Interview Intendant Matthias Brenner: "Mein Star in Halle war das Publikum"

Im Herbst 2021 sorgte er für eine Überraschung in der Theaterwelt: Matthias Brenner bat um das vorzeitige Ausscheiden als Intendant am Neuen Theater Halle, zwei Jahre vor Vertragsende. Ein Rücktritt sei das nicht, erklärt der Schauspieler und Regisseur nun im Interview, sondern ein Schritt zur Seite. Er verrät, warum er das Publikum in Halle besonders vermissen wird – und was seine Zukunftspläne sind.

Ein Mann mit Brille blickt in die Kamera
Intendant Matthias Brenner wird die Bühnen Halle zum Ende der Spielzeit 2022/23 verlassen. Bildrechte: IMAGO / VIADATA

MDR um 11: Herr Brenner, die tolle Zeit in Halle hat ein definiertes Ende – drei Jahre bevor der Vertrag ausgelaufen wäre. Was sind denn die Gründe?

Matthias Brenner: Ich nenne mal zwei, die vielleicht verständlich sind – neben vielen sicherlich, die so mitwabern. Aber das Entscheidende ist, ich wollte nicht als Intendant enden in meinem Leben, sondern solange ich fit bin selbstbestimmt – auch wenn man so will – "aufhören" an einem vernünftigen Punkt, um noch neu durchstarten zu können.

Es ist kein Rücktritt. Ich sehe das eher als Schritt zur Seite, um Platz zu machen.

Matthias Brenner

Das war das eine. Ich wusste ja nicht, dass ich zwölf Jahre letztendlich diesen Job machen werde. Der zweite Grund ist, ich hab vor ungefähr 35 Jahren selbst mal gerufen und gebrüllt: Lasst doch mal die Jungen ran, ihr Alten! Irgendwann ist es Zeit. Es ist kein Rücktritt. Ich sehe das eher als Schritt zur Seite, um Platz zu machen.

Gibt es auch ein weinendes Auge?

Ja, gibt es auf jeden Fall, weil der Star für mich in Halle war das Publikum oder ist das Publikum. Das hatte ich auch nicht erwartet, dass ich mal so süchtig nach Menschen sein werde, die uns oder uns in unserer Zeit so immens unterstützt haben durch Treue, durch Kommen, durch Neugier.

Der Star für mich in Halle war das Publikum.

Matthias Brenner

Ich gehörte zu diesen Intendanten, die nicht sagen müssen: Ja, wir müssen ganz ernsthafte Themen machen, wir müssen mal ein paar lustige Sachen machen, damit der Saal mal wieder voll wird. Die Menschen in Halle sind zu Themen und zu ihren Schauspielern und Schauspielerinnen gekommen und haben uns vertraut, auch bei schwierigen Themen.

Worauf können Sie sich jetzt noch freuen in ihren letzten Tagen?

Wir haben gleich fast unmittelbar nach meinem Amtsantritt das Bedauern gehabt, ein Theatergebäude in Halle schließen zu müssen, das Kinder- und Jugendtheater Thalia. Wir haben es in unsere Gemäuer mit übernommen. Das war immens schwierig. Da danke ich noch einmal allen nachträglich, Technik und Mitorganisatoren im Hintergrund, wie wir das gelöst haben.

Und um darauf aufmerksam zu machen, dass das so wesentlich und immens ist: Kinder- und Jugendtheater als Bildungsfaktor - und natürlich Kultur- und Lebensfaktor - feiern wir 70 Jahre Existenz des Kinder- und Jugendtheaters in Halle. Und damit fangen wir gleich im Oktober ordentlich an.

Sie haben gesagt, Schauspielerei soll jetzt nochmal richtig kommen bei Ihnen und in den Vordergrund rücken. Meinen Sie damit Film oder doch eher Theater?

Auch Theater, das gerät in Vergessenheit. Klar habe ich in Halle nach drei Jahren, wo ich mich noch nicht in den Vordergrund geschoben habe und mich - mit Absicht - zurückgehalten hatte, auch Einiges gespielt. Aber ich habe meine Karriere als Bühnenschauspieler zugunsten des Intendanten in Halle und Regisseurs abgebrochen oder unterbrochen, so würde ich es nennen. Und da habe ich Signale bekommen, dass ich da noch einmal angreifen sollte.

Das Neue Theater in Halle zur blauen Stunde im Herbst.
Matthias Brenner hat das Neue Theater Halle 12 Jahre geführt. Bildrechte: MDR/Joachim Blobel

Das Interview führte Moderatorin Susi Brandt für MDR um 11.
Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 11 | 17. August 2022 | 11:00 Uhr