Theaterkritik "Hannibal" in Weimar: Ein intensiver, radikaler Theaterabend

"Hannibal" feierte im Weimarer E-Werk Premiere. Ein Stück über Rechtsextremismus in der Bundeswehr und einen KSK-Soldaten, der sich radikalisiert. So wie das Thema, hat es auch die Inszenierung des Deutschen Nationaltheaters in sich: Der Ton ist robust, die Lautstärke hoch, das Tempo rasant. Über einen intensiven Theaterabend.

Tanzszene uniformierter Darsteller
Schauspieler in Kampfuniform: "Hannibal" am DNT ist inspiriert von der Realität Bildrechte: Candy Welz/DNT

Der 1982 geborene Autor Dirk Laucke ist einer der aktivsten Autoren für die zeitgenössische Bühne. Sein neuestes Stück heißt "Hannibal" und kam am 30. September im Weimarer E-Werk zur Uraufführung. Weil dort genug Platz für Elefanten ist? Kleiner Scherz, Laucke geht es nicht um die legendären punischen Kriege und die Alpen überquerenden Dickhäuter. Sondern um den Krieg, das Dienen in einer Armee und fremden Ländern und was das alles mit einem Soldaten unserer Zeit macht.

Von Rico, Schmitti und Danny

Der heißt im konkreten Fall Rico. Ein Bundeswehrsoldat, der diesen Job gerne macht. Weil er sich nützlich machen will. Oder besser gesagt, dienen – seinem Land. Daran findet er nichts Schlechtes. Wie sein Hauptmann. Den Rico sogar richtig gut findet, weil der wie ein Vater ist und das gute deutsche Offiziersideal verkörpert. Aber da gibt es auch noch Schmitti und Danny. Die sind Hauptfeldwebel und Oberleutnant, seine Ausbilder in der Eliteeinheit der Bundeswehr. Die schon etwas anderen Idealen nachhängen.

Dirk Laucke geht es in seinem Stück anhand rechtsextremistischer Vorgänge beim Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr um das Thema, wie einzelne Menschen, aber eben auch eine staatliche Institution, Gefahr laufen, aus dem demokratisch und rechtlich legitimierten Rahmen auszuscheren. Das wird anhand einer fiktiven Geschichte mit sehr realem Hintergrund erzählt. Denn es gab ein Netzwerk aus rechtsextremen Bundeswehrangehörigen, Polizisten, Anwälten und Security-Leuten, in dessen Zentrum ein ehemaliger KSK-Soldat aus Halle stand. Der unter dem Decknamen Hannibal agierte.

Hauptdarsteller Marcus Horn
Hauptdarsteller Marcus Horn als KSK-Soldat Rico Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dirk Laucke nimmt diesen und andere Fälle, den des KSK-Soldaten, der in Sachsen Waffen und Munition hortete oder dem, der sich eine syrische Zweitidentität aufbaute, um als solcher zum Terroristen zu werden auf und führt sie in einer fiktiven Geschichte modellhaft zusammen. Fragt nach Motiven dieser Menschen und analysiert auch die systemischen Fehler einer Armee, einer Gesellschaft, die zu solchen Entwicklungen führen können.

Kein Abend zum Zurücklehnen

Das Ergebnis auf der Bühne ist ein spannender politischer Theaterabend. Nicht wirklich schön, was am Thema liegt. Dafür aber intensiv und anstrengend. Knapp zwei Stunden, die man nicht gemütlich zurückgelehnt, sondern auf der Stuhlkante verbringt. Die auf der Bühne gehen aufs Ganze, rutschen aber nie ins Klischee ab. Hier gibt es glücklicherweise keine Schwarz-Weiß- oder Gut-Böse-Perspektive. Laucke verurteilt oder wertet nicht, er seziert und analysiert. Ohne jegliche Voreingenommenheit und Parteinahme. Er zeigt das Leben, wie es ist. Das tut gut. Gerade in Zeiten des vorschnellen Aburteilens von Haltungen, die nicht der eigenen entsprechen.

Zwei Darsteller, hockend auf der Bühne
"Hannibal" am Deutschen Nationaltheater Weimar begleitet die Radikalisierung eines Soldaten. Bildrechte: Candy Welz/DNT

Robust, rasant und laut

Eine Herangehensweise, auf die sich auch der Regisseur Sebastian Martin einlässt. Mit radikaler Sensibilität. Klingt erst mal widersprüchlich, macht aber den Reiz des Abends und seines robusten Grundtons aus. Da wird hart und schnell gesprochen. Auch die Gedanken haben Rasanz, inhaltlich ist man meist Stakkato unterwegs. Das erinnert mitunter schon an Rap. Einzig der von Marcus Horn souverän gespielte Rico bekommt immer mal wieder Momente, bei denen er aussteigen darf. Von der Figur zum Mensch wird. Ähnliche Momente sind Anna Windmüller als Mutter gegönnt.

Drei Schauspieler in Kampfuniform
Kampfeinsatz-Szenen auf der Bühne und in Videosequenzen – es kracht bei "Hannibal" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ansonsten setzt Regisseur Sebastian Martin auf einen jederzeit sicher geführten Parforce-Ritt durch die Story. Bei der auch immer wieder Videosequenzen zum Einsatz kommen. Das ist einerseits die übliche multimediale Spielerei. Lädt andererseits aber Kampfeinsatz-Szenen, bei denen es um Leben und Tod geht, so auf, dass es an entsprechende Szenen aus Filmen wie "Platoon" oder "Apocalypse Now" erinnert. Da hat dann aber auch ein Spezialist wie Bastian Klügel seine Expertise mit eingebracht. Am Ende findet alles sein Maß. Auch die Lautstärke. Bis 95 Dezibel sind drin, verrät ein Schild am Eingang. Wo man sich bei Bedarf auch gleich kleine Gummistöpsel für die Ohren aus einem Spender ziehen kann.

Das Fazit: Ein Abend, der es krachen lässt. Akustisch, spielerisch und inhaltlich. Mit entsprechendem Nachhall. Will heißen, solche Art von Theater regt zur weiteren Diskussion an.

Mehr Informationen "Hannibal" am Deutschen Nationaltheater Weimar
Schauspiel von Dirk Laucke

Regie: Sebastian Martin
Dramaturgie: Carsten Weber
Mit: Marcus Horn (Rico), Fabian Hagen (Mitch), Isabel Tetzner (Anna), Philipp Otto (Hauptmann), Bastian Heidenreich (Schmitti), Martin Esser (Danny)
Anna Windmüller (Lisa/Heike)

Premiere: 30. September 2021
Kommende Termine: 3., 7., 26. Oktober, 6. und 27. November sowie ab Dezember 2021

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2021 | 12:40 Uhr