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"Keep me in Mind"Erinnerungen in Bewegung: Theater Halle zeigt Performance über Holocaust-Überlebende

von Lydia Jakobi, MDR KULTUR

Stand: 06. Oktober 2022, 12:28 Uhr

Immer weniger Zeitzeugen können von den Grauen des Nationalsozialismus berichten. Dass diese Geschichten nicht verschwinden dürfen, zeigte der antisemitische Anschlag von Halle, der sich am 9. Oktober 2022 zum dritten Mal jährt. Aus diesem Anlass haben die Bühnen Halle die Regisseurin Christina Friedrich eingeladen. Ihre Performance "Keep me in Mind" ist eine Art Speed Dating, bei der Schauspieler und Laien dem Publikum von den Schicksalen mehrerer Shoah-Überlebender erzählen.

Christina Friedrich hat einige Papierbögen mit schlichten, fast kindlich anmutenden Zeichnungen vor sich ausgebreitet: Ein zweidimensionales Haus. Zittrige Linien, die das Kleid der Großmutter formen. Ein Soldat, der durch die Tür bricht und den Vater erschießt. Die polnische Jüdin Ester Liber hat sie in hohem Alter mit Kugelschreiber aufs Blatt gebracht. Da lebte sie längst in Israel und erzählte Friedrich von ihrer Kindheit.

Die Thüringer Regisseurin und Autorin hat die Geschichte von Ester Liber bei einer Recherchereise im israelischen Haifa eingesammelt, zusammen mit denen von sechs weiteren Holocaust-Überlebenden. Friedrich hat ihnen zugehört, hat sie malen lassen, wo Worte nicht ausreichten, und die Zeichnungen in einen Umschlag gesteckt.

In der Performance am Neuen Theater Halle wird die Geschichte von Ester Liber erzählt. Bildrechte: Eyal Dinar

Geschichten von Holocaust-Überlebenden in Halle weitergeben

Nun erzählt sie dem Schauspielstudenten Franz Blumstock aus dem Leben von Ester Liber. Er ist einer der – so nennt es Friedrich – Boten, die in ihrer Performance "Keep me in Mind" am Neuen Theater Halle die Schicksale der Überlebenden weitererzählen sollen: "Die Oral History verbindet sich mit der menschlichen Stimme, der Kapazität der Empathie", sagt Friedrich. "Die Narration erfährt dadurch nochmal eine Verwandlung. Das heißt, diese Geschichte reichert sich immer an mit den eigenen biografischen Momenten der Erzählenden."

Genau das ist die Intention der Performance "Keep me in Mind": Die Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden in Bewegung halten, indem sie im Theatersaal in einer Art Geschichten-Speed Dating von Mund zu Mund weitergetragen werden. Christina Friedrich hat dafür mit dem Grafiker Michael Brauchli zusammengearbeitet. Er habe geweint, als er die Bilder der Überlebenden zum ersten Mal sah, erinnert er sich. "Ich empfinde Zeichnungen als eine direktere Übersetzung von Erinnerungen. Und ich habe die Zeichnungen gesehen und hab gesagt: 'Wir müssen gucken, dass ganz viele Menschen diese Zeichnungen sehen'."

Gemalte Erinnerungen an die Shoah

Seit 2012 waren Friedrich und Brauchli mit dieser Idee unter anderem in Haifa, Berlin, Montreal, Marseille und Warschau zu Gast. Parallel dazu entstand ein Dokumentarfilm mit demselben Titel über das Projekt. In jeder Stadt fanden die beiden Macher Botinnen und Boten, die die Geschichten der sieben Überlebenden anhand der tausendfach kopierten Zeichnungen weitererzählen wollten. Mal Schauspieler, mal Finanzbeamtinnen, mal Jüdinnen und Juden, die an den jeweiligen Theaterhäusern einem Publikum an Tischen gegenübersaßen und zum Beispiel Ester Libers Flucht in den Wald schilderten.

"Keep me in Mind" hält Erinnerungen wach - und soll auch sensibilisieren, damit antisemitische Anschläge wie in Halle verhindert werden. Bildrechte: Eyal Dinar

Zweieinhalb Jahre hat sie dort gelebt und die Nässe, die Zweige, die Blitze später mit dem Kuli festgehalten. Ihre Bilder gehen trotz oder gerade wegen ihrer Einfachheit unter die Haut: Die Strichmännchen, die im Wald Kartoffeln braten. Der Soldat mit kastiger Uniform und starrem Blick, der auf dem nächsten Blatt plötzlich neben ihnen steht. Die flattrigen Punkte, die aus dem gezeichneten Gewehr hervorschießen und Esters Mutter und Schwester 1943 getötet haben.

Mehr als Erinnerungsrituale in Halle

Dass diese Erinnerungen gerade jetzt, zum dritten Jahrestag des Halle-Anschlags ins Theater kommen, ist eher Zufall als bewusste Entscheidung, meint Christina Friedrich: "Wir versuchen uns bewusst von normativen, ritualisierten Erinnerungs- und Gedenktagen fernzuhalten. Weil dabei immer wieder die gleichen Narrative und Rituale und eine Anonymisierung betrieben wird."

Die Performance "Keep me in Mind" ist in jeder Hinsicht anders: Sie lässt die individuellen Schicksale aus der Zahlen-Masse hervortreten, erlaubt ihnen, sich zu wandeln und zu entwickeln. Das ist zutiefst berührend.

Weitere InformationenDie Performance "Keep me in Mind" von Christina Friedrich und Michael Brauchli wird im nT Halle gespielt.

Termin: 9. Oktober, ab 14 Uhr
Es gibt mehrere Durchläufe von jeweils 30 Minuten.

Der Dokumentarfilm "Keep me in Mind" wird im Puschkino Halle gezeigt.

Termin: 9. Oktober 2022, 19:30 Uhr

Redaktionelle Bearbeitung: Thilo Sauer

Gedenken und Erinnerungskultur

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2022 | 07:40 Uhr