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DIe Inszeniereng wird von verschiedenen Sparten der Bühnen Halle gemeinsam bestritten Bildrechte: Anna Kolata

Neu auf der Bühne"Der neue Schauspieldirektor" in Halle: Was hat Mozart mit der Energiekrise zu tun?

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Stand: 02. Oktober 2022, 16:59 Uhr

Die vier Sparten Oper, Orchester, Ballett und Puppentheater bringen in Halle ein Stück gemeinsam auf die Bühne. Es fehlt das fünfte hallesche Bühnenstandbein, das Schauspiel – dabei heißt das Stück ausgerechnet "Der neue Schauspieldirektor". Warum es bei der Inszenierung noch andere Überraschungen gibt und wie sich dennoch alles hervorragend zusammenfügt, hat unser Theaterkritiker Stefan Petraschewsky erkundet.

Es ist diesmal keine übliche Eröffnung, sondern eine Kooperation des Puppentheaters mit drei anderen Sparten des Fünf-Spartenhauses in Halle: Mit dabei sind Oper, Staatskapelle, Ballett und das Puppentheater als Initiator. Was fehlt, ist das Schauspiel – dafür heißt das Stück dann ausgerechnet "Der neue Schauspieldirektor".

Inspiriert von Mozart

Pate stand ein Singspiel von Wolfgang Amadeus Mozart, das 1786 in Wien, im Schloss Schönbrunn unter dem Titel "Der Schauspieldirektor" (ohne neu) uraufgeführt wurde.

Neu ist jetzt schon mal die Länge. Von etwa einer Stunde im Original kommt man auf gut eineinhalb Stunden in Halle, es wird ohne Pause gespielt. Es gibt auch viel mehr Mozart zu hören, querbeet: Arien aus "Figaro", aus der "Entführung aus dem Serail", einen Bänkelgesang aus "Don Giovanni", Musik aus der "Zauberflöte", auch ein paar Takte aus Klavier- oder Klarinettenkonzerten. Und es ist auch vom Text eine Überschreibung oder auch Übertragung ins Hier und Heute.

Die Opernsängerin Vanessa und Romelia, dargestellt von Vanessa Waldhart (l.), Romelia Lichtenstein Bildrechte: Anna Kolata

Viel Theater

Im Mozart-Original ist es ein Stück Theater auf dem Theater: Der alte Schauspieldirektor muss mit den Eitelkeiten seines Ensembles kämpfen. Und dann kommt noch eine Ebene dazu, die es – sozusagen – zum Theater über Theater auf dem Theater macht. Das Ganze ist nämlich ein Auftragswerk des österreichischen Kaisers an Mozart und zur Uraufführung gibt es zum Mozartstück auch noch ein Stück von Antonio Salieri. Eine Art Opern-Wettstreit also: Wer ist der bessere Komponist in der Gunst des Publikums.

Aktuelle Bezüge zur Energiekrise

Christoph Werner, der Intendant des Puppentheaters und hier auch Regisseur, erfindet mit Dramaturg und hier auch Librettist Ralf Meyer, ein neues Setting: Auftragskunst heute sozusagen. In einem Prolog zwischen dem neuen Schauspieldirektor und dem Staatssekretär des Landes will letzterer die Kraft des Theaters in Krisenzeiten politisch nutzen: Energiekrise, Spaltung der Gesellschaft, die Menschen haben Angst und früher war alles besser!

Vielen Menschen würden auch nicht verstehen, warum am Kohleausstieg festgehalten werde. Deswegen brauchen wir, so der Staatssekretär, "ein Kunstwerk über den Kohleausstieg", der diesen quasi wieder schmackhaft macht. Dafür stellt der Staatssekretär auch einen Scheck aus, ohne die Summe einzutragen. Der neue Schauspieldirektor hat also einen Blankoscheck in der Hand – Hallelujah! Er muss seinem Ensemble nun aber verkaufen, dass die Regierung eine Gegenleistung erwartet.

