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Geburtstag

Heiner Müller – Von Verboten inspiriert

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Stand: 09. Januar 2019, 04:00 Uhr

Hornbrille, Zigarre, dunkles Outfit und stets einen geistreichen Satz auf den Lippen: So ist der Dichter und Dramatiker Heiner Müller in Erinnerung geblieben – rein äußerlich gesehen. Vor neunzig Jahren wurde der bis heute umstrittene Autor aus dem sächsischen Eppendorf, der Stücke wie "Die Hamletmaschine", "Quartett" oder "Der Auftrag" hinterlassen hat, geboren.

"Ajax zum Beispiel": Ein Heiner-Müller-Text, entstanden im wiedervereinigten Deutschland, wenige Jahre nach der sogenannten Wende. Eine Wiedervereinigung, die der Dichter mit sehr viel Skepsis betrachtet: Er spricht von Sieg und Niederlage.

Aus "Ajax zum Beispiel"In den Buchläden stapeln sich
Die Bestseller Literatur für Idioten
Denen das Fernsehn nicht genügt
Oder das langsamer verblödende Kino
Mein Blick aus dem Fenster fällt
Auf den Mercedesstern
Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch
Über dem Zahngold von Auschwitz und anderen Filialen
Der Deutschen Bank auf dem Europacenter

Verbote als kreative Impulsgeber

Es gibt Stimmen, die Müller nicht verstehen können oder wollen. Tränt da etwa einer der DDR hinterher? Einer DDR, die ihn zwar in den 80er-Jahren als düsteren Star auf ihren Bühnen gewähren ließ, aber doch auch lange Steine in den Weg gelegt hatte? Ihn mit Zwangsmaßnahmen ideologisch zu disziplinieren versuchte, Stücke verbot, Uraufführungen erst viele Jahre später gestattete? Zwangsmaßnahmen, denen Müller – ganz dialektisch – im Nachgang sogar noch positive Seiten abgewinnt.

Ich glaube auch sogar, ohne die Verbote meiner Stücke hier, hätte ich nicht das machen können, was ich gemacht habe.

Heiner Müller

Müller im Netz entdecken - muellerbaukasten.de

Müller hat selbst gesagt, dass er ohne die Verbote geschickt und clever Stücke hätte schreiben können, die gegangen wären. "Die Geld bringen, die gespielt werden." Allerdings sei er durch diese Verbote immer zurückgeworfen worden auf seine Ressourcen oder Reserven.

Inspiriert duch "Erfahrungsdruck"

Müller vermisst die DDR nach ihrem Untergang durchaus. Nur hat dies nichts mit irgendeiner Form von Sympathie zu tun. Den Entwurf DDR findet er miserabel. Was ihm aber mit dem Entschwinden des Landes abhanden kommt, dass ist sein Leben im schöpferischen Steinbruch. Sein Leben in der zunehmenden Diskrepanz zwischen der Utopie, eine Gesellschaft jenseits des Mammons wäre möglich, und der konkreten, realen Umsetzung.

Er selbst sagte, dass sich aus dieser Diskrepanz eine Spannung ergeben habe und dass das Leben in solch einer Struktur einen großen Erfahrungsdruck brauche. "Es gibt einen Text von T. S. Eliot, wo er schreibt, der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung", so Müller. In seinen Augen hieße das, dass man einfach besser schreibe, wenn der Erfahrungsdruck höher sei.

Nach der Wende ein Star - wider Willen

Die Wiedervereinigung hebt diese Diskrepanz auf. Die Utopien erlöschen, "was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart", so Müller. Sicher: Der Autor steigt zum Star auf, wird Intendant am Berliner Ensemble und Regisseur in Bayreuth, aber unter literarischen Aspekten findet Müller die Situation problematisch. Ihn selbst habe es damals nicht interessiert, was in Deutschland nach der Wende passiert sei.

Es ist ein Zurück in den Schoß des Kapitals und ich bin aufgewachsen mit der Hoffnung, dass eine andere Gesellschaftsstruktur möglich ist.

Heiner Müller über die Nachwendezeit

Er selbst könne nur schwer ein Stück schreiben über das Eingespanntsein in eine Struktur, für die Geld der oberste Wert sei.

Ein zeitgemäßer Blick auf die Welt

Was nicht bedeutet, er hätte zu dieser Zeit nichts mehr zu sagen. Wer sich überzeugen möchte, dem sei der Müller-Band "Für alle reicht es nicht – Texte zum Kapitalismus" von 2017 empfohlen. Ein Band, der beweist, wie zeitgemäß Heiner Müllers Blick auf die Welt noch heute ist.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 30. Dezember 2020 | 06:40 Uhr