeweihten. Die Gedanken zu Glaubensgemeinschaften und Sekten münden schließlich in eine etwas wirre Massenszene, bei der Jesus von zahlreichen Menschen umringt wird. Im Hintergrund werden Bilder von Kreuzen in Blutlachen und Jesus-Ikonografien mit Regenbogenfarben projiziert. Das wird der Komplexität des Themas nicht gerecht. Vermutlich hat sich der junge Regisseur Alexander Donesch mehr vorgenommen, als bei diesem Stück möglich ist. 

"Jesus Christ Superstar": ein Musical voller Power 

"Jesus Christ Superstar" ist vielleicht das vielfältigste und avancierteste Werk aus der Feder des überaus erfolgreichen Musical-Komponisten Andrew Lloyd Webber. Dabei ließ er sich vor allem vom Rock der Sechziger und Siebziger inspirieren, sodass sich symphonische Momente mit Glam-Rock und Balladen abwechseln. Gemeinsam mit Autor Tim Rice hat er sich für seine Rockoper eng an die biblische Vorlage gehalten, und die beiden versuchten, die menschlichen Seiten der Geschichte zu betonen. Deswegen wird ihr Jesus von Zweifeln geplagt, und das Hadern von Judas bekommt so viel Raum.

Die Beziehung von Jesus und Judas wird in "Jesus Christ Superstar" anders verhandelt. Bildrechte: Detlev Müller

Darum kann die Inszenierung in Freiberg insgesamt trotz der konzeptionellen Schwächen überzeugen. Denn Alexander Donesch, der bisher selbst als Darsteller am Theater tätig war und nun in Freiberg das erste Mal inszeniert, gibt den Charakteren den nötigen Raum, um sich zu entfalten. Er entwickelte kleine Choreografien für das gesamte Ensemble. Er findet kleine Wege und Gesten, mit denen die Darstellerinnen und Darsteller ihre inneren Sorgen zum Ausdruck bringen können.  

Ensemble des Mittelsächsischen Theaters zeigt Jesus cool und rockig

Dabei kommt ihm das starke Ensemble zugute, das das Mittelsächsische Theater in Freiberg versammelt hat: Yannik Gräf gibt einen Jesus, der stark und cool ist und dabei auch sanfte Seiten zeigt. Er performt mit einer rockigen Attitüde. Mit wieviel Kraft er in der Kopfstimme singt ist unglaublich, auch wenn es zuweilen etwas schrill klingt. Noch rockiger ist Marco Toth als Judas, der ziemlich auf Krawall gebürstet ist. Mit starkem Stimmeinsatz und viel Power röhrt er seine Einsätze.

Das Ensemble in Freiberg überzeugt in "Jesus Christ Superstar" mit gesanglicher und spielerischer Energie. Bildrechte: Detlev Müller

Susanne Engelhardt aus dem Ensemble blieb leider etwas blass, was auch an der Rolle der Maria Magdalena selbst liegt. Aber etwas mehr innerer Zweifel in den Balladen hätten der Figur die nötige Spannung verliehen. Publikumslieblinge waren auch Holger Thews als hadernde Pontius Pilatus und Tim Gernitz. Er zieht als Herodes im Goldgewand eine zynische Show ab, die immer mehr in Anklage übergeht, dass dieser Jesus kein Wunderbringer ist. 

Rockmusik in Freiberger Kirche 

Die Musik war gerade in der Nikolaikirche eine besondere Herausforderung. Auf der linken Seite sitzt ein reduziertes Orchester mit Mikrofonen und rechts von der Bühne eine vierköpfige Band. Durch die Lautsprecher, die Lautstärke und die Kirchenakustik droht das alles zu einem Klangbrei zu werden. Doch Dirigent José Luis Guttiérrez hält alles zusammen und beweist mit seiner beschwingten Art, dass er die Musik wirklich fühlt.  

Mit dieser Stimmung findet auch Donesch schöne Bilder für die Leidensgeschichte von Jesus. Dabei überzeugen auch die wunderbaren Kostüme von Nina Reichmann, die den Spagat schaffen, gleichzeitig biblisch und heutig zu sein. Der Chor, verstärkt von weiteren Laien aus Freiberg, kauern vor Jesus und singen ihre Leiden in eine Kamera. Die Live-Bilder werden hinter Jesus projiziert und erzeugen ein Gefühl der Überforderung.

Wenn Maria und Petrus von einem guten Ende singen, laufen im Hintergrund Soapszenen, die albern und hoffnungsvoll sind. Am Ende steht das gesamte Ensemble unter dem Kreuz. Nur Judas steht vor einem Spalt des sich schließenden Vorhangs und muss sich fragen, ob er eigentlich noch dazu gehört. Der Freiberger "Jesus Christ Superstar" lotet leider keine neuen Tiefen der wichtigsten Geschichten des Abendlands aus, aber bringt die Geschichte mit viel Energie dem Publikum nah – vielmehr wollte dieses Stück auch nie. 

Weitere Informationen"Jesus Christ Superstar"
Musical von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice

Musikalische Leitung: José Luis Gutiérrez Hernandez
Regie: Alexander Donesch
Ausstattung: Nina Reichmann
Mit: Yannik Gräf, Marco Toth, Susanne Engelhardt, Maria Joachimstaller, Holger Thews, Tim Gernitz, Frank Blees und anderen

Adresse:
Nikolaikirche Freiberg
An der Nikolaikirche 1
09599 Freiberg

Termine:
11. April, 19.30 Uhr
13. April, 19.30 Uhr
14. April, 19.30 Uhr
18. April, 15 Uhr
20. April, 19.30 Uhr
21. April,19.30 Uhr
22. April, 19.30 Uhr
23. April, 17 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 11. April 2023 | 08:10 Uhr