Mit anderen Worten: es gibt viel dramatisches Potential für die folgenden Szenen. Und am Ende gelingt es dem neuen Schauspieldirektor auch nicht, beziehungsweise erst, nachdem er das Handtuch geworfen hat und seinem Ensemble die Wahrheit gesagt hat.

Die lebensgroßen Puppen sind eindrucksvoll und werden von schwarz umhüllten Schauspielern geführt Bildrechte: Anna Kolata

Die Wahrheiten und die Lügen

Zunächst versucht der Direktor, die Dinge schönzureden – streng genommen zu lügen. Die Lüge sei ja im Theater sowieso die Geschäftsgrundlage, betont der Direktor, denn alle Künstler reden sich ihre persönliche und finanzielle Situation immer wieder schön.

In dem Moment, in dem die Wahrheit dann am Ende auf den Tisch kommt, schweißt diese das zerstrittene Ensemble – Stichwort Eitelkeiten – wieder fest zusammen. Sogar der neue Schauspieldirektor tritt ins Glied; macht auf der Bühne mit – und gemeinsam gelingt es nun, den Regierungsauftrag zu erfüllen. Das ist in der letzten Szene ein augenzwinkernd schönes, plakatives Rampentheater, vielleicht das bestellte "Oratorium" mit dem Titel "Heraus aus der Kohle", wie es der Staatssekretär sich erbeten hatte.

Altbekannte Selbstbespiegelung wie bei Nestroy oder Tieck

Diese Selbstbespiegelung des Theaters auf der Bühne ist nicht neu. Nestroy, Ludwig Tieck oder Thomas Bernhardts Stück "Der Theatermacher" sind die Vorbilder. Und es ist die große Kunst, das ganze fein auszubalancieren.

Die Frage ist: Wie sehr ist das am Ende Klischee, was da auf die Bühne kommt? Anders gefragt: Wie konkret wird hier das prekäre Innenleben eines Theaters in Halle heutzutage angesprochen? Dieser Balanceakt gelingt für meinen Geschmack hier wirklich gut.

Auch aus dem Orchester heraus wird mitgespielt Bildrechte: Anna Kolata

Sogar die Musiker haben Sprechrollen

Zunächst das Bühnenbild, das in Andeutung ein kleines Barocktheater vorstellt. Vorne also das Orchester, 24 Musiker auf Parkett- und Zuschauerhöhe, dahinter eine erhöhte Guckkastenbühne. Darin treten auf: zwei Sängerinnen, eine Tänzerin, drei Puppenspieler, der neue Schauspieldirektor, aber auch der Dirigent (sehr gut aufgelegt Michael Wendeberg). Alle haben Sprechrollen, sogar die Musiker.

Bühne und Darsteller wirken im warmen, bewusst simpel gesetzten Scheinwerferlicht, schon sehr plüschig, also klischeehaft. Auch die Kostüme sind so, wie man sich das vorstellt, Mozartzeit eben. Aber dann gibt es doch kleine Brüche: Eine Klappmaulpuppe wie aus der Sesamstraße, eine Koloratursopranistin mit Freund in Linz und viermal Sport die Woche, eine Kammersängerin mit Wurzeln in Bulgarien, Rostock und inzwischen Halle. Das ist dann doch heutig und konkret – vielleicht auch privat – vielleicht ein Konzentrat aus verschiedenen Biografien.

Theater als Spiegel gesellschaftlicher Fragen

Auch hier herrscht wieder die schöne Balance, der kleine Akzent, der bewusst das Bild bricht. Unterm Strich ist es beides: das Klischee und damit wohl auch die Sehnsucht – und andererseits eben eine konkrete heutige Situation. Übrigens auch auf der Metaebene, das ist sozusagen die Botschaft des Abends: Ein Ensemble der Eitelkeiten ist ja auch eine gespaltene Gesellschaft, eine (Theater-)Gesellschaft – und es geht natürlich mit der Frage nach der Kohle auch immer um die Freiheit der Kunst!

