Kritik "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs": Gelungenes Lehrstück vom Rosa von Praunheim

Rosa von Praunheims "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" wird auf der Bühne am Park in Gera gespielt. Nach der Uraufführung in Berlin inszeniert Regisseur Damian Popp die Farce für das Theater Altenburg Gera. Darin verliert Adolf Hitler seinen Penis an eine Ziege und begegnet im Himmel Friedrich dem Großen. Die beiden kommen sich näher, gestehen sich in einem Bühnen-Coming-out ihre Homosexualität ein. Unser Kritiker sieht darin ein gelungenes Lehrstück – mit einer kleinen Einschränkung.

Hitler und Friedrich der Große im Cowboy-Kostüm stehen vor einer Schaukelpferd-Ziege.
Das Theater Altenburg Gera spielt Rosa von Praunheims Farce "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs". Bildrechte: Ronny Ristok

Eine deutliche Warnung gleich vorweg: Wenn Sie zu den im Stück mal behaupteten 28 Prozent potenziellen AfD-Wählerinnen und -Wählern in Thüringen gehören sollten oder mit politischem Theater voller "Sprunghaftigkeit, Schweinereien, Musik und Pipi-Kaka-Pimmel-Poesie" nichts anfangen können, ist diese Inszenierung in der Bühne am Park in Gera mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das Richtige für Sie.

Denn genau mit diesen Attributen kommt hier eine relativ neue Farce von Rosa von Praunheim um die Ecke. Ein Theaterstück, das der altmeisterliche Befreiungskämpfer der deutschen LGBTQ+-Community vor zwei Jahren geschrieben und in eigener Regie am Deutschen Theater in Berlin zur Uraufführung gebracht hat.

Regisseur ist Experte für Rosa von Praunheim

In Gera hat den Regie-Job Damian Popp übernommen. Der ist ein 1988 geborener Sohn einer Bergbaufamilie vom Niederrhein, studierter Regisseur mit einiger Erfahrung auch auf den östlichen Bühnen des Landes (Rostock, Leipzig, Radebeul und Dresden) und hat seine Visitenkarte nun erstmals auch in Gera abgegeben. Die weist ihn als Experten für das Trash-Theater von Rosa von Praunheim aus, hat er doch im Herbst des vergangenen Jahres auch dessen jüngstes Werk "Zwei Fleischfachverkäuferinnen" am Schlosstheater in Moers zur Uraufführung gebracht.

Michaela Dazian trägt als Friedrich der Große einen breiten Hut, Antonia Marie Waßmund als Hitler eine rosa Uniform.
Antonia Marie Waßmund spielt in Gera Friedrich den Großen, Michaela Dazian als Hitler. Bildrechte: Ronny Ristok

Hitler und Friedrich der Große werden geoutet

Auch hier in Gera geht es um zwei Personen. Das sind allerdings keine namenlosen Fachkräfte von der Wursttheke, sondern Adolf Hitler und Friedrich der Große. Deren Tun und Lassen von diversen Vertretern der Geschichtswissenschaft schon seit längerem auf eine homosexuelle Grundierung hin erforscht wird. Ein rosa Faden, den von Praunheim gerne aufnimmt und für ein furioses Outing der beiden auf der Bühne sorgt.

Politische Pimmel-Poesie in Gera

Wir werden Zeugen, wie der kleine, offenbar schon mit nur einem Hoden im Sack zur Welt gekommene Adolf bei einer Mutprobe auf der Alm seines Onkels auch noch seinen Penis einbüßt. Aus unerfindlichen Gründen wollte er einer Ziege ins Maul pinkeln, die biss zu und Hitler hatte den Schaden. Wobei das historisch gesehen äußerst spekulativ ist. Laut Praunheim könnte auch ein Meerschweinchen Schuld gehabt haben.

Hitler mit Mickey-Mouse-Ohren und Friedrich der Große im Indianer-Kostüm stehen um ein Ziegen-Schaukelpferd.
In Rosa von Praunheims Farce verliert Hitler seinen Penis an eine Ziege. Bildrechte: Ronny Ristok

Alte weiße Männer im Himmel der Liebe

Soviel zu Teil eins der Geschichte. Im zweiten geht es dann eher um das Outing Hitlers als Homosexueller, dessen unterlassenes Outing dem Rest der Welt bekanntes Leid beschert hat. Teil drei hält dann noch eine Begegnung mit dem alten Fritz im Himmel bereit, der dort auf seiner Wolke noch immer an den Hämorrhoiden leidet, die er dem ewigen feldherrlichen Herumreiten auf Pferderücken zu verdanken hat. Die beiden Männer kommen sich näher und können sich hier im Himmelreich gegenseitig ihre wahre sexuelle Orientierung gestehen und endlich auch ausleben. Die Moral und Lehre von der Geschichte? Ein Outing zur rechten Zeit kann Dir und allen anderen viel Ungemach ersparen.

Friedrich der Große sitzt mit breitem Hut vorm Sternenhimmel.
Im Himmel wartet Friedrich der Große auf Adolf Hitler. Bildrechte: Ronny Ristok

Rosa von Praunheim in Gera: Trash oder Crash?

Das ist eine (w)irre Story, die in Gera auch mit einer gehörigen Portion Wahnsinn auf die Bühne gebracht wird. Dort agieren aber nicht zwei alte Männer, sondern mit Michaela Dazian und Antonia Marie Waßmund zwei junge Frauen, die sich mit aller Leidenschaft und Spielfreude in diese Farce stürzen und dem Publikum einen knapp anderthalbstündigen Parforceritt in Sachen durchgeknallter deutscher Geschichte und deren Langzeitfolgen auch für unser hier und heute bieten. Ein gelungenes Lehrstück, das trotzdem nicht jedermann und allen Frauen gefallen wird.

In einer Spielszene zeigt Friedrich der Große im Cowboy-Kostüm den Hitlergruß.
"Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" in Gera – ein gelungenes Lehrstück, das nicht allen gefallen dürfte, findet der Kritiker. Bildrechte: Ronny Ristok

Mehr Informationen "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs"
Farce von Rosa von Praunheim

Theater Altenburg Gera
Musikalische Leitung: Olav Kröger
Inszenierung: Damian Popp
Bühne, Kostüme: Hanne Konrad
Dramaturgie: Dr. Sophie Oldenstein
Besetzung: Michaela Dazian, Antonia Marie Waßmund

ab 16 Jahren
Dauer: 1 Std. 30 Minuten, keine Pause

Termine
Freitag, 27. Januar 2023, 19:30 Uhr, Bühne am Park Gera
Samstag 4. Februar 2023, 19:30 Uhr, Bühne am Park Gera
Sonntag, 26. Februar 2023, 19:30 Uhr, Bühne am Park Gera
Freitag 19. Mai 2023, 19:30 Uhr, Bühne am Park Gera
Samstag, 27. Mai 2023, 19:30 Uhr, Bühne am Park Gera

Redaktionelle Bearbeitung: Simon Bernard

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Januar 2023 | 08:40 Uhr

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