Interview Öffnung des sächsischen Kulturbetriebes: Wie Hellerau in den Spielbetrieb startet

Die neue sächsische Corona-Notfallverordnung sieht eine Kopplung von Öffnungsperspektive an die Belegung von Krankenhausbetten vor. Dazu gibt es aktuell einen offenen Brief Kulturschaffender, die fordern, den Kulturbetrieb in Sachsen unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen aufrechtzuerhalten. Auch die Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste Dresden Hellerau, Carena Schlewitt, gehört zu den Mitunterzeichnenden. Im Interview mit MDR KULTUR spricht sie über die Angst vor der nächsten Schließung und den Anspruch von Internationalität in Zeiten der Pandemie.

Carena Schlewitt
Die Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau (EKZH), Carena Schlewitt. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Heute ist der erste Tag nach dem dritten Lockdown. Was überwiegt bei Ihnen – einfach der Optimismus?

Carena Schlewitt: Ja, wir sind eigentlich schon die ganze Zeit über, während der Pandemie, sehr optimistisch. Also ich würde schon sagen ja, wir bleiben optimistisch. Und wir freuen uns jetzt auf die Öffnung.

Wie groß ist die Angst, Sie haben ja auch diesen offenen Brief mitunterschrieben, dennoch wieder schließen zu müssen? Rechnen Sie damit in absehbarer Zeit?

Da es in der Verordnung so festgehalten ist, dass unsere Öffnung an die Bettenkapazitäten gebunden ist, ist natürlich diese Angst da. Denn wir wissen alle nicht, was jetzt mit Omikron auf uns zukommt. Insofern besteht natürlich die Angst davor, wieder schließen zu müssen und noch einmal abzusagen, zu verschieben etc. – eine Übung, die wir ja seit zwei Jahren permanent machen und wo wir aber auch merken, dass das mittlerweile nicht mehr wirklich zu vertreten ist und auch nicht mehr geht.

Inwieweit sind Sie denn vorbereitet auf die Verschärfung der Omikron-Lage? Wir haben in Sachsen ja noch die spezifische Situation, dass der Anteil der Ungeimpften relativ hoch ist und auch die Inzidenzen relativ hoch sind.

So richtig können wir uns ja gar nicht darauf vorbereiten. Was wir tun können, ist, dass wir in unseren Häusern selber, wenn wir wieder öffnen, sehr strenge Hygienemaßnahmen einhalten. Die Theaterhäuser und die öffentlichen Kulturorte sind ja mittlerweile fast Hochsicherheitstrakte geworden.

Wir achten sehr streng darauf – es gibt die 2G- und 2G-Plus-Regeln, FFP2-Masken, genügend Abstand, die Luftverhältnisse sind geprüft und so weiter. Ich würde sagen, bei uns sind die Sicherheitsstandards in gewissem Maße höher als an anderen Orten, die nach wie vor auch weiterhin geöffnet haben dürfen. Ich will das aber gar nicht gegeneinander ausspielen. Ich will einfach nur sagen, dass das Verständnis nicht wirklich da ist, warum dann ausgerechnet die Kulturinstitutionen schließen sollen. Die Vergleichbarkeit ist hier einfach überhaupt nicht gegeben.

Sie fragten, wie wir vorbereitet sind. Wir können dann einfach wieder nur reagieren. Und ich muss an der Stelle nochmal sagen, dass ich mich bei den Künstlern und Künstlerinnen enorm bedanke. Weil das, was die seit zwei Jahren mitmachen und mitziehen, finde ich mittlerweile auch extrem fordernd. Das, was Künstler und Künstlerinnen in ihrem Arbeitsalltag über sich ergehen lassen müssen und mittragen müssen.

Sie sind ja auch ein internationales Haus mit vielen Gastspielen und auch vielen internationalen Künstlern. Wie genau setzen Sie da Hygienevorschriften bei den Künstlerinnen und Künstlern durch?

Auch da gibt es ja Vorgaben, auch Vorgaben seitens der VBG. Das ist sehr genau aufgelistet, also die Impfpflicht auf der Bühne oder wenn bestimmte Abstände nicht eingehalten werden können. Oder es kann ja vorkommen, dass bestimmte Menschen sich nicht impfen lassen können, die werden ganz eng täglich PCR-getestet. All diese Maßnahmen werden streng von unserer Produktionsabteilungen und auch vom Bühnenmeister im Hinblick auf die freien Techniker und Technikerinnen usw. überprüft. Da ist ein sehr striktes und sehr engmaschiges Kontrollraster aufgebaut. Und im Bezug auf das Publikum gilt natürlich das, was in der sächsischen Verordnung enthalten ist. Sodass wir eigentlich rundum nach Regeln handeln, die in unserem Hygienekonzept festgehalten sind.

Zu sehen ist das Festspielhaus Dresden-Hellerau, links und rechts ragen Äste ins Bild.
Das Festspielhaus Dresden-Hellerau. Bildrechte: imago/imagebroker

Wie ist das jetzt, im dritten Jahr der Pandemie? Inwieweit können Sie diese Internationalität bei all diesen Schwierigkeiten und den unterschiedlichen Regeln, die es ja auch auf der Welt gibt, aufrechterhalten?

Das ist in der Tat schwieriger geworden und anspruchsvoller. In der letzten Spielzeit beispielsweise haben wir die internationalen Produktionen und Gastspiele verschoben und haben gesagt, wir warten mal noch die Entwicklung der Pandemie ab. Auch die Kompanien selber, die oft Tourings in mehreren Städten und Ländern haben, haben dann gesagt, das ist uns zu riskant, wir bleiben jetzt erstmal hier oder die Lage vor Ort war zu angespannt.

In dieser Spielzeit haben wir nun damit gerechnet, dass es sich langsam wieder entspannt, weil wir natürlich im Sommer mit den Impfungen gedacht haben, das wird sich alles verbessern und in eine andere Richtung entwickeln. Dann kam nochmal dieser Rückschlag.

Wir haben in der zweiten Spielzeithälfte ab Frühjahr durchaus auf internationale Gastspiele gesetzt. Auch jetzt schon im November hatten wir ein Gastspiel mit der Akram Khan Company – ein kleines Stück. Da ist keine große Kompanie gereist und wir haben das durchbekommen. Jérôme Bel mit der Produktion "Isadora Duncan" mit der Ausnahmetänzerin Elisabeth Schwarz wäre jetzt eigentlich vor dem Stück von Arila Siegert gewesen. Das mussten wir kurzfristig absagen. Sie haben jetzt zugesagt, dass sie am 2. und 3. Februar kommen können, also sehr spontan. Das ist allerdings auch eine kleine Produktion.

Ich bin sehr gespannt, wie es beispielsweise mit Sharon Eyal und Dimitris Papaioannou läuft, das sind die Namen, die dann im Frühjahr kommen. Wo wir dann stehen. Ich hoffe natürlich sehr, dass wir das realisieren können. Da müssen wir dann den Impfstatus abfragen und all diese Dinge der Reihe nach wieder abhandeln.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

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Carena Schlewitt 9 min
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Im Interview mit MDR KULTUR spricht Carena Schlewitt über die Angst vor einem neuen Lockdown und den Anspruch auf Internationalität in Zeiten der Pandemie.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 14.01.2022 06:00Uhr 09:11 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2022 | 08:40 Uhr