Die Worte auf den Schildern formen gemeinsam den Satz "Willkommen zu Deiner ersten Spielzeit" Bildrechte: Anna Kolata

Für mich ist es damit eine Inszenierung, die sehr gut in die Zeit passt: Theater kämpfen nach Corona um ihr Publikum. Sie sind damit in Frage gestellt: Wie geht es weiter? Genau diese Diskussion wird hier in diesem Stück virtuos durchgespielt.

Mensch und Puppe tanzen zusammen

Die Schauspieler und Musiker waren alle so besonders gut, weil es um sie selbst ging. Jörg Lichtenstein als Schauspieldirektor ist mit seinem Verzweiflungsmonolog großartig! Lichtenstein hat sogar gesungen und Gitarre gespielt als Don Giovanni.

Überhaupt das Thema Genre- und Spartenwechsel: Da tanzt die Ballerina (Margherita Sabbadini) der Holzpuppe (Lars Frank) etwas vor und die Puppe macht es nach: ein Wettstreit als Pas de deux. Hier die Lebendigkeit und Grazie bei der Tänzerin, andererseits die Beweglichkeit der eigentlich toten Puppe, deren Glieder letztendlich auch voneinander unabhängig funktionieren. Die eine kann der anderen das jeweils Ihre beibringen. Da kommt dann schon der berühmte Kleist-Aufsatz ins Spiel mit dem Titel "Über das Marionettentheater" und damit die Frage nach der Beseeltheit der Akteure. Viel zu früh wird diese Szene abgebrochen, ausgeblendet – ein kleiner Wermutstropfen.

Ballett trifft Puppenspiel zum Pas de Deux Bildrechte: Anna Kolata

Trotzdem: Wenn am Ende die Kammersängerin Romelia Lichtenstein, egal ob in der Rolle oder in Wahrheit, zugibt, dass sie als Königin der Nacht die hohen Töne nicht mehr singen kann und ihr dann die Koloratursopranistin Vanessa Waldhart aushilft – und dann letztendlich ein wunderschönes Duett der Königinnen erklingt, dann ist Zuversicht im Raum. Auch die Gewissheit, dass durch Improvisation in einer prekären Situation Rettung naht. Pathetisch gesprochen heißt das: Ja, Utopie, Perspektive existiert für das Theater und für die Welt! Worauf das Theater ja immer auch verweist. Jedenfalls hat mich dieser Schlussakkord hier sehr berührt.

Die AufführungDer neue Schauspieldirektor

Bearbeitetes Libretto und neu zusammengestellter Musik von Wolfgang Amadeus Mozart
Koproduktion des Puppentheaters, der Oper, der Staatskapelle und des Balletts Halle

Aufführungsort:
Puschkinhaus, Kardinal-Albrecht-Straße 6, 06108 Halle/Saale

Regie: Christoph Werner
Musikalische Leitung: Michael Wendeberg
Bühne & Kostüme: Angela Baumgart
Choreografie: Michal Sedlacek
Libretto & Dramaturgie: Ralf Meyer

Besetzung:
Der Neue Schauspieldirektor: Jörg Lichtenstein
Herr von Holz und Sekretär vom Staatssekretär: Lars Frank
Albert und Staatssekretär: Sebastian Fortak
Clementine: Luise Friederike Hennig
Die Opernsängerin Romelia: Romelia Lichtenstein
Staatskapelle Halle

Aufführungstermine:
Sa, 08.10.2022, 20:00 Uhr
So, 30.10.2022, 18:00 Uhr
Sa, 05.11.2022, 20:00 Uhr
Sa, 26.11.2022, 20:00 Uhr
Do, 29.12.2022, 20:00 Uhr
Fr, 17.02.2023, 20:00 Uhr
Mi, 12.04.2023, 20:00 Uhr

Redaktionelle Bearbeitung: op

Mehr Kultur in Halle erleben

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 02. Oktober 2022 | 13:15 Uhr