"Die bewegenden Geschichten mobiler Frauen" Vietnamesische Migration als Bühnenstoff am Chemnitzer Figurentheater

Mehr als 40 Jahre nach Ankunft der ersten vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen in der DDR, entwickeln das Team des Chemnitzer Figurentheaters und die einstige Leiterin der Bürgerbühne Dresden, Miriam Tscholl, ein neues Bühnenstück, das auf den Erfahrungen vietnamesischstämmiger Frauen basiert: "Die bewegenden Geschichten mobiler Frauen" ist nicht die erste Konfrontation sächsischer Bühnen mit diesem Thema.

Eine junge vietnamesische Frau in ihrem Zimmer in einem Wohnheim
Eine junge Vietnamesin in ihrem Wohnheim im sächsischen Oberlungwitz bei Chemnitz, 1988. Bildrechte: imago/HärtelPRESS

Warum kommen vietnamesische Frauen zum Arbeiten nach Chemnitz? Welche Erfahrungen durchlebte vor 40 Jahren die erste Generation der Vertragsarbeiterinnen und wie leben heute die Frauen der zweiten Generation in der mittelsächsischen Region? Die Suche nach den Geschichten der Frauen hat gerade erst begonnen. "Und um sie sichtbar zu machen, müssen wir erstmal ins Gespräch kommen", sagt Gundula Hoffmann, die das Figurentheater Chemnitz seit sieben Jahren leitet.

Im März hat das Figurentheater Chemnitz einen Aufruf für Frauen ab 18 Jahren gestartet, die in Vietnam geboren wurden oder einen vietnamesischen Familienhintergrund haben und die der Arbeit wegen in Chemnitz oder der Region leben. Willkommen ist, wer gerne über sein Leben und seine Arbeit sprechen oder vielleicht sogar selbst auf der Bühne stehen möchte.

Ergebnisoffen Recherchieren

Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne Dresden
Miriam Tscholl ist Regisseurin des Stücks "Die bewegenden Geschichten mobiler Frauen". Bildrechte: MDR/Judith Burger

"Wir verstehen uns tatsächlich erstmal als Fragende", erklärt Gundula Hoffmann den Hintergrund ihrer Recherchen für das neue Bühnenstück unter dem Arbeitstitel "Die bewegenden Geschichten mobiler Frauen" an dem auch Projektassistentin Van Pham beteiligt ist. Die Eltern der Chemnitzerin kamen zu DDR-Zeiten selbst als Vertragsarbeiter der ersten Generation in die Chemnitzer Region. Nun verbindet Van Pham, die interkulturelle Kommunikation in Chemnitz studierte und jetzt in Leipzig lebt, die umfangreichen Recherchen über die vietnamesische Community mit eigenen Erfahrungen.

Mit circa 100 000 Vietnamesinnen und Vietnamesen, die heute in Deutschland leben, ist die Community eher klein, unsichtbar und wird unter vielen Menschen in Deutschland vor allem als selbstständige Berufsgruppe mit eigenen Läden für Gemüse, Textilwaren, Blumen oder Imbisse wahrgenommen. Doch für das Chemnitzer Theaterteam gab es noch einen weiteren, nämlich aktuellen Impuls. Gundula Hoffmann: "Wir haben festgestellt dass heutzutage wieder viele junge Frauen aus Vietnam nach Chemnitz kommen, um beispielsweise in der Pflege zu arbeiten. Und da haben wir uns gefragt, ob sich da etwas wiederholt?" 

Wenn Generationen zusammen erzählen

Vietnamesische Gastarbeiterin in einer Baumwollspinnerei in Karl-Marx-Stadt
Eine vietnamesische Gastarbeiterin in einer Baumwollspinnerei in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) 1984. Bildrechte: imago/PEMAX

Mehr als 40 Jahre nachdem die ersten vietnamesischen Frauen als Vertragsarbeiterinnen in die DDR kamen, wissen Deutsche noch immer sehr wenig über ihre vietnamesischen Mitbürgerinnen. Der stille Aufstieg der zweiten Generation von Vietnamesinnen in deutschen Behörden, Banken und Universitäten könnte Teil der Geschichten sein, die von Schauspielerinnen, Bürgerinnen und Puppenspielerinnen gemeinsam auf der Chemnitzer Bühne erzählt werden.

Es wäre auch Van Phams Geschichte: "Meine Eltern haben nach der Wende 25 Jahre lang einen Blumenstand auf dem Chemnitzer Markt gehabt. Mir wollten sie eine bessere Ausbildung ermöglichen, ich konnte studieren." Viele Stereotype von "fleißigen Vietnamesen" stimmten, aber es gäbe auch eine Kehrseite, über die kaum einer spricht. Gerade die Kinder der zweiten Generation von Arbeitsmigranten stünden häufig unter starkem Erfolgsdruck. Sichtbar, aber bisher ohne Stimme waren ihre Eltern. Ganz anders Van Pham, sie arbeitet als Bildungsreferentin in verschiedenen Projekten in Leipzig und bringt sich mit dem Netzwerk ihrer Community auch aktiv in das Chemnitzer Theaterprojekt ein.

Arbeitsmigration als Stoff für Puppentheater und Bürgerbühne

Einblick in das Theaterprojekt HOME AWAY FROM HOME
In der Produktion "Home away from home" setzte sich das Europäische Zentrum der Künste Hellerau mit dem Thema der vietnamesischen Migration auseinander. Bildrechte: Heike Schwarzer

"Die bewegenden Geschichten mobiler Frauen" soll im November am Chemnitzer Figurentheater Premiere haben. Es ist nicht die erste Konfrontation sächsischer Bühnen mit diesem Thema. Auch in Dresden umkreiste das Theaterteam von Rimini-Protokoll am Staatsschauspiel und die taiwanesische Choreografin Fang Yun Lo im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau das Thema vietnamesischer Migration. Und jedes Theaterstück fügt dem Thema neue Aspekte und Bilder hinzu. In Chemnitz treffen jetzt Bürgerbühne und Puppenspiel aufeinander, Gundula Hoffmann: "Die Idee mit den Puppen ist, wenn man verschiedene Generationen zusammenbringt oder wenn Menschen sagen, sie möchten ihre Geschichte erzählen, aber nicht auf der Bühne stehen, dass dann die Puppen die Möglichkeit haben, deren Funktion zu übernehmen."

Wie fühlen sich vietnamesische Arbeitsmigranten in Deutschland? Was wollen sie über sich und ihr Leben erzählen? Im Figurentheater Chemnitz kommen jetzt vietnamesische Frauen zu Wort. "Die bewegenden Geschichten mobiler Frauen" wird ein Beitrag zum bundesweiten Theaterprojekt "Kein Schlussstrich unter den NSU".

Opernhaus Chemnitz
"Die bewegenden Geschichten mobiler Frauen" wird voraussichtlich am 6. November 2021 am Figurentheater Chemnitz Premiere feiern. Bildrechte: Nasser Hashemi

Hörspiel über das Leben vietnamesischer Einwanderer in der DDR

Thuy Nonnemann als "Mutter" bei Aufnahmen zum Hörspiel "Atlas" von Thomas Köck im MDR-Hörspielstudio, Oktober 2020 70 min
Bildrechte: MDR/Olaf Parusel
Thomas Köck, Autor, Dramatiker und Musiker 18 min
Bildrechte: privat

Im Hörspiel "Atlas" entfaltet Thomas Köck eine komplexe deutsch-vietnamesische Familiengeschichte. Anne Osterloh hat mit dem Autor gesprochen.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 09.11.2020 06:00Uhr 18:13 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. April 2021 | 10:15 Uhr

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Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei