KI-Kunst Tanz mit KI und Robotern: "Digital Baroque" in Gotha

Tanz und Robotik – passt das zusammen? Das will ein bunt gemischtes Team aus Künstlern und Ingenieuren in Gotha herausfinden. Gemeinsam wagen sie etwas völlig Neues und entwickeln ein Bühnenstück mit Menschen und Maschinen. Ein Maskenspiel des 17. Jahrhunderts wird dafür mit den Technologien des 21. Jahrhunderts vermischt. Jetzt feiert die experimentelle Performance mit dem Titel "Digital Baroque" Uraufführung in Gotha.

Ein Bühnenbild mit abstrakten Bäumen, auf der Bühne steht eine Frau und schaut auf eine schwarze Kiste. 4 min
Im Stück "Digital Baroque" agieren die Tänzerinnen und Tänzer mit Robotern. In einigen der Boxen befinden sich Menschen, in anderen nur Technik – die Frage, wer ist Mensch, wer Maschine zieht sich durch die Performance. Bildrechte: Patricia Hoffmann

Barocke Klänge schallen durch das Kulturhaus Gotha. Eine Tänzerin und ein Tänzer bewegen sich auf der Bühne, teils erkennt man in ihren Bewegungsabfolgen höfische Elemente, teils improvisieren sie frei. Die Geschichte, die sie erzählen, ist rund 500 Jahre alt. Alcina ist eine barocke Erzählung von einer Zauberin, die ihre abgelegten Liebhaber eigentlich in Büsche und Bäume verwandelt – in Gotha ist es nun etwas anders.

"Unsere Alcina verwandelt die Liebhaber in Roboter. Das sind dann beseelte Wesen, schwarze Kisten, die sich auf der Bühne bewegen", sagt Regisseur Christian Fuchs. Er und das Team sind gerade dabei, auszutesten, wie sich eine dieser schwarzen Kisten zwischen den Tanzenden auf der Bühne am besten steuern lässt. Gar nicht so einfach, es braucht viel Feingefühl, denn der Roboter reagiert auf die kleinste Anweisung der Fernbedienung.

Was ist Mensch, was ist Maschine?

"Digital Baroque" ist ein großes Experiment. Fuchs und sein Team wollen herausfinden, wie Mensch und Roboter auf der Bühne zusammenkommen können, wie sie gemeinsam die Kunst auf eine neue Ebene heben und einen Mehrwert schaffen können. "Oft sagen die Leute, wenn sie unsere Roboter sehen, die sind ja gruselig. Und das nehme ich als Qualitätsmerkmal", sagt er. Denn gruselig bedeute, dass sie "auf der Kippe zwischen lebendig und tot" seien: "Dass man eben nicht genau weiß, ist da jetzt ein fühlendes Wesen drin, das durch die Tür möchte. Oder ist da einfach nur ein Schaltkreis, dem gesagt wurde, fahre geradeaus. Und das finde ich superspannend."

Eine Bühne ohne Dekoration oder Bühnenbild, darauf eine Tänzerin und ein Mann mit einer Fernbedienung, der technisch ausgestattetes Holzgerüst steuert.
Tänzerin Jana Rath mit Roboterentwickler Andreas Karguth bei den Proben. Bei der Inszenierung wird schwarzer Stoff über die Box gespannt. Mit den Robotern zu interagieren ist eine tänzerische Herausforderung. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Was ist Mensch, was ist Maschine? Diese Frage zieht sich durchs Stück. Denn in einer der fünf schwarzen Kisten verbirgt sich am Ende gar kein Roboter, sondern ein Mensch. Beteiligt an diesem Konzept war auch der Gothaer Andreas Karguth. Er hat als Ingenieur Roboter für die Medizintechnik entwickelt, nun hat er seine Firma verkauft und beschäftigt sich mit Projekten, die ihm am Herzen liegen. Es gebe einen Spinnenroboter, ein Tentakelroboter, erzählt er, und einen kleiner Roboterhund, der für den ein oder anderen Lacher sorgen soll.

Die Auswahl der Roboter hat viel Zeit und auch viel Geld gekostet. Die meisten von ihnen sind Marke Eigenbau, alles andere wäre schlicht nicht finanzierbar gewesen. Dabei gab es schon üppige 150.000 Euro von der Niedersachsen-Stiftung und der Volkswagen Stiftung. Das reiche tatsächlich gerade so, wenn man so viel High-Tech ins Spiel bringe, sagt Karguth.

Tänzerische Herausforderung

Mit diesen Maschinen zu arbeiten, war für Choreografin Patricia Hoffmann gar nicht zu einfach: "Die Schwierigkeit bei den Robotern ist, dass man jetzt nicht aufhört zu tanzen und nur danebensteht, sondern dass man trotzdem in der Bewegung bleibt, aber halt den Fokus von sich selber wegnimmt." Das sei so ähnlich wie beim Puppenspiel. Man sei zwar als Mensch da, aber müsse es gleichzeitig schaffen, den Fokus von sich selbst wegzunehmen und so der Figur bzw. dem Roboter ein bisschen eine Menschlichkeit zu geben.

"Es ist schwer, die Denke und das Fortschreiten von Ingenieursentwicklung mit Kunstentwicklung abzustimmen", sagt Regisseur Christian Fuchs, "weil die Ingenieure die Roboter immer wieder mal in der Werkstatt nachjustieren müssen, und in der gleichen Zeit baut sich das Bühnenstück zusammen. Das zu synchronisieren ist schon hammerhart." Die Roboter sind zwar lernfähig, mal kurz auf einen Hinweis von Regisseur Christian Fuchs zu reagieren und etwas anders die Bühne zu betreten, wie das ein Tänzer könnte, das bekommen sie nicht hin.

Erfahrungen sollen weitergegeben werden

So war der Weg durchaus ein holpriger, gibt Fuchs zu. Aber Kern des Projekts sei schließlich gewesen, auszutesten, was geht. Am Ende soll alles in einem Abschlussbericht dokumentiert werden, damit andere daraus lernen können. So hofft das Team nun vor allem, dass die Roboter bei der Uraufführung keine Mätzchen machen – und bei diesem barocken Sinnesrausch surrend ihr Bestes geben.

Mehr Informationen und Termine:

"Digital Baroque"
von der Projektgruppe Dancetronic und GentleRobotics

Adresse:
Kulturhaus Gotha
Ekhofplatz 3
99867 Gotha

Termine:
Uraufführung am 11. November 2022, 19:30 Uhr
12. November 2022, 16 Uhr

redaktionelle Bearbeitung: Sabrina Gierig

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2022 | 08:40 Uhr

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