100 Jahre Frauentag Mitteldeutsche Theater werden immer weiblicher – aber nur langsam

Anlässlich des Frauentages hat MDR KULTUR bei den staatlichen Theatern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nachgefragt, wie es um Geschlechtergerechtigkeit und -gleichbehandlung aussieht. In einer Umfrage wollten wir wissen, wie viele Frauen in Führungspositionen arbeiten, wie viele freischaffende Regisseurinnen engagiert werden und wie klassische Rollenmuster aufgebrochen werden. Das Ergebnis: Die Theater bemühen sich, aber es bleibt noch Einiges zu tun.

Karen Stone
Die Magdeburger Generalintendantin Karen Stone fördert Frauen am Theater. Bildrechte: dpa

Auf den ersten Blick sind die Zahlen ernüchternd: Von den 32 staatlichen Theaterhäusern in Mitteldeutschland werden nur vier von Frauen geleitet. "Da besteht ein großes Ungleichgewicht und wir müssen fragen, woran das liegt", stellt Lutz Hillmann fest, Intendant des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen und Vorsitzender des sächsischen Landesverbandes des Bühnenvereins. Das zeigt, dass die Fragestellung an den meisten Häusern mitgedacht wird, die Führungspositionen möglichst paritätisch mit ebenso viel Männern wie Frauen zu besetzen.

Gleichheit abseits der Intendanz

In diesem Sinne ist der Posten neben der Intendanz in der Theaterleitung an deutlich mehr Häusern mit Frauen besetzt. Insgesamt wurden 14 kaufmännische Geschäftsführerinnen berufen, die mit den meist männlichen Intendanten eine Doppelspitze bilden. Darunter ist beispielsweise Uta van den Broek, die unter anderem für das Neue Theater und die Oper Halle verantwortlich ist. Auch am Staatstheater Meiningen, dem Theater Erfurt und am Theater Plauen-Zwickau werden die Geschäfte von einer Frau geleitet. Dabei bleibt dennoch auffällig: Intendanz und kaufmännische Geschäftsleitung haben ungefähr gleichviel Macht in einem Theater, doch die Intendantinnen und Intendanten stehen eher im Licht der Öffentlichkeit – und damit sind die Männer sichtbarer.

Auf der Ebene darunter setzt sich das nur noch bedingt fort: Auf sechs Schauspieldirektoren kommen vier Schauspieldirektorinnen (wie am Mittelsächsischen Theater Freiberg-Döbeln oder dem Landestheater Eisenach), auf vier Operndirektoren sogar vier -direktorinnen (wie an der Oper Leipzig oder dem Theater Nordhausen). Von den 18 Generalmusikdirektoren an Theatern (reine Orchesterbetriebe wurden wegen der unterschiedlichen Organisationsstrukturen nicht berücksichtigt) sind nur zwei Frauen: Anna Skryleva am Theater Magdeburg und Ewa Strusińska am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Die Position an der Halleschen Oper sollte mit Ariane Matiakh besetzt werden, die die Stelle nach Konflikten jedoch nicht antrat. Darüber hinaus gibt es noch Dirigentinnen an den verschiedenen Häusern, wie die erste Kapellmeisterin Elisa Gogou am Anhaltischen Theater Dessau, in dem sonst überdurchschnittlich viele Männer Führungspositionen innehaben. Doch welt- und deutschlandweit fällt es Frauen immer noch schwer, sich in dieser Männerdomäne durchzusetzen, und die Veränderung setzt nur langsam ein. In der Dramaturgie arbeiten hingegen überdurchschnittlich viele Frauen, doch nur ungefähr ein Drittel der Chefdramaturgen sind Frauen – unter anderem am Eduard-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz, dem Theater Chemnitz und dem Theater Eisleben.  

Bei den technischen und nicht-künstlerischen Berufen zeichnet sich ein klarer Trend ab: Nur in Magdeburg gibt es eine technische Direktorin. Ebenso ist die Tontechnik und die Beleuchtung eher männlich dominiert. Im Gegenzug wird der Besucherservice immer von einer Frau geleitet. Das Künstlerische Betriebsbüro, also die Disposition von Künstlerinnen und Künstlern, wird nur an acht Häusern von einem Mann geleitet. 

Unterschiedliche Strukturen 

Diese Zahlen sind jedoch nicht vollkommen vergleichbar, weil sich in jedem Haus eine eigene Führungsstruktur herausgebildet hat. Das auffälligste Beispiel dafür ist vielleicht das Theaterhaus Jena: Auch hier wirkt es so, als hätte ein Mann die künstlerische und eine Frau die kaufmännische Leitung inne. Doch Heike Faude weist darauf hin, dass ihr Theater ein kleines Haus mit sehr flachen Hierarchien sei. Daher versteht sie sich mit Walter Bart als ein organisatorisches Leitungsteam, während die künstlerischen Projekte von der Gruppe Wunderbaum umgesetzt werden, die wiederrum paritätisch besetzt ist.

Theaterhaus Jena
Kollektiv geführt: das Theaterhaus Jena Bildrechte: dpa

Auch Joachim Klement, Intendant des Dresdner Staatsschauspiels, beobachtet, dass das alte patriarchale Herrscher-System an den Theatern langsam verschwindet und sich so auch mehr Möglichkeiten für Frauen eröffnen. Das bestätigt auch Sabrina Sadowska vom Theater Chemnitz: Mit der Überführung von Theatern in GmbHs habe auch ein Demokratisierungsprozess stattgefunden. Sie ist eine von drei Ballettdirektorinnen in Mitteldeutschland, denen zehn männliche Ballettdirektoren gegenüberstehen.

Woher stammt das Ungleichgewicht?

Dass immer noch ein Ungleichgewicht an den Theatern herrscht, liegt zum Teil auch daran, dass sich der Generationenwechsel nur langsam vollzieht. Gerade in den technischen Berufen seien viele Menschen schon in den 90er-Jahren angestellt worden, erklärten mehrere Theater. Aus der Umfrage geht allerdings hervor, dass die meisten Theater die Herausforderung der Gleichberechtigung bei Neuanstellungen mitdenken: Sie berichten, dass die Führungspositionen weitestgehend ausgeglichen besetzt seien, weisen wie Intendant Wolf E. Rahlfs vom Theater der Altmark in Stendal darauf hin, dass gerade Frauen an andere Häuser gewechselt seien oder sich keine Frauen auf die freie Stelle beworben hätten. Gerade bei kleineren Theatern sei die Bewerberlage oft dünn, die Bewerberinnenlage meist noch dünner. Das berichtet auch Stefan Neugebauer, Intendant des Theaters Naumburg.

Joachim Klement
Joachim Klement sieht gute Entwicklungen in der Theaterlandschaft Bildrechte: MDR/Alexandra Fröb

Hinzu kommt, dass die höchsten Positionen gar nicht vom Theater selbst bestimmt werden: Gremien und Parlamente der Städte und Länder entscheiden darüber, wer ihr Theater demnächst leiten soll. Mehrere Intendantinnen und Intendanten beklagen, dass hier weniger Bewusstsein für diese Frage vorhanden ist. "Die Kontrollgremien und die Entscheidungsgremien haben da eine Fürsorgepflicht", meint beispielsweise Joachim Klement vom Dresdner Staatsschauspiel. Der deutsche Bühnenverein zumindest versucht, das ein wenig zu ändern. Der Verband hat sich selbst auferlegt, alle Führungspositionen in Zukunft mit einer Doppelspitze zu besetzen. So sollen Frauen mehr Sichtbarkeit erhalten. 

Mehr Frauen "machen Mut"

Das Opernhaus des Theaters Magdeburg
Das Magdeburger Theater wird als einziges Mehrspartenhaus von einer Frau geleitet. Bildrechte: dpa

Wie wichtig das ist, zeigt sich am Theater Magdeburg. Dort leitet Karen Stone als einzige Frau in Mitteldeutschland ein Mehrspartenhaus. Mit Stolz erzählt sie, dass auch ihr Haus nicht ausgeglichen, sondern die meisten Positionen mit Frauen besetzt sind – auch die Technik wird von Christiane Hercher geleitet. Das habe nichts mit Programmatik zu tun – die Frauen hätten sie einfach mehr überzeugt. Vielleicht weil sie Frauen insgesamt mehr zutraue, vermutet Intendantin Stone. Auffällig ist, dass so auch der Spielplan weiblicher wird, mit mehr weiblichen Komponistinnen im Konzert und mit mehr Regisseurinnen. 

Auch an den beiden sächsischen Jugendtheatern, Theater der Jungen Welt Leipzig (TdJW) und Theater Junge Generation (tjg) in Dresden, stehen Frauen an der Spitze. Laut Lydia Schubert, Geschäftsführerin des Theaters der Jungen Welt, sind Frauen im Bereich sozialer Arbeit und Pädagogik generell gut vertreten. "Kinder- und Jugendtheater wird auch schlechter bezahlt", merkt Schubert an. 

Ein wichtiger Aspekt in der Debatte scheint in vierlerlei Hinsicht auch immer noch die Frage der Familienplanung zu sein, denn das Theater ist kein familienfreundlicher Arbeitsplatz: Die Proben dauern bis spät abends, und auch am Wochenende gibt es viel zu tun. Dass sich der Umgang mit Familie in der Gesellschaft gewandelt hat, macht die Arbeit für Frauen am Theater leichter, beobachten einige Intendanten: Auch Väter nehmen immer öfter Erziehungsurlaub und die Betreuungsangebote werden langsam besser.

