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Uraufführung von "Vorwärts. Wir sind vergessen"Neues Theater Halle: Stück von Brecht-Enkelin über Ernst Ottwald enttäuscht

von Matthias Schmidt, MDR KULTUR

Stand: 26. Mai 2022, 15:31 Uhr

Am Neuen Theater in Halle wurde am Mittwoch das Stück "Vorwärts. Wir sind vergessen. Ein ideologischer Totentanz" uraufgeführt – angelehnt an das Arbeiterkampflied von Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Geschrieben und inszeniert hat es Brecht-Enkelin Johanna Schall. Ihre Geschichte hat Potential, doch entstanden ist eine Inszenierung, die einer Geschichtsvorlesung gleicht. Eine Kritik.

Es gab in den letzten Wochen aus vielen deutschen Städten die Nachricht, dass den Theatern das Publikum fehlt, sogar in Premieren. Selbst großen Häusern wie dem Hamburger Thalia Theater, die das praktisch noch nie erlebt haben, geht es so. Das war auch bei der Uraufführung von "Vorwärts. Wir sind vergessen" am Neuen Theater in Halle der Fall. Ein trauriger Anblick. Am Ende hat es nicht mal zu einem wirklich stürmischen Schlussapplaus gereicht, obwohl auf der halbleeren Sitztribüne viele Freunde und Kollegen des Ensembles saßen. Das dürfte aber auch an dem Stück und seiner Inszenierung gelegen haben.

"Vorwärts. Wir sind vergessen" versucht, die Geschichte der kommunistischen Ideologie und das Leben eines vergessenen Dichters, Ernst Ottwalt, miteinander zu verweben. Beides bietet Lokalkolorit, denn Ottwalt hat in Halle gelebt, hat hier ein Gymnasium besucht und dementsprechend einige zeitgeschichtliche Einschnitte miterlebt. Eine sehr spannende Figur – fast wie Forrest Gump ist er immer dabei – bei den sogenannten Freikorps, die nach dem Ersten Weltkrieg die Revolution niederschlagen, auch beim Kapp-Putsch.

Später wechselt er die Seiten, wird Kommunist und schließlich im Exil in der Sowjetunion im Rahmen der stalinistischen Säuberungen inhaftiert, verbannt und wahrscheinlich ermordet. Als Autor war er unter anderem an dem Film "Kuhle Wampe" beteiligt – eigentlich eine spannende Figur für einen solchen Abend.

Die Figuren im Stück "Vorwärts. Wir sind vergessen" an Neuen Theater Halle bleiben auf Distanz. Bildrechte: Falk Wenzel

Spannende Geschichte aus Halle, aber wie eine Geschichtsvorlesung

Leider wirkt das Stück, geschrieben und inszeniert von Brechts Enkelin Johanna Schall, wie eine Art gespielte Geschichtsvorlesung. Statt Dialogen gibt es im Wesentlichen Aufgesagtes, in Ermangelung eines Schauspiels viel Kulissenschieberei. Ernst Ottwalt ist kein Protagonist, der die Handlung vorantreibt. Er wirkt wie ein in die Zeiten geworfenes Teilchen, das immer mal wieder aufgewirbelt wird. Man kommt ihm nicht nahe, er bleibt ein Holzschnitt.

Stattdessen dominiert den Abend eine Aneinanderreihung von historischen Informationen und Zahlen und Zitaten aus der Geschichte von etwa 1914 bis zu Ottwalts Tod 1943. Das wirkt wie einer dieser quälend langen Vorträge in Museen und Gedenkstätten: irgendwie ganz interessant, ganz sicher sehr wichtig, ab und an sogar kurz unterhaltsam, aber letztlich doch einschläfernd.

Szene aus dem Stück "Vorwärts. Wir sind vergessen" am Neuen Theater Halle Bildrechte: Falk Wenzel

Ein Stück mit Potential

Die Zeiten kommen und gehen und mit ihnen wechseln die Helme, die Jacken, die Staatssymbole. Vieles, was auf der Bühne mit ihren zwei fahrbaren Treppen-Traversen gemacht wird, wirkt unbeholfen. Treppe hoch, Treppe runter, klettern und springen, schieben und ziehen – Bewegung um der Bewegung willen.

Welches Potential in dem Stück steckt, spürt man immer, wenn Martin Reik ins Spiel kommt, der live auf der Bühne musiziert, singt und elektronische Samples einspielt. Er hätte ein Zentrum sein können, ein Lichtblick. Stattdessen ist er weitgehend im Halbdunkel am Bühnenrand abgestellt.

Irgendwann kurz vor der Pause, nach nicht enden wollenden Erläuterungen zur deutschen Geschichte ist endlich der "Titelsong" zu hören: in einer elektronisch instrumentalisierten Fassung. Das ist bewegend, das ist originell. Das lässt Fragen zu: Geht das noch, oder ist das nur noch ein Stück Gestern mit Gassenhauer-Qualitäten? Gibt es einen modernen Zugriff auf die Geschichte der Arbeiterbewegung?

Gleich danach erklingt das Original: Ernst Busch singt Brecht/Eisler: "Vorwärts, und nicht vergessen, die Solidarität!" Das hätte sein können, worum es in dem "ideologischen Totentanz" geht: die kommunistische Utopie zwischen Gänsehaut und Gruselschauer, mit einem Martin Reik, der in seinen Auftritten andeutet, dass er leichterhand ein großartiger Master of Ceremony hätte sein können. Aber da war es längst zu spät, um noch Spannung zu erzeugen. Oder gar Unterhaltung.

Szene aus "Vorwärts. Wir sind vergessen": Andocken mit den Figuren fällt bei der Inszenierung in Halle schwer. Bildrechte: Falk Wenzel

Es ist, als habe Johanna Schall Angst davor gehabt, die Musik könnte eine Revue aus ihrem Stück machen. Am Ende summen die Leute noch mit – das hat sie vermieden. Der Preis ist dafür hoch. Die Inszenierung macht es den Zuschauern sehr schwer, anzudocken. Schade.

Bildrechte: Falk Wenzel

Mehr Informationen"Vorwärts. Wir sind vergessen"
Ein ideologischer Totentanz am Neuen Theater Halle

Regie: Johanna Schall
Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse
Musik: Martin Reik
Kostüme: Jenny Schall
Dramaturgie: Cornelia Oehme

Mit:
Nils Thorben Bartling, Florian Krannich, Alexander Pensel, Hagen Ritschel, Sithembile Menck, Nicoline Schubert, Martin Reik, Kinga Schmidt

Weitere Aufführungen:
Dienstag, 31. Mai 2022, 18 Uhr
Mittwoch, 01. Juni 2022, 19.30 Uhr
Dienstag, 21. Juni 2022, 18 Uhr
Donnerstag, 23. Juni 2022, 19.30 Uhr
Mittwoch, 29. Juni 2022, 19.30 Uhr

Karten: 23 Euro (ermäßigt 11,50 Euro)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 03. Juni 2022 | 13:15 Uhr