Förderpolitik Freie Szene in Sachsen-Anhalt: Wie planen in Corona-Zeiten?

In Sachsen-Anhalt ist es im Moment nicht primär die Pandemie, die Kulturschaffenden die Sorgefalten auf die Stirn legt. Für die freie Theaterszene – also Solo-Selbstständige und Kulturstätten, die nicht regulär staatlich finanziert werden – ist das Frühjahr eine Zeit der Ungewissheit. Die Projekte des Vorjahres sind seit Ende Dezember abgerechnet, auf die neuen Bewilligungen warten sie noch. Auch die Figurenspielerin Julia Raab aus Halle steckt in der Förderspirale.

Zuschauerraum eines Theaters
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In Raabs aktuell im Hallenser WUK Theater laufenden Stück "Der schwarze Hund" hat die Depression viele Gesichter. So nimmt die Volkskrankheit tierische Gestalt an: eine vielköpfige Bestie, die im Dunkeln lauert. Die Depression aus dem Schatten ins Rampenlicht zu holen, ist Anliegen dieses Stücks. Als Wiederaufnahme von 2020 hat sich an der Relevanz des Themas nichts geändert, zwei Jahre Pandemie haben sie sogar noch verstärkt. Wie geht es weiter?

Die Figurenspielerin Julia Raab in ihrer Werkstatt, sie schaut besorgt in die Kamera.
Die Figurenspielerin Julia Raab in ihrer Werkstatt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Förderungslücke – jedes Jahr dasselbe Spiel

Das weiß auch Julia Raab nicht. Sie hat beim Land Sachsen-Anhalt vor einem halben Jahr die Förderung für ein neues Projekt beantragt. Ungefähr 50.000 Euro soll das neue Stück kosten. Die eine Hälfte finanziert vom Land, die andere von der Stadt Halle. Wenn alles klappt – denn bis jetzt hat sie vom Land weder eine Zu- oder Absage erhalten. Raab hat nun das Gefühl im luftleeren Raum zu hängen. Einerseits wartet sie auf die Bewilligung von Anträgen und andererseits hat sie sich entschieden noch nicht mit der Arbeit an den Produktionen anzufangen. Lust hat sie schon – aber dies wird durch Ärger überschattet. Weil sie noch nicht weiß, ob die Projekte bewilligt werden, oder nicht.

Das Problem hat einen seltsamen Namen: Förderungslücke. Freie Kunstschaffende wie Julia Raab können im Herbst Mittel für ihre Projekte beantragen. Eine Jury bewertet die Anträge und leitet ihre Empfehlungen an die Politik weiter. Und dort müssen sie dann durch die Mühlen der Haushaltsordnung. Und die mahlen langsam.

Auch Nicole Tröger, Sprecherin der IG Freie Theater Halle, ist verärgert. Denn es ist jedes Jahr das gleiche Spiel: Die freie Szene erhält Zu- oder Absagen frühestens im März, manchmal später. Und erst dann kann auch mit der Arbeit begonnen werden. Die Konsequenz ist, dass es bis zum Sommer nichts Neues auf den Bühnen in Sachsen-Anhalt gibt. "Die Frage ist, warum das Land nicht in der Lage ist, den Akteurinnen und Akteuren, die in Aussicht stehen gefördert zu werden, eine Information zu geben?", so Tröger.

Nicole Tröger, Sprecherin der IG Freie Theater Halle, schaut vor einem dunklen Hintergrund ernst in die Kamera.
Nicole Tröger, Sprecherin der IG Freie Theater Halle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine neue Regierung ohne beschlossenen Haushalt

Dieses Jahr könnte man wirklich depressiv werden, denn es ist alles noch komplizierter. In Sachsen-Anhalt gibt es eine neue Regierung, aber bis heute keinen beschlossenen Haushalt. Wieviel Geld für die Freie Szene des Landes am Ende zur Verfügung stehen wird, weiß noch niemand. Sicher, alles dauert seine Zeit – aber Zeit ist in diesem Fall fehlendes Geld für Theaterprojekte, die monatelang in der Warteschleife hängen.

Der Minister für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt Rainer Robra ist sich der Problematik bewusst. Das Beste sei, wenn sich diejenigen, die den Antrag stellen, mit denen zusammenschließen, die diesen konkret bearbeiten. Robra verspricht: "Spätestens wenn wir in der nächsten Woche mit der Landesregierung den Haushalt beschlossen haben, haben wir eine verlässlichere Planungsgrundlage und werden dann Mittel freigeben, im Rahmen der vorläufigen Haushaltsführung."

Rainer Robra (CDU), spricht im Plenarsaal des Landtages zu den Abgeordneten.
Der Minister für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt Rainer Robra. Bildrechte: dpa

Wichtig sei, dass nichts wegfallen müsse, was ohnehin schon unter schwierigen Bedingungen in der Pandemie nicht einfach zu halten gewesen sei. Das strukturelle Problem ist damit keinesfalls gelöst. Künstlerinnen wie Julia Raab würden, wenn die Regularien so bleiben wie sie sind, auch im nächsten Frühjahr wieder in der Förderungslücke landen.

Das Ziel einer flexiblen Finanzierung

An der Jury, die über die Projektförderung entscheidet, liegt es nicht. Wenn es nach ihr ginge, ließe sich die Hängepartie deutlich beschleunigen. Auch hier versteht man nicht, warum es nach ihrem Votum immer noch viele Monate dauern muss, bevor Fördermittel endlich bewilligt werden. Maria Gebhardt von der Landesjury sagt dazu: "Da sind wir als Interessensvertretung seit Jahrzehnten schon dran, darauf hinzuarbeiten, die verwalterischen Abläufe neu zu strukturieren."

Dies sei der nächste Arbeitsstein, um eine freie Szene im ersten Halbjahr zu ermöglichen. Für mehr Publikumswahrnehmung, wäre die stete Förderung ab Jahresbeginn unerlässlich. Dafür müsste die Landesregierung einfach flexibel über den Jahreswechsel hinweg ein Budget vorhalten, wie es andere Bundesländer längst machen.

Maria Gebhardt von der Landesjury an ihrem Schreibtisch
Maria Gebhardt von der Landesjury Sachsen-Anhalt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bis es so weit ist, finden in Julia Raabs Werkstatt im Frühjahr weiterhin nur Reparaturarbeiten statt. Darauf verlassen, dass ihre Förderanträge automatisch bewilligt werden, kann sie sich nicht. Die Freie Szene für Künstler bedeutet immer auch viel Freiheit von sozialverträglicher Absicherung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 10. Februar 2022 | 22:45 Uhr

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