Vielleicht geht es in Ostdeutschland deswegen sogar etwas einfacher. So klingt es zumindest bei Lydia Schubert vom Theater der Jungen Welt Leipzig: "Diese typische Unterscheidung von Männerrollen und Frauenrollen gab es so nie. So ist meine Generation auch groß geworden mit dem Bild, dass eine Frau alles alleine schafft – Kinder und Beruf. Aber dafür braucht sie auch ein gutes Netzwerk." Deswegen müssten diese Angebote ausgebaut werden, meint Schubert, um auch die Arbeitszeiten am Theater abzudecken. Johann Casimir Eule, Chefdramaturg und stellvertretender Intendant der Dresdner Semperoper, fordert sogar ein Programm des Staates, das bessere Rahmenbedingungen schafft.

Eine Frage der Generationen 

Ein wichtiges Mittel, um die Schieflage an den Theatern zu beseitigen, ist selbstverständlich die Förderung von Nachwuchs. "Es liegt mir einfach am Herzen, junge Frauen zu fördern", sagt Karen Stone. Das hat bei ihr viel mit Motivation zu tun. Denn sie bekommt viele Bewerbungen von Männern ohne Berufserfahrungen, während sich qualifizierte Frauen noch nicht für gut genug empfinden. Auch an anderen Häusern werden junge Frauen gefördert. Gerade für einzelne Produktionen werden viele Gäste an das Haus geholt, die sich um Regie und Ausstattung kümmern. Davon ist ungefähr die Hälfte weiblich.

Allerdings werden die Kostüme überdurchschnittlich oft von Frauen gestaltet, während die Bühnenbilder eher von Männern entworfen werden. Am Musiktheater sind seltener Regisseurinnen zu Gast. Das liegt laut Johann Casimir Eule, Chefdramaturg der Dresdner Semperoper, auch daran, dass es in diesem Bereich weniger Produktionen gibt, die meist aufwendiger sind und deswegen eher einer älteren Künstlergeneration anvertraut werden, unter der sich weniger Frauen befänden.

Hasko Weber, 2017, auf dem Balkon des Deutschen Nationaltheater in Weimar
Hasko Weber will das Thema Parität im Blick behalten. Bildrechte: dpa

In den Augen vieler Intendanten und Intendantinnen entwickelt sich die (mittel-)deutsche Theaterlandschaft schon in eine gute Richtung. "Es liegt ein klarer Fokus auf einem Frauen-Förderprogramm, mit dem man für Gleichberechtigung sorgt, und man sieht an vielen Stellen eine positive Entwicklung", erklärt Lydia Schubert (TdJW). "Jetzt braucht es vor allem Langmut", sagt sie. Das ist der Tenor in allen Häusern: In ein, höchstens zwei Generationen könnte das Ziel erreicht sein.

Das zeigt sich auch in den künstlerischen Studiengängen wie Dramaturgie oder Regie, die vermehrt von jungen Frauen abgeschlossen werden. Dennoch ist man sich an den Häusern bewusst, dass die Herausforderung weiter im Blick behalten werden muss. "Das ist ein Prozess, bei dem man sich nicht zurücklehnen kann", meint Hasko Weber, Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar (DNT) und Vorsitzender der Intendantengruppe des Deutschen Bühnenvereins. Denn das Theater nehme hier auch eine Vorreiterrolle ein, um den gesellschaftlichen Prozess voranzubringen.

Über die Quoten hinausdenken 

Obwohl die Theater in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt versuchen, ebenso viele Frauen wie Männer in Führungspositionen zu bringen, lehnen sie eine Quote eher ab. Denn bei Besetzungen in Theatern gehe es nicht nur um fachliche Kompetenzen, sondern auch darum, ob die Person charakterlich und ästhetisch ans Haus passt. Das ist bei kleineren Häusern wie dem Theaterhaus Jena umso wichtiger, erklärt Geschäftsführerin Heike Faude. Lydia Schubert vom Theater der Jungen Welt Leipzig meint: "Für mich als Frau ist wichtig, dass ich nicht wegen meines Geschlechts eingestellt werde, sondern ich möchte mit meiner Fachlichkeit und Persönlichkeit überzeugen."

Intendant des Schauspielhauses Leipzig Enrico Lübbe sitzt vor der Bühne
Enrico Lübbe will vor allem künstlerische Auseinandersetzungen Bildrechte: MDR JUMP

Dass beim Berliner Theatertreffen eine Quote eingeführt wurde, nach der fünf der zehn eingeladenen Produktionen von Frauen inszeniert sein müssen, wurde zunächst heftig diskutiert. Doch sowohl am Staatsschauspiel Dresden als auch am Schauspiel Leipzig, von denen in den vergangenen Jahren Produktionen eingeladen wurden, wird diese Idee inzwischen mit Wohlwollen beobachtet. "Als Ansatz und Impuls war und ist eine Quote schon wichtig", meint Enrico Lübbe, Intendant des Leipziger Schauspiels. "Wenn das Thema gesetzt ist – und im Kulturbetrieb ist es gesetzt –, muss man aber überlegen, wie man damit weitermachen will." Das Thema wolle er nicht nur im Personalbüro verhandeln, sondern lieber auf der Bühne, wo Männer und Frauen sich mit feministischen und vielleicht auch queeren Themen auseinandersetzen sollen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 08. März 2021 | 06:30 Uhr

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